Kultursenatorin Karin von Welck - Abschied

Mutter Beimer der Kultur desertiert

Und plötzlich war sie weg: Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck (63, parteilos) gibt zusammen mit Bürgermeister Ole von Beust ihr Amt auf. Was bleibt ist ein Scherbenhaufen: eine Chaos-Baustelle Elbphilharmonie, dazu eine umstrittene Museumsreform und eine ungewisse Zukunft für die Sammlung Falckenberg und das Gängeviertel. Eine ungeschönte Bilanz.
Mutter Beimer der Kultur desertiert:Hamburgs Kultursenatorin gibt ihr Amt auf

Gehen gemeinsam: Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust und Ex-Kultursenatorin Karin von Welck – bei dem Richtfest der Elbphilharmonie

Wahre Gründe für Rücktritte erfährt man zeitnah zum Ereignis eigentlich nie. Aber die persönlichen Motive von Karin von Welck, den Abgang von Hamburgs Erstem Bürgermeister Ole von Beust für ihren eigenen zu nutzen, liegen außerordentlich nahe. Die Kultursenatorin, die seit 2008 auch noch für Sport und Medien verantwortlich war, geriet zuletzt zunehmend zum Prügelbock für Probleme, die sie selbst nicht verursacht oder aber im besten Willen angepackt hatte. Vor allem zwei Baustellen lagen in den vergangenen Monaten unter zermürbendem Beschuss der Öffentlichkeit: die Kostenexplosion der Hamburger Elbphilharmonie und die außerordentlich unglückliche Entwicklung der Museumsreform. Das erste Kardinalproblem hatte ihr Ole von Beust eingebrockt, das zweite aber ist eines der wichtigsten Gestaltungsideen Karin von Welcks gewesen, und die harte Kritik sowie der kollektive Undank, den sie für ihre Bemühungen empfinden musste, hatten ihr zuletzt sichtlich die Freude im Amt geraubt. Die wegen ihrer Harmoniesehnsucht und ihren versöhnlichen Ratschlägen als Mutter Beimer von den Hohen Bleichen (die Adresse ihrer Behörde) bezeichnete ehemalige Museumsfrau wirkte auf Terminen immer häufiger gereizt und verhielt sich gegenüber ihren Zuwendungsempfängern vermehrt ungnädig.

Dass sie in den letzten Wochen wieder gelöster wirkte, lässt den Verdacht zu, dass ihr Entschluss bereits so lange feststand wie der ihres Senatschefs, der im Mai Angela Merkel von seiner Amtsmüdigkeit informiert hatte. Die warmen Worte von der "großen Loyalität", die sie gegenüber Ole von Beust empfände, kann vor dem großen Danaergeschenk, dass er ihr mit der Verantwortung für den Bau der Elbphilharmonie vermacht hatte, allerdings wieder nur ihrem familiären Grundtemperament geschuldet sein. Denn abgesehen davon, dass einer Kulturbehörde jede fachliche Kompetenz fehlt, um ein derart kompliziertes Bauvorhaben zu steuern, übernahm sie das Renomee-Projekt 2007 auch noch in einem total verfahrenen Zustand, der durch massive Koordinations- und Entscheidungsfehler der städtischen
Baugesellschaft ReGe entstanden war. Der Krieg um Kosten und Verantwortung, der seither zwischen der Stadt, dem Bauunternehmer Hochtief und den Architekten Herzog & de Meuron tobt, ist eindeutig mehr etwas für aggressive Staranwälte, denn für eine sensible Kulturnotabelin.

Es feht an allen Ecken und Enden an Mitteln

Auch die Museumsreform hatte natürlich Ballast aus der Vergangenheit an Bord, aber das Anliegen, die jährlichen Etatüberschreitungen der sieben staatlichen Museen in Millionenhöhe mit strukturellen Änderungen, Entschuldungen und dem Zusammenschluss der vier stadthistorischen Museen zu beheben, muss zum Zeitpunkt ihres Abschieds als gescheitert betrachtet werden. Es herrscht aktuell keinerlei Konsens zwischen den Museumsdirektoren und der Behörde, wie die krisenhafte Situation langfristig zu beheben sei, und der Ton in Richtung Karin von Welcks Verantwortlichkeit wurde zuletzt immer lauter, schärfer und stimmgewaltiger.

Überschlägt man die sechs Jahre, die von Welck für die staatliche Kulturpolitik verantwortlich war, dann zeigt sich ein relativ ausgewogenes Bild. Überzeugende Personalentscheidungen wie die Berufungen der beiden Museumsdirektorinnen Sabine Schulze (Museum für Kunst und Gewerbe) und Lisa Kosok (Hamburg Museum), die den etwas verschnarchten Institutionen neues Leben einzuhauchen versuchen, stehen krasse Fehlentscheidungen entgegen, wie die völlig unverständliche Verlängerung des Vertrages von Friedrich Schirmer als Intendant des Deutschen Schauspielhauses bis 2015, der das größte Sprechtheater Deutschlands zur Bedeutungslosigkeit herunterorganisiert hat. Ihr erfolgreiches Engagement für die Realisierung des alternativen Gängeviertel-Konzepts und die Einsetzung einer städtischen Agentur, die Kreativen bei der Raumsuche behilflich sein soll, steht eine jahrelange Politik der Versäumnisse gegenüber, die dafür wesentlich mitverantwortlich ist, dass nahezu alle ambitionierten Künstler Hamburg in Richtung Berlin verlassen. Doch vor allem ist es ihr trotz eines enormen Engagements für die Belange der Kultur nie wirklich gelungen, ein politisches Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur in Hamburg so zu wecken, dass es auch in entsprechendem finanziellen Engagement gemündet wäre. Mit Ausnahme der drei Staatstheater fehlt es in Hamburg an allen Ecken und Enden an den Mitteln, um eine Kulturlandschaft so zu fördern, dass sie mehr als lokale Bedeutung erlangt.

Drohende Schließung von mindestens einem Museum

Mit ihrem Abgang mitten in der Legislaturperiode hängen nun diverse anstehende Entscheidungen vom ungewissen Wohlwollen ihres unbekannten Nachfolgers ab. Etwa der Verbleib der Sammlung Falckenberg und die damit
verbundene höhere Ausstattung der Deichtorhallen, die seit ihrer Gründung vor über 20 Jahren keine Etaterhöhung mehr verzeichnen durften. Oder die Vertragsverlängerung mit Kunsthallen-Chef Hubertus Gaßner, die in der Stadt
keineswegs unumstritten ist, da der eigensinnige Direktor als so spritziger Kurator wie lustloser Geschäftsführer gilt – was in Krisenzeiten eher als Mangel, denn als Gewinn wahrgenommen wird. Schließlich die drohende Schließung von mindestens einem stadtgeschichtlichen Museum aus Kostengründen, da Hamburg eine halbe Milliarde Euro fixer Titel aus seinem Etat sparen will, sowie die anhängige Suche nach einem neuen Generaldirektor für die Stiftung der stadthistorischen Museen.

Vor all diesen Problemen desertiert zu sein, mag menschlich verständlich sein, politisch kann es sich als außerordentlich schädlich erweisen. Denn das Standing Karin von Welcks bei der Verhütung von Schlimmerem war in den Jahren durchaus sportlich gewachsen. Ob mit einem neuen Kultursenator unter einem kulturfremdelnden neuen CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus wirklich das dringend notwendige Bekenntnis zu mehr und besserer Kultur erfolgen wird, ist mehr als ungewiss. Der immer wieder beschworene Wettlauf mit Berlin scheint in der momentanen Situation jedenfalls nur ein Hase-und-Igel-Märchen zu bleiben.

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