Kunst und Krise - Spanien

Zittern vor der Krise

Die Wirtschaftskrise trifft Spaniens Kunstwelt mit voller Härte: Museen müssen sparen und die Etatkürzungen lassen den Kunstmarkt schrumpfen. Doch Künstler wehren sich gegen die Sparpolitik – allen voran Santiago Sierra.

Als Rocío de la Serna und Cristina Fernández 2011 ihre Kunstgalerie "Twin Studio & Gallery" in Madrid eröffneten, dachten sie eigentlich, die Wirtschaftskrise würde bald vorübergehen.

Doch eineinhalb Jahre später ist immer noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Im Gegenteil: "Außer bei einer Vernissage, auf welcher der Künstler seine eigenen Sammler mitbrachte, konnten wir bisher noch nichts verkaufen", erklärt Cristina. Weder Werke bekannter Künstler, noch günstige Arbeiten aufstrebender Künstler wurden sie los. Die Hoffnung wollen die beiden dennoch nicht aufgeben. Mit Qualität möchten sie sich einen Namen in der Madrider Galerienszene machen. Doch erst einmal geht es ums Überleben. Wie? "Ausgaben drücken, anderen Jobs nachgehen, sich auf Messen und im Internet präsentieren, neue Wege zu Kunstsammlern finden", sagt Rocío. Aber der Moment für die beiden jungen Galeristinnen ist denkbar ungünstig. Spätestens seit vergangenen Jahres hat die schwere Wirtschaftskrise in Spanien endgültig auch den Kunstbetrieb erreicht.

Die Kunstszene Spaniens braucht neue Geschäftsmodelle

Der größte Kunstsammler war in den vergangenen 15 Jahren der Staat. Tourismus, Bauboom, die Wirtschaft wuchs. Massenhaft entstanden Regionalmuseen, die mit zeitgenössischer Kunst gefüllt werden mussten. Auch Bauunternehmen, Hotels sowie Banken und Sparkassen investierten immer mehr in Kunst. Doch dann platzte 2008 die Immobilienblase, die internationale Finanzkrise folgte. Unternehmen schlossen, die Massenarbeitslosigkeit stieg auf 25 Prozent. Krisengeschüttelte Banken und Firmen kauften plötzlich keine Kunst mehr. Sparkassen fuhren das Budget ihrer Kulturstiftungen empfindlich zurück. Viele Sparkassen wurden zwangsfusioniert oder verschwanden. Ein harter Schlag für Spaniens Kunstbetrieb, waren es doch vor allem die gesetzlich zur kulturellen Förderung verpflichteten Sparkassen, die den Kunstmarkt hatten aufblühen lassen.

Im Kampf gegen die ausufernden Schulden setzt nun auch der Staat den Rotstift drastisch im Kunstbereich an. Fördermittel für kleine Kunstbetriebe oder Künstlerstipendien wurden auf ein Minimum reduziert. Sogar das weltberühmte Prado-Museum wurde nicht verschont. Zwischen 2010 und 2013 kürzte die Regierung das Jahresbudget von 47 auf 38 Millionen Euro zusammen – also um fast 30 Prozent. Nicht viel besser sieht die finanzielle Lage im Madrider Reina Sofía Museum aus. Museumsdirektor Manuel Borja-Villel erklärt, die staatliche Unterstützung wurde in den vergangenen drei Jahren um rund 45 Prozent zurückgeschraubt.

"Wir müssen nun neue Geschäftsmodelle, neue Produktionsformen und ein neues Verhältnis zum Publikum suchen", erklärt Borja-Villel. Die Museen müssten vor allem enger zusammenarbeiten, Kosten und Ausstellungen teilen, sonst werden viele Einrichtungen die Krise nicht überleben, versichert er. Viele Provinzmuseen wie das Chillida-Museum im Baskenland oder das Niemeyer-Zentrum in Asturien mussten bereits schließen.

Den spanischen Galerien geht es nicht besser, zumal für die großen Galerien die Einkäufe der Museen rund ein Drittel ihrer Einkünfte ausmachten. Kunstmarktexpertin Teresa Navajas geht von Verkaufseinbrüchen von bis zu 70 Prozent aus. Dabei setzt die jüngste Mehrwertsteuererhöhung für Kunstkäufe von 16 auf 21 Prozent nicht nur allen empfindlich zu, sondern ist für den Staat auch kontraproduktiv, da sie den Schwarzmarkt beflügelt.

Steht die spanische Kunstszene vor dem Aus?

Die Madrider Galeristin Helga de Alvear fragt sich, wer noch spanische Künstler in Spanien kauft, wenn deren Werke in anderen Ländern mit geringerer Mehrwertsteuer günstiger zu bekommen sind. Der Galerienverband von Barcelona forderte von der Regierung bereits öffentlich die Wiedereinführung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes, andernfalls sähen sich 20 Prozent der Galerien von der Schließung bedroht.

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in der spanischen Galerienszene seien "beängstigend", versichert Helga de Alvear. Sie selber braucht sich kaum um ihr Geschäft zu sorgen und kann es sich leisten, auch weiterhin jungen, rebellischen Künstlern eine Chance zu geben. Doch selbst Spaniens wichtigste Galeristin leidet wie viele andere große Galerien unter der Krise. Seit fast einem halben Jahr konnte sie kaum noch etwas verkaufen, gibt die deutschstämmige Kunstsammlerin offen zu.

Bis Anfang März stellte Alvear in ihrer Madrider Galerie "Los Encargados" ("Die Verantwortlichen") von Santiago Sierra und Jorge Galindo aus. Viele Kunstfans und Privatsammler kamen vorbei, um die Videoinstallation und die riesigen Schwarz-Weiß-Porträts des spanischen Königs Juan Carlos und der letzten sechs Ministerpräsidenten zu sehen, die mit dem Kopf nach unten hängen. Der Provokakationskünstler Santiago Sierra gehört zu den derzeit angesagtesten Künstlern Spaniens. Zugeschlagen hat jedoch niemand, weshalb die Werke zunächst einmal an den Hamburger Bahnhof nach Berlin verliehen wurden, wo sie im Sommer ausgestellt werden.

Für Santiago Sierra sind Spaniens Politiker jedoch nur "Kellner, die die Gerichte anderer servieren". Die wichtigen Entscheidungen, die in Spanien die Krise nur noch verschlimmert haben, werden seiner Meinung nach in den Banken, in Brüssel, Washington und in Frankfurt getroffen. Doch seien es Spaniens Regierende, welche die "mörderische Politik umsetzen und das Land an den wirtschaftlichen und sozialen Abgrund führen", sagt der Künstler. Sierra animiert Spaniens jungen Künstler, sich in ihren Werken gegen diese Missstände aufzulehnen, warnt jedoch davor, dass dies auch zu einem schnellen Ende der Karriere führen kann.

Dieser Gefahr ist sich die junge Künstlerin Núria Güell aus Barcelona durchaus bewußt. Ihre Werke sind Gebrauchsanweisungen, wie man Banken Geld abknüpfen kann. Mit ihrer Installation "Intervención" protestiert sie unterdessen gegen die landesweiten Zwangsräumungen von Familien, die ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen können. Doch in Zeiten, in denen der Staat kaum noch Kunstprojekte unterstützt, kommen fast nur noch Unternehmen und Banken als Geldgeber in Frage, womit systemkritische Projekte junger Künstler wie Núrias´ "Protest gegen die Banken" nicht mehr gefördert werden.

Sie hat Glück und wird von der bekannten ADN Galerie in Barcelona vertreten. "Aber Jobanfragen kommen selten. Auch andere Arbeiten wie Lesungen, Vorträge und Werkstätten finden immer weniger statt", sagt Núria. Wie viele andere ihrer Künstlerkollegen überlegt auch sie, außerhalb Spaniens in Lateinamerika oder Osteuropa ihr Glück zu probieren. "In Spanien kann man heute kaum noch von der Kunst leben", versichert sie.

Selbst für bereits anerkannte Künstler wie Xavi Carbonell ist es derzeit schwer. "Früher haben Stiftungen oder Kulturzentren interessante Kunstprojekte nur abgelehnt, weil im Kalender kein Platz mehr war. Heute heißt die Standardantwort – kein Geld", erklärt Carbonell, der die Kunstkrise in Spanien zuletzt in seiner Performance "La muerte de un artista" ("Der Tod eines Künstlers") thematisierte. Es sei "brutal", wie Galerien und Kunstzentren die Zahl der Ausstellungen aus Geldmangel heruntergefahren haben. Er möchte aber nicht pessimistisch sein: "Wir sind Kämpfer. In Krisenzeiten muss man erfinderisch werden. Viele Künstler fertigen bereits kostengünstigere Werke an, um neue Sammler zum Kauf zu animieren. Wer den Sturm überlebt, wird gestärkt aus ihm hervorgehen”, sagt er.

Bis sich der Sturm legt, rät Kunstmarktexpertin Teresa Navajas jungen Künstlern allerdings, die Hälfte ihrer Zeit einer anderen Arbeit zu widmen und neue Marketingformen zu suchen. Der Markt sei blockiert. "Aufstrebende Künstler haben es schwer, überhaupt noch Galerien zu finden. Zudem sind Spaniens Sammler sehr konservativ. Die wenigsten trauen sich derzeit, auf junge Künstler zu setzen und investieren lieber in Großmeister wie Picasso und Miró oder in angesagte zeitgenössische Künstler wie Juan Muñoz oder Jaume Plensa”, beschreibt Navajas die Lage.

Damit Spaniens Kunstmarkt wieder aus der Krise kommen kann, fordert sie einen minimalen Mehrwertsteuersatz und die Einführung eines neuen Sponsorengesetzes mit Steuererleichterungen für kulturelles Engagement, das eigentlich schon Anfang des Jahres vom Parlament eingeführt werden sollte. Doch Steuersenkungen sind momentan in Spanien tabu. Statt Kürzungen im Kultur- und Bildungsbereich, fordert die Kunstmarktexpertin Investitionen. "Spanien ist ein Land, das kurzfristige, schnelle Lösungen sucht und das ist falsch. Wir müssen in die kulturelle Erziehung der Kunstkonsumenten von morgen investieren”, meint Teresa Navajas.


Mehr zum Thema im Internet