Kraftwerk - Düsseldorf

Zurück in die gute alte Zukunft

Seit letzter Woche läuft die Kraftwerk-Retrospektve im Düsseldorfer K20. Die Aufführung des Albums "Die Mensch-Maschine" geriet zum retrofuturistischen Trip in das Zeitalter, als Technik noch verheißungsvoll und furchteinflößend war.

Künstler mögen Kraftwerk. Seit die Konzertreihe der Düsseldorfer Elektropop-Legende letzte Woche begann, pilgert die Kunstelite der Stadt ins K20 am Grabbeplatz: Hilla Becher war da, Thomas Schütte, Elgar Esser, Andreas Gursky.

Letzterer hat gleich zwei Konzerte besucht, was sicher kein Zufall ist. Der Fotokünstler Gursky ist nicht nur bekennender Fan elektronischer Musik, er hat auch in Haltung und Ästhetik viel mit Kraftwerk gemein: den kalten, scheinbar neutralen Blick auf die Welt, die Freude am technisch Machbaren, die Verbindung von Reduktion und Opulenz. Gurskys Werke werden zur Zeit im Museum Kunstpalast gezeigt, nur wenige Gehminuten vom Grabbeplatz. Die Kunststadt Düsseldorf präsentiert sich als Heimat einer kühl-perfektionistischen Ästhetik, deren weltweite Wirkung wohl etwas mit deutschen Ingenieurs-Tugenden zu tun hat.

Dazu passt die aufgeräumte Stimmung im K20. Zwar gibt es einen Bierstand, und es werden T-Shirts und CDs verkauft – doch die Atmosphäre erinnert eher an einen IT-Kongress als an ein Popkonzert. Geschätzte 90 Prozent der rund 1000 Besucher sind Männer; kein Wunder bei einer Band, die sich immer mehr für Sequencer und Drumcomputer als für Sex&Drugs interessiert hat. Alle im Saal tragen 3-D-Brillen, wer sich nach hinten umguckt, kommt sich vor wie in einem amerikanischen Stehkino der fünfziger Jahre. Die Lautsprecher sind umlaufend hoch im Saal aufgehängt: Hinweis darauf, dass nicht nur die Bilder, sondern auch die Musik aus der Tiefe des Raums kommen wird.
Die Band beginnt selbstverständlich pünktlich.

Heute Abend steht das Album "Die Mensch-Maschine" von 1978 auf dem Programm, plus einiger Greatest Hits. Schon bald beachtet man die vier Männer kaum noch, die an ihren schwarzen Pulten stehen, eher Tontechniker als Musiker. Sie tragen eine Art Spider-Man-Kostüm und verziehen nie eine Miene. Animierte Grafiken tanzen durch den Raum, schweben vor und über ihnen. Die Klänge kommen klar und scharf konturiert aus den Boxen, einzelne Melodien und Sequenzen laufen an den Wänden entlang durch den Raum. Kraftwerk in 3-D, das ist die Vollbedienung der Sinne: Manchmal hört man genauer auf die Musik, dann wieder verliert man sich in den Filmen von Autobahnfahrten, Neonlicht-Impressionen und Roboter-Ballett. Manchmal schaut man nach, ob die eigenen Füße noch auf den Boden stehen.

Doch wie rührend nostalgisch ist diese retrofuturistische Beschwörung der Mobilität. Wir fahren mit dem VW-Käfer auf der endlosen Autobahn oder gleiten durch die Landschaft im "Trans Europa Express", den es längst nicht mehr gibt. Unsere Gegenwart, das sind Tempolimits und verspätete ICEs. Wie lange ist es her, dass wir uns an den Neonlichtern einer Stadt erfreuten: Bei Kraftwerk tauchen sie noch einmal in aller Unschuld als Verheißungen des Nachtlebens auf. Besonders wohlig wird einem zumute, wenn das letzte Originalmitglied Ralf Hütter den Heimcomputer" besingt und dabei von hunderten Smartphones gefilmt wird: Die neue Technik registriert mitleidlos die alte.
Kraftwerk haben ihre Performance technisch weiter entwickelt; neue Songs oder Motive gibt es seit 25 Jahren nicht mehr. Welcher Ort könnte also passender sein als das K20? Kraftwerk sind so klassisch wie Mondrian oder Donald Judd. Ihre multimedialen Trips führen uns zurück in die siebziger Jahre, als gewaltige Technik noch unsere Vorstellungen von Himmel und Hölle prägte. Letztere erscheint in den Lied "Radioaktivität", das übrigens als einziges ein Update erfuhr: Jetzt kommt auch Fukushima vor, und Ralf Hütter mahnt auf japanisch.

Obwohl sie immer genau das Gegenteil im Sinn hatten, sind Kraftwerk das geworden, was man in der Kunst eine historische Position nennt. Diese vertreten sie mit Würde und Professionalität. Nichts wäre peinlicher, als wenn die Veteranen heute Lieder über i-Pads und 3-D-Drucker dichten würden. Ihre Musik wird ohnehin bleiben, als permanenter Einfluss und oberste Referenz. Die Verbindung von prägnanten, fast kinderliedhaften Melodien mit hypnotischen Klangmustern ist so noch immer einzigartig.

Nach fast zwei Stunden treten sie ab, jeder Musiker geht einzeln von der Bühne, mit einer kurzen Verbeugung. Ralf Hütter sagt tatsächlich etwas zum Publikum: "Gute Nacht". Der warme Applaus drückt mehr aus als Begeisterung: Er zeugt vom großen Respekt für die besten Roboter, die wir je gehabt haben werden.

Kraftwerk. Roboter

NRW Forum, Düsseldorf
bis 30. Januar
http://www.nrw-forum.de/kraftwerk_roboter

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