Berghain - Berlin

Der künstlerische Mitarbeiter

In einer bislang ungenutzten Halle des Berliner Technoclubs Berghain zeigen sich dessen Mitarbeiter von ihrer künstlerischen Seite. art-Korrespondent Kito Nedo hat die Ausstellung "Alle – Workers’ Pearls" besucht.

Das Frühjahr 1966 war eine gute Zeit für Andy Warhol. Im April bespielten die Leute aus seiner Factory und Velvet Underground, die neu entdeckte "Hausband" Warhols, mit der sehr erfolgreichen Multimedia-Show "Exploding Plastic Inevitable" für einen Monat "The Dom", einen großen, leerstehenden polnischen Tanzsaal im New Yorker
East Village. "Auf die eine oder andere Weise erreichten wir jetzt Leute in allen Teilen der Stadt, und zwar ganz unterschiedliche Leute", notierte Warhol später zufrieden in seiner Sixties-Chronik Popism. "Die Gruppen vermischten sich – Tanz, Musik, Kunst, Mode, Filme. Es machte Spaß, das MoMA-Publikum neben Teenies, Amphetaminschwuchteln und Moderedakteuren zu sehen."

Vielleicht wäre Warhol heute ähnlich begeistert vom Berghain, dem Berliner Technoclub, in dem seit Mitte der 2000er Jahre die diversen Easyjetset-, Leder-, Pop-, Techno- und Kunstszenen jedes Wochenende den gemeinsamen Rausch in einer brutalistischen Industrieruine in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs zelebrieren. Dass das Berghain auch
anziehend für Künstler ist, davon erzählen die beiden großformatigen Fotografien von Wolfgang Tillmans, welche die zum Berghain gehörende Panorama-Bar schmücken, oder die große Wandarbeit "Rituale des Verschwindens" von Piotr Nathan, die alle Clubgänger im Foyer des Berghains empfängt.

Einen neuen Blick auf die Kunstverstrickungen des Ortes bietet nun die von Neda Sanai und Peter Knoch organisierte Gruppenausstellung "Alle – Workers’ Pearls", die künstlerische Arbeiten von rund 35 Leuten zeigt, die im Berghain arbeiten – als Einlasser, Barkräfte, Reinigungskräfte, Handwerker, Techniker oder Lichtsetzer. Zu sehen ist die Schau im Kubus, einer bislang ungenutzten Halle auf der Rückseite des Clubs, die im Herbst als weiterer Veranstaltungsort für Konzerte und ähnliches eröffnet werden soll. Die Halle, die nicht weniger ehrfurchteinflößend ist als der Club, wirkt nicht zuletzt durch teilweise durchbrochene Betonböden und riesige, von der Decke hängende Trichterformen, wie das Innere eines riesigen Triebwerks. Es ist ein Raum, der förmlich nach einem großen Auftritt schreit, nach
übertriebenen Gesten.

Psychoaktives Filmmaterial

Am geschicktesten begegnet Sven Marquardt den Erfordernissen der Umgebung. Der Fotograf und Türsteher ist in der Ausstellung mit zwei großformatig in Szene gesetzten Pangestalten vertreten. Mythologisch stehen die bocksbeinigen Fabelwesen für ausschweifende Feierfreude, Musik und Tanz. Marquardt zeigt sie jedoch als kühl bis bedrohlich
dreinblickende Wesen der Nacht, die vielleicht dann auftauchen, wenn man mit panischem Schrecken registriert, dass der Punkt für den eleganten Abgang schon vor Stunden verstrichen ist. Die Hängung des auf Stoff ausgedruckten Foto-Diptychons wirkt wie ein zwischen zwei Metallstangen aufgezogenes Fellstück oder frisch gegerbtes Leder:
vielleicht ein Wink in Richtung Fetischkultur, auf die ein Teil des Berghain-Mythos gründet.

Der chemischen Seite des Nachtlebens widmet sich Sarah Schönfeld mit zwei abstrakten, großformatigen Foto-Farbabzügen. Die Künstlerin träufelte psychoaktive-Substanzen wie MDMA (besser bekannt als
Ecstasy) auf empfindliches Filmmaterial und entwickelt aus den ablaufenden chemischen Reaktionen heraus ihre fotografischen Bilder. So werden kristalline Strukturen und Farbverläufe sichtbar, die sowohl an experimentelle Bilder aus der Wissenschaft erinnern, als auch an die wahrnehmungserweiternde Wirkung, die vielen illegalen
Substanzen zugeschrieben wird.

Überhaupt das Kristalline, es begegnet dem Ausstellungsbesucher in mehrmals prominent, etwa als Muster eines "fliegenden" Teppichs von Viron Erol Vert oder im Aufbau einer schwebenden Strohhalm-Skulptur von No:sler. Die runde Kugel, der Schaum oder die Sphären, die der Fernsehphilosoph Peter Sloterdijk einst zum Modell für die
Beschreibung der Gesellschaft der Gegenwart erhob – sie zählt im Berghain-Universum offensichtlich wenig. Besser scheinen sich zackige Kristallstrukturen mit ihrer Zerbrechlichkeit und Härte zur Beschreibung der Erfahrungen in einer Berghain-Nacht zu eignen.

Alle – Worker’s Pearls

Termin: bis 26. August 2011 im "Kubus" des Berghain
http://www.berghain.de/

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