Kein Guggenheim-Lab - Berlin

Kein Guggenheim-Lab in Kreuzberg

Das Labor werde ein Abenteuer sagte Richard Armstrong, der Direktor des Guggenheim Museums und ahnte wohl nicht, wie richtig er damit liegen würde. Gemeinsam mit dem Autohersteller BMW sollte das „BMW Guggenheim Lab“ eine multidisziplinäre Plattform in insgesamt neun Metropolen über einen Zeitraum von sechs Jahren bieten. Doch nach New York stößt man in Berlin auf Probleme – wegen Protesten von Anwohnern wurde diese Woche verkündet, dass man nicht wie geplant ans Kreuzberger Spreeufer ziehen werde. art sprach mit den Initiatoren des Protests, warum sie das Kultur-Projekt nicht in ihrer Nachbarschaft wollen.

Die Liste von Immobilienprojekten, die in Kreuzberg in den letzten Jahren verhindert wurden ist lang: Zwei Einkaufszentren in der Schlesischen Straße wurden nach Protesten abgeblasen, die historische Markthalle ging nicht an die Supermarktkette Kaisers, sondern an eine lokale Gruppe, selbst ein Sandwichladen von „Subway“ wurde mit Farbbeuteln und eingeworfenen Leuchtkästen weggemobbt.

Auch einer der größten Bürgerentscheide Berlins hatte 2008 Erfolg, der „Spreeufer für alle“ forderte – keine Neubauten näher als 50 Meter vom Ufer. Dass das „BMW Guggenheim Lab“ hier nicht mit offenen Armen empfangen werden würde, überrascht also nicht wirklich. "Wir befürworten eine lebhafte Diskussionskultur, können aber das Risiko gewalttätiger Übergriffe nicht eingehen, wie sie von einer kleinen Minderheit angedroht wurden", begründete das New Yorker Museum die Absage.

Das Projekt des Labs ist groß angelegt: Zwei junge Guggenheim-Kuratoren organisieren mit der finanziellen Hilfe von BMW ein Future Lab, das sechs Jahre um die Welt reisen soll. Das japanische Architekten-Team Bow-Wow stellt einen Pavillon aus Kohlefasern, der als mobiles Laboratorium vom 3. August bis 16. Oktober im New Yorker East Village Station machte. 2012 soll er nach Berlin reisen, anschließend nach Mumbai in Indien. Das machte das Projekt aber eben auch zu einem Ziel mit hoher Symbolkraft.

Denn der Konflikt, in dem das Guggenheim-Lab nun zum Spielball wurde, ist der um die steigenden Mieten in der Berliner Innenstadt. Dazu sind in den letzten zwei Jahren eine Vielzahl von Initiativen entstanden, es ist ein drängendes Problem – vor allem in Kreuzberg. Der Stadtteil hat enorme soziale Spannungen: über 15 Prozent Arbeitslosigkeit, gleichzeitig werden viele Mietwohnungen in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Doch für Berliner Durchschnittsverdiener gibt es im Innern des S-Bahn-Rings keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Die Berliner Landesregierung unterstützt diese Entwicklung, in dem sie von einer „Normalisierung“ spricht, keine Daten erhebt und versucht, das Problem zu ignorieren. So organisieren engagierte Bürger eben Widerstand – und gleichzeitig hat die in Kreuzberg traditionell starke links-autonome Szene keine Skrupel, dabei auch zur Sachbeschädigung zu greifen. Das ist Pech für Guggenheim und BMW, denn so wird man zum Bauern im Schachspiel der anderen, statt zum Image-Gewinn und Kreativ-Labor.

art sprach mit David Kaufmann, einem der Aktiven der Initiative „BMW Lab verhindern“ und Anwohner. Die Initiative hatte vor wenigen Wochen einen Aufruf veröffentlicht, das Projekt zu verhindern, um die steigenden Mieten und die Aufwertung des Viertels zu bremsen. Kaufmann sagte: „Das Grundstück ist eine der wenigen verbleibenden freien Flächen am Spreeufer. Alle anderen Flächen von Mediaspree sind zugebaut, soziale Projekte nicht vorgesehen, ausschließlich kommerzielle Projekte. Wir wollen diese Fläche also den Anwohnern erhalten und das dort geplante Luxus-Wohnprojekt verhindern.“ Als Grund für die Absage wurde die Einschätzung der Gefährdungslage durch die Polizei angeführt. Kaufmann bezweifelt dies: „Der Sinn der Argumentation 'hier werden Einzelne bedroht und deswegen müssen wir gehen’ geht so nicht auf. BMW hat einfach gemerkt, ihr Projekt geht nach hinten los. Es ist kein Image-Projekt, sondern es werden Dinge thematisiert, die sie nicht thematisieren wollen. Das eine ist die Erhöhung der Mitpreise, das andere die Vergangenheit von BMW. Wie den Einsatz von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg oder die Situation von Leiharbeitern bei BMW. Sie wissen genau, wenn sie das durchgezogen hätten, wäre das thematisiert worden.“

Auf den Vorwurf, die Initiative, unterstütze die Anwendung von Gewalt, antwortete Kaufmann, dies sei nicht der Fall: „Das LKA hat es deutlich gesagt zu BMW: Ihr müsst mit Sachbeschädigung rechnen und lautstarken Störversuchen. Das finden wir beides gegenüber der geballten Macht von Investoren nicht unbedingt verkehrte Mittel.“ Politiker wie Klaus Wowereit definierten Farbbeutel und laute Proteste als Gewalt, so Kaufmann. „Aber die Alltagsgewalt von steigender Armut, Spaltung der Gesellschaft, massive Zwangsumzüge durch HartzIV, steigende Mieten, Kürzung von Sozialleistungen – das sollen keine Gewaltverhältnisse sein?“ Das sei Quatsch und reine Ideologie. Kaufmanns Aussagen machen deutlich: Ein klare Distanzierung von Sachbeschädigung als Protestmittel ist von der Initiative bewusst nicht vollzogen worden. Dass sie ihrem Anliegen damit in weiten Teilen der Öffentlichkeit die Sympathien entziehen, scheint sie nicht zu stören.

Das Forschungslabor des Guggenheim Museums wird trotz des Protests wohl weiterhin seine zweite Station in Berlin machen. Das kündigte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus an. "BMW und die Guggenheim Stiftung stehen hinter Berlin als Standort des "BMW Guggenheims Lab"", hätten ihm beide Einrichtungen versichert, betonte Wowereit.