Massimiliano Gioni - Interview

Es müssen nicht auf jeder Biennale hundert neue Künstler entdeckt werden

Massimiliano Gioni wird die Ausstellung der Venedig-Biennale 2013 kuratieren, art-Korrespondentin Ute Diehl hat schon jetzt mit ihm über seine Pläne gesprochen.
"Man macht das nur einmal im Leben":Biennale-Kurator Massimiliano Gioni

Massimiliano Gioni

Der Mailänder Kritiker und Kurator Massimiliano Gioni wurde dieses Jahr zum
künstlerischen Leiter der 55. Venedig-Biennale ernannt, die am 1. Juni 2013 ihre Tore öffnet.

Der 39-jährige und bisher jüngste Biennaleleiter, lebt mit seiner Mailänder Frau in Manhattan, wo er seit 2010 zum Kuratorenteam des New Museum of Contemporary Art gehört. Von 2001 bis 2003 war er Chefredakteur von "Flash Art" in New York. 2003 beauftragte ihn Francesco Bonami mit der Einrichtung des bis dahin fehlenden italienischen Pavillons, "La Zona". 2004 war er mitverantwortlich für die fünfte Ausgabe der Manifesta. In Deutschland blieb Gioni als Ko-Kurator der 4. Berlin Biennale 2006 in Erinnerung. 2010 kuratierte er die achte Biennale im südkoreanischen Gwangju.

Er hat zahlreiche unabhängige Projekte entwickelt und kuratierte die erste Einzelschau von Takashi Murakami im Nahen Osten, in Doha (2012). Seit 2003 ist Gioni künstlerischer Leiter der Mailänder Fondazione Nicola Trussardi, für die er verschiedene Ausstellungen in immer wechselnden, dem Publikum sonst verschlossenen Gebäuden in Mailand organisiert hat. Jetzt ist es ihm gelungen, auf militärischem Gelände eine aufgegebene Großbäckerei des italienischen Heers als Raum für Cyprien Gaillard und seine Ausstellung “Rubble and Revelation” zu erschließen. art traf den Kurator in der Bar der Caserma XXIV. Er hatte gerade im Militärshop einen Teddybär in Tarnkleidung gekauft. "Den schenke ich Cyprien", sagt Gioni.

art: Vielleicht könnten Sie auch so ein Maskottchen für Venedig gebrauchen. Sie gehören zu den profiliertesten Ausstellungsmachern des internationalen Kunstbetriebs und man erwartet viel von Ihnen. Macht das Angst?

Massimiliano Gioni: Ja, merkwürdigerweise gerade weil es um die Biennale in Venedig geht. So etwas macht man ja nur einmal im Leben. Ich lege mir selbst großen Druck auf.

Für die documenta waren Sie in die engere Wahl gekommen. Tat es Ihnen leid, dass nichts daraus wurde?

Nein, denn ich bekam ja statt einer dann sogar zwei Ausstellungen : Gwangju und
Venedig.

Halten Sie die 13. documenta für gelungen?

Die documenta war schon sehr eindrucksvoll, allein schon von der Größe und der Organisation her. Aber mir gefallen mehr Ausstellungen mit durchgehendem Thema.

Ihre Biennale-Ausstellung trägt den Titel "Palazzo Enciclopedico". Das klingt nach großer Themenbreite.

Ich habe diesen Titel von einem Werk des Italo-Amerikaners Marino Auriti entliehen. Er war in den zwanziger Jahren aus den Abruzzen nach Amerika ausgewandert und hat dann in einer Garage in Pennsylvania jahrelang an einem verrückten Projekt gearbeitet. Er plante ein riesiges Museum, in dem das gesamte Wissen der Menschheit aufgehoben werden sollte, vom Rad bis zum Satelliten. Ein "Palazzo Enciclopedico" mit 136 Stockwerken, 700 Meter hoch. Auriti hat ein fünf Meter hohes Modell gebaut und 1955 sogar patentieren lassen. Es steht im Folk Art Museum in New York.

Und das zeigen Sie auf der Biennale?

Ja natürlich. Das ist der Mittelpunkt. Das Modell repräsentiert den Traum von einem universellen und totalen Wissen.

Nun ist aber doch jeder Anspruch auf Totalität zum Scheitern verurteilt und damit auch ihre Biennale.

Ja, vermutlich werde ich in der Bilderflut untergehen. Aber vorher will ich noch versuchen, eine Ausstellung zu machen, die wie das "Theater der Erinnerung" funktioniert, das der Renaissancephilosoph Camillo entworfen hat. Auch er hatte diesen enzyklopädischen Gedanken, schon lange vor den französischen Enzyklopädisten und wollte alles Wissen, alle Kultur in einem System von Bildassoziationen speichern. Die Bilder der inneren und der äusseren Welt sind ja vieldeutig aufeinander bezogen. Ich möchte zeigen, wie das Bild vom Auge ins Gehirn gelangt. Wir sehen ja auch Bilder mit geschlossenen Augen.

Wenn wir aber die Augen aufmachen, was sehen wir dann im Hauptpavillon?

Ich kann noch keine Namen nennen. Es wird eine Kombination von Kunst aus dem 19. und 20. Jahrhundert sein und Objekten aus kunstfernen Bereichen, in der Hoffnung, dass daraus ein mentaler Raum entsteht. Es müssen ja nicht unbedingt auf jeder Biennale hundert neue Künstler entdeckt werden. Mich interessiert die Koexistenz verschiedener Orte und Zeiten. Es wird auch eine Reihe extra für die Biennale geschaffener Werke geben.

Wer gehört zu Ihrem Beraterteam?

Die Namen sind noch nicht offiziell. Mich haben vor allem zwei Bücher inspiriert: "Vie et mort de l’image" von Regis Debray und "Bild-Anthropologie" von Hans Belting.

Sie haben eine Vorliebe für "Outsider Art". Schon 2003 hatten sie in Ihrer Biennale-Ausstellung eine Laienkünstlerin, Alessandra Ariatti, dabei, die in ihrem Heimatdorf in den Abruzzen Porträts im Auftrag malt. Und auf der Biennale in Gwangju machten Sie den verstorbenen amerikanischen Autodidakten James Castle bekannt, der nicht lesen und schreiben konnte und Morton Bartlett, dessen selbstgefertigte Kinderpuppen erst nach seinem Tod 1992 entdeckt wurden.

Mich interessieren Künstler, die einen kulturell unangepassten Charakter haben. Sie helfen uns zum Verständnis, wie die Wahrnehmung von Bildern funktioniert. In Venedig werde ich eine Reihe von Autodidakten zusammen mit etablierten Künstlern zeigen. Das Wort Autodidakt ist eigentlich absurd. Alle Künstler sind irgendwie Autodidakten oder versuchen es zu sein.

Welche Biennale war für Sie die bisher beste?

Die Biennale von 1993, die Achille Bonito Oliva kuratiert hat. Hier wehte zum erstenmal ein transnationaler Geist. Er brachte schon damals russische und vor allem eine lange Reihe chinesischer Künstler nach Venedig, ein Verdienst, das seltsamerweise immer Szeemann zugeschrieben wird, der die Biennale erst sechs Jahre später leitete.

Mit welchem Künstler haben Sie noch nie gearbeitet und würden es gerne tun?

Mit Gerhard Richter.

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