Tanztheater In-I - London National Theatre

Im Bett mit Binoche

Im Londoner National Theatre tanzen Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche und Akram Khan vor dem Bühnenbild des britischen Künstlers Anish Kapoor. Eine emotionale Achterbahnfahrt – vor Anish Kapoors wunderbarer Szenerie.
Im Bett mit Binoche:Anish Kapoor im Tanztheater

"Es gibt mich nicht mehr ohne dich!": Juliette Binoche und Akram Khan vor dem Bühnenbild von Anish Kapoor

"Verwirkliche Deinen Traum, erfinde Dich neu, es gibt nichts zu verlieren, erschaffe, trau Dich!" Was wie das Credo einer Selbsthilfegruppe oder wie die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme einer weiteren schlechten Castingshow klingt, ist die Botschaft der Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche, die sie derzeit in ihrer neuen Sprechtanzproduktion "In-I" am Londoner National Theatre vermitteln möchte.

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Strecken Teaser

Mit ihrem Partner, dem Londoner Choreografen und begnadeten Tänzer Akram Khan, bewegt sie sich durch die Irren und Wirren einer Beziehungsgeschichte vor dem Hintergrund eines Bühnenbildes des britischen Künstlers Anish Kapoor. Die Erwartungen an ein solch kreatives Trio, das zudem verspricht, aus ihren jeweiligen Komfortzonen herauszutreten – Juliette Binoche tanzt und Akram Khan schauspielert – sind dementsprechend hoch. Zu Beginn der gut einstündigen Aufführung schwelgt La Binoche aus dem Off in Erinnerungen an einen Kinobesuch, bei dem sie ihren Traummann gesehen, ihr Opfer erspäht hat. Sie begehrt ihn, sie jagt ihn – und sie bekommt ihn.

Kapoors wunderbare Szenerie eines beständig die Farbe wechselnden vier Meter hohen Kubus ist der eindrucksvollste Teil der emotionalen Achterbahnfahrt, die hier ihren Lauf nimmt. Die frontale Wand des Kubus verwandelt sich von einer flimmernden Leinwand in eine schützende Hauswand, an der sich Binoche und Khan winden und zerren und einen seltsamen Balztanz vorführen, um dann im Bett zu landen.

Binoches Bewegungen wirken naiv und doch elegant

Die Bewegungen der Binoche sind weniger energetisch, bei weitem nicht so präzise, wie die des kraftvollen Tänzers, der den nordindischen Kathak-Tanz stets in seine zeitgenössischen Choreografien integriert. Das hat er oft in vergangenen internationalen Produktionen gezeigt, in denen er mit Künstlern wie Anthony Gormley oder der französischen Ballerina Sylvie Guillem arbeitete. Für "In-I" hat Binoche lange trainiert, und ihre Bewegungen wirken naiv und doch elegant. Es ist eben jener weibliche Charme, mit dem dieses bizarre Spiel aus Tanz, Wort und Wand fasziniert und den Eindruck einer Oberstufenproduktion des Drama-Leistungskurses zunächst unterdrücken lässt.

Die Geschichte von Mann und Frau windet sich im Eiltempo durch alle Beziehungsregister. Auf Bekenntnisse wie "ich will für immer mit Dir sein, es gibt mich nicht mehr ohne dich!" folgt der klassische Streit im Badezimmer: Er pinkelt im Stehen, sie findet das ekelhaft. So kompromissbereit wie Binoche und Khan aus ihren jeweiligen Disziplinen heraustreten und die Welt des jeweils anderen, die Emotionalität der Worte im Schauspiel und der Bewegungen im Tanz nach und gleichzeitig neu empfinden möchten, so stereotyp und gestellt kommt diese Auseinandersetzung daher. Auf Sex und alltäglichen Disput folgt Enttäuschung, Rettungsversuche, Frustration und Ärger, dem eine hysterische Juliette Binoche in zwei Metern Höhe an Kapoors Wand hängend Luft macht. Sie simuliert gerade ihre Angst im Angesicht einer Eifersuchtsattacke ihres Exfreundes.

"Einfach besser im Sitzen pinkeln!"

Im Gegensatz zu diesem sehr flachen Monolog Binoches überrascht Akram Khan mit exzellenter schauspielerischer Leistung: So wie seine Bewegungen über die Bühne gleiten, füllen seine Worte den Raum in einem autobiografisch angelegten Monolog. Er erzählt von einer Begegnung mit dem Lehrer einer Koranschule, der ihn mit einem Messer bedroht, weil er nicht verleugnen will, dass er sich in ein nicht-moslemisches Mädchen verliebt hat. Er spricht von Glaube und Hoffnung und davon, wie der Glaube die Hoffnung zerstört. Erst über diese Metapher erschließt sich schlussendlich die Essenz, die der Emotionalität als narrative Struktur dieser Produktion ihre Rechtmäßigkeit verleiht: Empfindung, Vertrauen, Bekenntnis – Liebe. Im Programmheft listen Binoche und Khan 14 verschiedene griechische Ausdrucksweisen des Wortes Liebe auf, die in der Dramatik und Theatralik ihrer Produktion zum Ausdruck kommen sollen. Kapoors Wand gleich steht die Idee der Liebe massiv im Raum – und der Umgang mit ihr fällt sichtlich schwer.

Emotional wie narrativ lässt sich der Abend schwer resümieren, außer vielleicht, wie es ein männlicher Besucher beim Verlassen des Theaters prägnant formulierte: "Was lernen wir daraus? Einfach besser im Sitzen pinkeln!"

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