City of Culture - Londonderry

Jenseits der üblichen Probleme

Großbritannien hat sich die von der EU ausgerufene Europäische Kulturstadt zum Vorbild genommen und eine UK City of Culture eingerichtet. Die erste britische Kulturstadt ist die nordirische Stadt Londonderry, die während der Unruhen Nordirlands in den siebziger und achtziger Jahren einer der Brennpunkte war, und bis heute nicht so ganz zur Ruhe gekommen ist.

Noch ist das Kulturjahr nicht vorüber, doch einer der Höhepunkte war "Lumiere": vier Abende am letzten Wochenende im November, an denen Licht die Stadt verwandelte. An 17 Orten in der Stadt spielten Künstler mit Licht und auch mit Feuer. Der Franzose Cédric Le Borgne strahlte Körper aus Drahtgeflecht an, die über der "Peace Bridge" genannten Fußgängerbrücke über den Fluß Foyle zu schweben schienen. Das irische Künstlerduo Cleary Connolly projizierten schwarze und weiße Streifen auf eine riesige Hauswand, die zu tanzen begannen, wenn Menschen vor den Projektoren vorbeiliefen. Auf einem Bürohaus prangte eine Neonarbeit von Deepa Mann-Kler, eine Zeile aus einem Song der aus Londonderry stammenden Band The Undertones: "A Teenage Dream"s So Hard To Beat", und das Pariser Kollektiv Compagnie Carabosse verwandelte einen Park in einen gigantischen Feuergarten, der die meisten Besucher anlockte.

Mehr als 14 Millionen Pfund hat sich die Stadt ihr Kulturfestival kosten lassen, mit erheblichen Zuschüssen sowohl von der nordirischen Provinzregierung als auch von der Regierung in London. Große Namen kosten Geld: Das London Symphony Orchestra gab ein vielumjubeltes Konzert, in einem eigens für das Festival errichteten Zelt mit mehr als 3000 Plätzen. Dort tanzte auch, ebenfalls vor ausverkauftem Haus, das Londoner Königliche Ballet Covent Garden. 40 000 Menschen säumten das Flussufer, als auf vorbeiziehenden Booten die Geschichte des Heiligen Colmcille, des Schutzheiligen der Stadt, erzählt wurde. Und "Lumiere" lockte an den vier Abenden fast 150 000 Neugierige an – die Stadt selbst hat nur 105 000 Einwohner.

Die Zahlen zeigen, dass Kultur nicht ein Privileg von Wenigen sein muss. Und das Jahr hat bewiesen, dass sie auch der Zusammenführung verfeindeter Gruppen dienen kann. Auf beiden Ufern des Flusses, der bis zum Bau der Friedensbrücke vor zwei Jahren Katholiken und Protestanten der Stadt buchstäblich voneinander trennte, fanden Veranstaltungen statt, die von beiden Bevölkerungsteilen besucht wurden.

Einer der Hauptanziehungspunkte des Jahres war sicher der Turner Preis. Wenn die im Oktober eröffnete Schau Anfang Januar schließt, werden mehr als 100 000 Besucher die Kunst der vier Kandidaten gesehen haben Und die Verleihung des Preises am 2. Dezember an die Aussenseiterin Laure Prouvost brachte nicht nur sie auf die Titelseiten der Zeitungen, sondern auch die Stadt – einmal nicht wegen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und protestantischen Militanten oder wegen der Aktivitäten von Splittergruppen der aufgelösten IRA.

Künstlerischer Höhepunkt des Kulturjahres ist die Schau "Unseen" des international renommierten Fotokünstlers Willie Doherty, der im militant nationalistischen Viertel Bogside aufwuchs. Mit seinen in den letzten 30 Jahren entstandenen Fotos von einsamen Landstraßen, Hinterhöfen und ausgebrannten Autos geht er die politische Situation seiner Heimatstadt direkt an, ohne sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Gewalt ist immer präsent in diesen melancholischen Bildern, ein kürzliches Foto trägt den Titel "Der Krieg ist noch nicht vorbei", und in seinem jüngsten Film "Remains" (2013) warnt er eindringlich, sich nicht auf den Lorbeeren der bislang erreichten Versöhnung auszuruhen.

Schon bevor die Stadt den Wettbewerb gewann, gab es die üblichen Nordirland-Probleme. Im Stadtrat wehrte sich die nationalistische Partei Sinn Fein gegen den Namen Kulturstadt UK, da sie Nordirland nicht als Teil Großbritanniens anerkennt. Zwar konnte man sich schließlich einigen, der Name wurde beibehalten, doch andere Probleme folgten. Zuletzt die Frage, was nach Ende des Kulturjahres mit den Einrichtungen geschehen soll. Etwa mit den eigens für den Turner-Preis eingerichteten Galerieräumen, deren Bau immerhin mehr als zwei Millionen Pfund gekostet hat. Geplant war, dort junge Internetfirmen einziehen zu lassen. Nach heftigen Protesten überlegt man neu.

Es blieb einem Polen vorbehalten, den nachdenklichsten, politisch dezidiertesten und bewegendsten Beitrag der Lumiere-Abende zu schaffen. Krzystof Wodiczko arbeitete mehrere Wochen lang mit Bürgergruppen zusammen und zeichnete Interviews auf. Die Menschen erinnern sich an die schlimme Zeit der Unruhen, sprechen von der Gegenwart des Friedensprozesses und blicken in die Zukunft. Die Worte kommen aus auf einem Krankenwagen montierten Lautsprechern, gleichzeitig werden sie projiziert, an einem Abend auf ein Monument in der Bogside, auf dem der Satz steht: "Sie betreten nun das Freie Derry", an einem anderen auf die Außenwand des Rathauses. Man hat den Eindruck, als spreche das Gebäude, als drücke es die Ängste und Hoffnungen der Bürger aus. Viele, die "Public Projection" beiwohnten, gestanden hinterher, einen Kloß im Hals verspürt zu haben.

Derry – Londonderry: City of Culture 2013


http://www.cityofculture2013.com/