Yilmaz Dziewior - Interview

Es hilft nichts, sich ständig zu beklagen

Das Kölner Museum Ludwig hat nach dem überraschenden Abgang von Philipp Kaiser rasch einen neuen Direktor gefunden: Yilmaz Dziewior ist Rheinländer, leitete acht Jahre den Hamburger Kunstverein und ist derzeit noch Direktor des Kunsthauses Bregenz. Ein Gespräch über kulturelle Identität, Ausflüge in Problemviertel und die kölsche Art der Mangelverwaltung.
Von der Aushilfe zum Direktor:Yilmaz Dziewior wird Direktor des Museum Ludwig

Yilmaz Dziewior, bald Museumsdirektor in Köln

Herr Dziewior, der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters hat angekündigt, mit Ihnen als Direktor würde das Museum Ludwig neu positioniert. Wie wollen Sie diese Neuausrichtung in Angriff nehmen?

Das Haus hat eine großartige Tradition und eine spektakuläre Sammlung – das gilt es natürlich zu stärken. Aber ich glaube, und das wird Roters gemeint haben, dass mit einem neuen Direktor auch neue Impulse ins Haus kommen. Meine Impulse bestehen darin, was man vereinfachend als globalen Diskurs bezeichnen könnte: Mir geht es um das Thema der kulturellen Identität, das hat mich schon immer interessiert. Das Museum Ludwig hat ja auch eine eigene Geschichte dazu, die lange Jahre nicht mehr aktiviert wurde, weil es andere Interessen gab.

Irene und Peter Ludwig dachten bereits global und haben sehr viel außereuropäische Kunst gekauft.

In der Sammlung gibt es ganz hervorragende Arbeiten aus Afrika, Asien und Lateinamerika – auch zeitgenössische wie eine wunderbare Arbeit von Bodys Isek Kingelez, die sogar der Stadt Köln gewidmet ist. Das ist ein Moment, das ich hier mit Sicherheit verfolgen werde.

Anders als in Bregenz finden Sie in Köln eine umfangreiche Sammlung vor.

Auf die freue ich mich erst mal riesig. Gleichzeitig kenne ich die Sammlung schon sehr gut, weil ich sie vor 20 Jahren als Student – zwei Tage die Woche – inventarisieren durfte. Auch im Kunsthaus Bregenz, das keine allzu große Sammlung hat, habe ich das Sammeln sehr betont und die Neuerwerbungen ins Schaufenster gestellt. Mir ist so etwas wie ein kulturelles Gedächtnis wichtig. Ausstellungen sind toll, aber es wird natürlich mein Bestreben sein, über diese hinaus etwas im Haus zu behalten. Ich möchte bei den Positionen, die wir in den nächsten Jahren vorstellen werden, immer auch versuchen, Arbeiten für die Sammlung zu erwerben.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollen die Kunst näher ans Leben bringen.

Auch dafür steht das Museum Ludwig mit seiner Pop-Art-Sammlung. Das war ja die Prämisse der Pop Art und darüber hinaus von Fluxus und der 68er-Bewegung. Aber diese Losung „Kunst ans Leben bringen“ hat mehrere Motive: Ich möchte mit Künstlern arbeiten, die dieser Gedanke ebenfalls umtreibt, bei denen das Gesellschaftliche schon ins Werk eingeschrieben ist, und in Bregenz ist es uns ganz wunderbar gelungen, das Haus für ein anderes Publikum zu öffnen. Wir sind ganz bewusst in Problemviertel gegangen, haben dort mit Jugendzentren gearbeitet und versucht, die Sprache der Jugendlichen zu lernen. Das liegt mir am Herzen: Besucher für das Museum zu gewinnen, die sonst nicht so viel mit Kunst zu tun haben. Das liegt auch an meiner eigenen Sozialisierung: Meine Eltern können bis heute nichts mit aktueller Kunst anfangen.

Sie haben sich vertraglich zusichern lassen, dass die strukturell bedingten Finanzprobleme des Museums von der Stadt angegangen werden. Wie schätzen Sie generell die finanzielle Lage ihres neuen Hauses ein?

Der Ankaufsetat kann sich im Verhältnis zu anderen Häusern sehen lassen. Aber Sie wissen, was ein Gerhard Richter kostet, da sind eine Million Euro schnell aufgebraucht. Man muss jung kaufen, also von Künstlern, die am Anfang ihrer Karriere stehen, oder vereinzelt sehr wichtige Werke von etablierten Künstlern, was ja in Kooperation mit den Künstlern auch meistens möglich ist. Ich bin außerdem froh, dass ich zusätzliches Geld für die Präsentation der Sammlung erhalte, denn was nützt die schönste Sammlung, wenn man sie nicht bewegen kann. Heute gleicht die Neupräsentation eines Werks häufig einer Neuproduktion, der aufwendige Barbara-Kruger-Raum aus dem letzten Jahr ist dafür das beste Beispiel.

Woran mangelt es?

Es gibt keinen eigenen Etat für Publikationen und auch für die Vermittlung nicht. Dafür hat man in Köln andere Wege gefunden. Die Kataloge werden aus dem Ausstellungsetat bezahlt, die Vermittlung aus dem Etat des Museumsdiensts. Überhaupt kein Geld gibt es, um das Haus ganz allgemein, unabhängig von einzelnen Ausstellungen, zu bewerben. Diese Strukturen muss ich mir noch näher anschauen, um mich dann zu positionieren.

Streit ums Geld gehört in Köln praktisch zur Stellenbeschreibung eines Museumschefs.

Aber das Wichtige ist: Dieses Museum hat so viele Eigenschaften, die es in Deutschland einzigartig machen. Ich will das positiv angehen. Es hilft ja auch nichts, wenn Sie sich ständig bei der Politik beklagen. Sie müssen sagen: Das und das und das ist alles toll, aber ich brauche vielleicht noch ein bisschen was. Das ist mir in Hamburg und Bregenz immer gelungen. Und da ich die kölsche Mentalität ganz gut kenne, bin ich auch für das Museum Ludwig zuversichtlich.

Mit ihrer Berufung versucht die Stadt zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit, den Generationswechsel an der Spitze des Museum Ludwig zu vollziehen. Fühlen Sie sich in der Pflicht, das Programm Ihres Vorgängers Philipp Kaiser in Teilen fortzusetzen?

Ich fühle mich da in keiner Pflicht. Aber es gibt natürlich große Überschneidungen in den Interessen von Philipp Kaiser und mir. Louise Lawler, Andrea Fraser oder Ed Rucha: Das sind alles Berührungspunkte. Aber mein Blick ist ein anderer, es werden sich wieder Dinge ändern. Jeder Kurator hat immer ein besonderes Verhältnis zu seiner eigenen Generation und seiner Heimat: Bei mir sind das Kölner Künstler wie Cosima von Bonin, Kai Althoff, Rosemarie Trockel, Marcel Odenbach oder Georg Herold. Es gibt ein unglaubliches Potential in der Stadt. Man darf nicht jammern, man muss den Schatz betonen und die Künstler vor Ort mit einbeziehen. Ich weiß, die lieben das Haus natürlich auch.

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