Bauhaus-Uni Weimar - Proteste

Die Freie Kunst wird abgewickelt

20 Jahre nach dem Neubeginn droht der Kunst an der Bauhaus-Universität die Luft auszugehen: Drastische Sparpläne bedrohen den Studiengang.
Kahlschlag am Kunststandort Weimar:Die Freie Kunst wird eingespart

Thüringer Studenten demonstrieren am 11. Dezember in Erfurt und fordern mehr Geld für ihre Hochschulen. Mit Trillerpfeifen und Plakaten zogen die rund 3000 Teilnehmer vom Bahnhof zum Landtag und weiter zum Finanzministerium

"In Thüringen ist auch die Bildung Wurst." Mit diesem und anderen Slogans zogen letzten Mittwoch Thüringer Studenten vor das Finanzministerium in Erfurt. Es ging um gravierende Sparpläne des Freistaats, die alle dortigen Hochschulen betreffen. Ganze Studiengänge sollen in den nächsten Jahren gestrichen werden. Ganz besonders bedroht von diesem Szenario ist die Fakultät Gestaltung an der Weimarer Bauhaus-Universität. 55 Stellen sollen insgesamt dem Kahlschlag zu Opfer fallen. Dabei sieht es aus, als würde der Studiengang Freie Kunst klammheimlich abgewickelt: Hier hat der unselige Prozess schon vor längerer Zeit schleichend eingesetzt. Wenn Kunstprofessorin Barbara Nemitz im nächsten Jahr emeritiert wird, ist kein Ersatz für ihre Stelle geplant. Das Gleiche gilt für ihre Kollegen Norbert W. Hinterberger und Elfi Fröhlich, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Lediglich Teilzeit-Gastprofessuren ohne hochschulpolitisches Mitsprechrecht sind angedacht. Nur noch eine einzige Vollzeitprofessur, bekleidet derzeit von Liz Bachhuber, bestünde weiter.

Kein Wunder, dass sich speziell die Kunststudenten verraten und alleine gelassen fühlen. Wer soll sie nachhaltig betreuen, wer ihre anstehenden Diplome abnehmen? Die Studentenvertreter sind außer sich und sinnen in der Dachkammer des Weimarer "Hauses der Studierenden" über Protestmaßnahmen nach. Ihre Namen wollen sie nicht veröffentlicht sehen, zu groß ist die Angst vor Repressalien. In der Ecke liegen die Plakate, die sie gerade noch in Erfurt geschwenkt haben. Kultusminister Christoph Matschie (SPD) versuchte dort, die Protestierenden mit ein paar vorweihnachtlichen Worthülsen abzuspeisen, erzählt einer der Studentenräte. Doch die Wut und die Angst vor der Zukunft bleiben. "Wenn man an die Bauhaus-Universität denkt, dann fällt einem doch automatisch die Ursprungszeit des Bauhauses ein", sagt eine junge Fachschaftsrätin und: "Mit der Attacke auf die Freie Kunst fällt unsere Identität weg. Selbst wenn der Studiengang‚ nur verschmälert würde, leidet die Reputation darunter und damit auch der Ruf unseres Abschlusses." Trotz ihrer zahllosen Anfragen bekommen die Studenten weder von ihrer Hochschule noch von der Politik konkrete Ansagen.

Dabei hatte es vor 20 Jahren eine euphorische Neubelebung des Standorts Weimar gegeben: Unter Gründungsdekan Lucius Burckhardt sollte mit der neuen Fakultät Gestaltung wieder an die Geschichte des Bauhauses angeknüpft werden – die kreative Einöde der DDR-Zeit hinter sich gelassen werden. Ein innovatives Projektstudium ohne feste Bindung an ein Medium oder eine Klasse wurde erfolgreich eingeführt. Jetzt, nach zwei Dekaden, scheint dieser Aufbruch vergessen zu sein. Fast alle damals berufenen Professoren der Freien Kunst gehen bald in den Ruhestand. Für die Politik ist dieser Generationswechsel ein perfekter Vorwand, das Sparschwert genau hier anzusetzen. Barbara Nemitz sitzt ratlos im ehemaligen Atelier von Paul Klee, ihrem Büro. Im Nebenraum, dem legendären Kandinsky-Studio, arbeiten ihre Studenten an Installationen und Projekten. Noch vor Kurzem sollte Nemitz eine Stellenbeschreibung für einen Nachfolger erarbeiten, doch das ist jetzt Makulatur. "Niemand weiß, wie es weitergehen soll. Es gibt auch Gerüchte, dass eine eigene Kunsthochschule gegründet wird." Doch wie soll das gehen, ohne Professorenstellen? Von der Zusammenführung einer solchen neuen Hochschule mit Teilen der Fakultät Medien ist die Rede. Ein solcher neuer Schwerpunkt "Medienkunst" würde das bisherige Profil der Freien Kunst erheblich aufweichen. Das mag vor 20 Jahren einmal progressiv gewirkt haben, in der transdisziplinären Kunstlandschaft des 21. Jahrhunderts wirkt eine solche Spezialisierung höchstens altmodisch und schränkt den Aktionsradius der Freien Kunst nur ein. Aber wie gesagt: alles nur Gerüchte, kein Klartext.

Einige Studenten wie Anna H., die gegenwärtig bei Barbara Nemitz an einem Projekt arbeitet, denken schon laut über einen Hochschulwechsel nach: "Wenn unser Studiengang so geschrumpft wird, verliert er an Attraktivität und Bedeutung." Die einzige Kunstausbildungsstätte des Freistaats Thüringen würde eingedampft. Nicht wenige der von den radikalen Kürzungen Betroffenen blicken besorgt in die Vergangenheit: Auch Walter Gropius’ Bauhausidee fiel 1925 Geldnöten zum Opfer und wurde nach Dessau vertrieben. Ein historischer Fehler für Thüringen.