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Rhizome

Lieblink: Rhizome
Das Medienkunstportal Rhizome: Präsentationsplattform, Archiv, Journal und Projektraum für Kunst und Technologie

LIEBLINK: RHIZOME

Jeden Dienstag präsentieren wir Ihnen einen neuen Klicktipp. Diesmal: das Medienkunstportal Rhizome. Im art-Interview erzählt die Leiterin Lauren Cornell, wie aus einer anfänglichen Mailingliste eine bedeutende Plattform für Medienkunst hervorgegangen ist.
// WIEBKE GRONEMEYER

Frau Cornell, was genau verbirgt sich alles hinter Rhizome?

Lauren Cornell: Rhizome widmet sich der Kreation, Präsentation, Dokumentation und Kritik von engagierten künstlerischen Projekten, die sich mit Technologie auseinandersetzten. Als künstlerische Organisation sind wir nicht nur durch unsere Website sichtbar, sondern in Zusammenarbeit mit unserem Partner, dem New Museum of Contemporary Art in New York, können wir auch offline viele Veranstaltungen und Projekte realisieren.

Rhizome ist 1996 als Mailingliste für an Kunst und Technologie Interessierte entstanden. Wie kam es dazu, und welche Idee steckte dahinter?

Mark Tribe gründete Rhizome als Reaktion und Antwort auf ein gemeinsames Interesse und eine geteilte Neugier an der Auseinandersetzung mit einem neuen künstlerischen Medium – dem Internet. Der Hintergrund ist aber noch ein wenig komplizierter: Der Name "Rhizome" nimmt das gleichnamige Konzept von Deleuze & Guattari zum Ausgang. Die darin formulierte Idee einer sich horizontal ausbreitenden Wurzel ist eine Metapher für eine radikale soziale Struktur. So hat sich Rhizome seit Beginn verstanden – und initiierte eine offene, von Konventionen befreite E-Mail-Liste, deren Mitglieder sich alle mit dieser Struktur, der Idee des Netzwerks und hierarchielosen Kommunikation und Kollaboration, identifizieren konnten. Der Erfolg von Rhizome hing vor allem von dem starken Engagement der Mitglieder und Künstler ab, ohne das sich der anfängliche Gedanke nie hätte weiterentwickeln können. So kann man sagen, dass Rhizome das heute allgemein bekannte Konzept eines Blogs oder Internetforums, basierend auf dem Engagement der Nutzer, vorgegriffen hat.

Wie hat sich Rhizome von einer Mailingliste zur künstlerischen Plattform entwickelt?

Rhizome ist heute eine Non-Profit-Organisation. Das schnelle Wachstum und dieser Strukturwandel waren keine einfache Entwicklung. Jetzt besteht Rhizome aus vielen Teilen: Es gibt ein Archiv für Kunst, die sich mit Technologie auseinandersetzt, kuratierte Programme im New Museum und viele Foren auf der Website, wo zu Themen rund um Kunst und Technologie engagiert diskutiert wird. Diese Hybridität gewährt eine positive Spannung und eine produktive Atmosphäre.

Zudem kommissionieren Sie auch künstlerische Projekte. Können Sie uns darüber noch mehr erzählen?

Wir unterstützen Künstler, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit neuen Technologien auseinandersetzen. Jeder Künstler bekommt eine Geldsumme und wird von uns eingeladen, seine Werke im New Museum of Contemporary Art zu präsentieren. Dieses Programm gibt es nun schon seit 2001. Wenn wir zurückblicken, welche künstlerischen Projekte wir über die Jahre unterstützt und somit auch ins Leben gerufen haben, ist es sehr interessant zu beobachten, dass wir früh viele Künstler gefördert haben, deren Arbeiten später sehr bekannt wurden.

Zur Zeit der Gründung 1996 war Medienkunst noch total unbekannt. Heute ist es für Künstler ein weites Arbeitsfeld und wird immer populärer. Wie beobachtet und reagiert Rhizome auf diese Entwicklung?

Ich würde nicht sagen, dass Medienkunst heutzutage absolut populär und zugänglich ist; vielleicht in den USA noch stärker als in Europa. Dort ist es noch nicht so anerkannt und hat immer noch das Image, als sei es irgendein schwebender Raum zwischen Technologie und zeitgenössischer Kunst. Aber sicherlich ist das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Medium in den letzten Jahren stark gewachsen, und das ist für uns sehr wichtig und Teil unserer Mission. Als Organisation müssen wir sehr aufmerksam auf die Entwicklungen in unserem Bereich reagieren. Ich denke, das haben wir in den letzten Jahren gut hinbekommen, indem wir unseren Fokus von der Website ausgehend in Richtung Offlineprojekte erweitert haben und uns den neuen Möglichkeiten angepasst haben, wie Künstler mit dem Internet arbeiten und die Menschen das Internet nutzen. So können wir die Kunst am besten unterstützen.

Seit 2003 steht Rhizome unter der Obhut des New Museum of Contemporary Art, einer sehr angesehenen und etablierten Institution des New Yorker Kunstbetriebs. Wie hat sich Rhizome dadurch verändert?

Es hat uns sehr viel mehr Kraft und Aufmerksamkeit gegeben. Das New Museum hilft bei der Verwaltung der Website und gibt uns eine Plattform, damit wir die Künste, die wir unterstützen, noch besser präsentieren können. Es gab wohl viele Gerüchte, dass unser Programm und unsere Mission sich nun durch diese institutionelle Zusammenarbeit verändern würden und das Museum Einfluss gewinnen würde, aber das ist nicht der Fall. Unter der Schirmherrschaft des New Museum ist es als Organisation, die sich intensiv mit Kunst und Technologie auseinandersetzt und dort eine Expertise entwickelt hat, unsere Aufgabe, so gut wie möglich unterstützende Strukturen für die Weiterentwicklung dieser Künste zu finden und diese Entwicklung mit dem New Museum zu teilen.

War der Beschluss, mit dem New Museum zu kooperieren, nicht auch eine Antwort auf die steigende Popularität und Akzeptanz von Medienkunst?

Die Zusammenarbeit repräsentiert ein allgemeines institutionelles Interesse an diesem Arbeitsfeld. Aber im Besonderen spiegelt es das Interesse und die Aufgabe des New Museum wider, sich mit neuen Kunstformen zu beschäftigen – in diesem Bereich ist das New Museum mit seinem Engagement für Medienkunst eine der führenden und beispielhaften Institutionen in den USA.

Was ist die Zukunft von Rhizome?

Immer wieder werde ich das gefragt, und immer wieder antworte ich darauf sehr verschieden. Doch es gibt natürlich ein gemeinsames Ziel, und zwar die Wahrnehmung und Akzeptanz von Kunst im Zusammenhang mit Technologie zu fördern. Seit drei Jahren leite ich nun Rhizome, und die künstlerischen Arbeiten aus diesem Bereich faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Ich glaube, dass in diesem Feld viele wichtige Impulse und Ideen für Politik, soziale Stukturen etc. entstehen. Also kann ich definitiv sagen, dass die Zukunft dieser Künste sehr spannend und aufregend sein wird und immer mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Rhizome wird der Ort bleiben, an dem diese Kunst präsentiert, verstanden, kontextualisiert und kritisiert wird.

Haben Sie auch einen Lieblink?

Jeden Tag schaue ich mir so viele Sachen an. Diese Woche ist mir dieses Projekt ins Auge gesprungen: Chris Collins "Sunrise".

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1996. Gründer: Mark Tribe. Archiveinträge: 2100. Anzahl kommissionierter künstlerischer Projekte: 54. Finanzierung: durch Mitglieder, Stiftungen und staatliche Einrichtungen.

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