Abgang in Stuttgart - Sean Rainbird

Nach innen wirken

Sean Rainbird hat es nicht leicht gehabt. Der Direktor der Staatsgalerie Stuttgart hat viel Basisarbeit geleistet und wird das Haus nach Jahren des Umbruchs in einem guten Zustand einem Nachfolger übergeben können. Dass der einstige Leuchtturm im nationalen Vergleich keine große Rolle mehr spielt, hat aber nicht nur an den knappen Mitteln gelegen.
Wenig Spielraum:Wechsel von Stuttgart nach Dublin.

Sean Rainbird, Direktor der Staatsgalerie Stuttgart, wechselt nach Dublin

Die Erwartungen waren hoch, sehr hoch sogar. Schließlich kam Sean Rainbird von der legendären Tate London – und sollte als neuer Direktor der Staatsgalerie Stuttgart internationales Flair bringen. Mehr noch: Er werde das Museum an die "europäische Spitze" führen, frohlockte der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger. Nun verlässt Sean Rainbird Stuttgart schon wieder und wechselt an die Nationalgalerie Dublin – aber von internationalem Flair ist an der Staatsgalerie wenig zu spüren. Nach knapp fünf Jahren hinterlässt Rainbird bestenfalls ein solide aufgestelltes Museum.

Der Brite hatte es nicht leicht in Stuttgart, wo ihn nichts als Baustellen erwarteten. Die Gebäude mussten saniert und das Museum auf einen Landesbetrieb umgestellt werden. Sein Vorgänger Christian von Holst hatte zudem Ungereimtheiten im Stellenplan hinterlassen, der Rechnungshof rügte einen Überhang von elf Stellen – und hat das Museum bis heute auf dem Kieker. Keine Frage: Rainbird hat all diese Probleme gemeistert. Er hat das getan, was ein guter Museumsmann tun muss, sich um Wissenschaft, Pflege und Präsentation gekümmert. So wurde die Digitalisierung des Bestandes deutlich vorangebracht. Die aufwendige Restaurierung der "Grauen Passion" von Holbein steht exemplarisch für die Pflege der Sammlung. Rainbird hat die Bestände neu gehängt und dabei das Haus quasi auf den Kopf gestellt, indem er die Zeitgenossen in die Alte, die Alten Meister dagegen in die Neue Staatsgalerie holte. Das alles ist wichtige Basisarbeit in einem Museum.

Trotzdem wird das Kapitel Rainbird in Stuttgart wohl schnell vergessen sein. Denn als Ausstellungsmacher konnte Rainbird sich nicht profilieren. Edward Burne-Jones und John Constable waren ordentlich gemachte Ausstellungen, die aber keine neuen Maßstäbe in der Präsentation setzten. Das, so Rainbird, liege allein daran, dass die Staatsgalerie keinen Etat für Ausstellungen habe. Der Haushalt von sieben Millionen decke nur die Personalkosten gerade ab, sagt er, da werde jede Aktivität und jede Ausstellung zum Risiko. "Ein Haus streng und straff zu führen ist ein guter Ansatz", sagt er, "aber für Programm braucht man Mittel."

Dass die nicht üppig sind, das ist auch dem Land bewusst, aber die Staatsgalerie werde bei zusätzlichen Geldern für große Landesausstellungen bevorzugt, meint Arndt Oschmann von der Pressestelle des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Für Ankäufe gebe es Mittel aus der Museumsstiftung und "notfalls auch Wettmittel". Für den nächsten Haushalt sind zudem eine halbe Million Euro mehr beantragt. Auch das reicht nicht für große Ausstellungen. Vergleichbare Häuser in anderen Städten sind deutlich besser ausgestattet. Aber trotz aller Debatten ums Geld, hat Rainbird letztlich gehalten, was er immer offen gesagt hat. Er ist kein Freund von "Blockbustern", er wollte von Anfang an weniger Sonderausstellungen machen und vor allem mit der Sammlung arbeiten.

Rainbird hat sich mit den Gegebenheiten also nicht nur arrangiert – sie entsprachen letztlich seiner Vorstellung, dass er keine Kunsthalle betreiben wollte, sondern Museumschef sein. Der ehemalige Kulturstaatssekretär hat es einmal so gesagt: Rainbird müsse eben "nach innen wirken". Das hat Rainbird getan, weil es letztlich auch seinem Naturell entsprach.

"Die Sammlung ist erste Sahne"

Visionen sind Rainbirds Sache nicht. Er hatte wenig Spielraum, aber er hat auch nicht wirklich um neuen gekämpft. Er ist stets defensiv geblieben, hat sich immer bemüht, mit den Problemen fertig zu werden, aber hat es nicht geschafft, aus der Not eine Tugend zu machen oder mit pfiffigen Ideen jenseits großer Sonderausstellungen zu überraschen. Als sich abzeichnete, dass die Sanierung den Betrieb deutlich mehr belastet als zunächst vermutet, betrieb er über Monate Flickschusterei, statt beispielsweise beherzt zu schließen und eine fulminante Neueröffnung hinzulegen.
Aber die selbstbewusste, mutige Entscheidung ist Rainbird genauso suspekt wie Lautes und jegliche Form des Spektakels. Er ist ein Leisetreter und nicht für Getöse zu haben – mit dem Erfolg, dass man die Stimme der Staatsgalerie Stuttgart inzwischen kaum noch vernimmt.

Auch in der Stadt selbst hat Rainbird seinen Platz nie richtig gefunden. Das lag auch daran, dass man ihn selten sah, dass er am öffentlichen Leben wenig teilnahm, weil er nach wie vor am Wochenende zu seiner Familie nach London pendelte. "Ich habe ein Recht auf Familien- und Privatleben", sagt Rainbird, "wenn ich zwischen Berlin und Stuttgart gependelt wäre, hätte keiner etwas gesagt." Und außerdem: "Bin ich ein politischer Vertreter des Landes oder ein Museumsdirektor?" Diese Frage muss sich wohl auch das Land stellen, ob es wieder einen soliden Sachverwalter seiner musealen Schätze haben will – oder aber einen Visionär, der den einstigen Leuchtturm wieder stärker ins Gespräch bringt und zum Schauplatz aktueller Debatten macht. Viel Zeit bleibt bei der Suche nicht, schon im Frühjahr wird Rainbird vorzeitig Stuttgart verlassen. Die finanzielle Situation macht das Haus nicht attraktiver. Immerhin, "die Sammlung ist erste Sahne", sagt Rainbird. Ein Garant für Erfolg, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, ist eine Sammlung allein aber nicht.