Visual Leader - Hamburg

Früher gab es mehr Schrott

Am 25. März wird zum siebten Mal der "Lead Award" verliehen, einer der wichtigsten deutschen Medienpreise. Das Hamburger Haus der Photographie zeigt in der Begleitausstellung "Visual Leader" die rund 200 nominierten Fotoserien, Magazinbeiträge, Werbekampagnen und Webseiten. Es gibt Skurriles, Ernsthaftes und viel nackte Haut, doch die großen Überraschungen bleiben aus.
"Früher gab es mehr Schrott":Der Medienpreis LeadAward im Haus der Photographie

"Die Ausstellung liefert Jahr für Jahr ein sensibles Spiegelbild unserer Gegenwart", betont Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen

Hexenartig, in ländlicher Kleidung mit Rock, Blumenbluse und einem Kopftuch, welches das scheinbar nicht vorhandene Gesicht rahmt, thront das Plakat der Fastnachtfigur "Alte Hutzel" von Axel Hoedt hoch oben an der Fassade des Hauses der Photographie in Hamburg. Ebenerdig leuchtet eine rotgestrichene Wand im Foyer den Besuchern in der Abenddämmerung entgegen. Mit großen schwarzen Lettern, wird die aktuelle Ausstellung im Haus der Photographie angekündigt: "Visual Leader 2010 – Das Beste aus Zeitschriften und Internet", die Begleitausstellung zum Lead Award, einem der größten deutschen Medienpreise, der am 25. März zum siebten Mal verliehen wird.

Das besondere an diesem Wettbewerb ist, dass man sich nicht bewerben kann: Eine unabhängige Fachjury von 120 Juroren durchforstete den kompletten letzten Jahrgang von rund 420 deutschen Zeitschriftentiteln und bewertete diese in vier Haupt- und 20 Unterkategorien. Die nominierten und ausgezeichneten Arbeiten werden knapp zwei Wochen lang, zuerst noch ohne Nennung der Gold-, Silber- und Bronzemedaille, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Zuschauer kann dabei selbst zum Juror werden und über sein Lieblingsfoto abstimmen. "Die Ausstellung liefert Jahr für Jahr ein
sensibles Spiegelbild unserer Gegenwart, welches vielschichtig gesellschaftliche Zustände und Realitäten spiegelt, aber auch menschliche und emotionale Zwischenräume sichtbar macht", betont Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen.

"Es geht bei dem Preis darum, welche Magazine, Fotografen, Agenturen und Onlinemedien führend und mutig genug sind, neue Wege zu gehen", erklärt Markus Peichl, Vorsitzender der Lead Academy. Die Ausstellung sei streng genommen "vom größten Kuratorenteam der Welt" zusammengestellt, scherzt Peichl in Anspielung auf die unzähligen Mitarbeiter in den Redaktionen, die "überhaupt erst auswählen, was der Leser zu sehen bekommt". Ausgezeichnet werden 200 Fotoserien, Magazinbeiträge, Anzeigen und Webseiten. "Der Visual Leader steht für die fortschreitende
Kontextualisierung von Kunst, Medien und Kommerz", sagt Peichl. Geworben wird mit den ganz großen Namen der deutschen Kunst- und Fotografieszene, wie zum Beispiel Erwin Wurm, Karl Lagerfeld, Peter Lindbergh, Daniel Josefsohn
und Olaf Unverzart.

Die großen Überraschungen bleiben aus

Beachtlich ist die Bilderflut von 12 000 Seiten, die in den Deichtorhallen ausgestellt sind. Die Genres, die bei einem Zusammentreffen der führenden deutschen Magazine erwartet werden, sind ausnahmslos erfüllt: So begegnet einem Skurriles, wie bei "Stilfragen" von Peter Langer, der für das "Zeit Magazin" ein Skelett über eine Reisetasche hängend inszeniert hat, Ernsthaftes, wie bei der "Stern"-Strecke "Schwindsucht", die als "Beitrag des Jahres" nominiert ist, und viel nackte Haut aus dem "Nude Paper", das als "Feature des Jahres" ausgezeichnet ist. Ansonsten gibt es bunte
Titelbilder, flotte Werbesprüche und satirische Illustrationen zu sehen. Die großen Überraschungen bleiben aus, leichte Verwunderung kommt höchstens über die Prämierung der Bravo als "Zeitschriftenbeitrag des Jahres" mit einer Fotostrecke über Michael Jackson, den "King of Pop", auf. In dieser Kategorie übrigens ebenfalls nominiert: Das art-Magazin mit "Mein Deutschlandbild", einem Beitrag zum 30. Jubiläum, in der die besten Fotografen Deutschlands darum gebeten wurden, ihr persönliches Deutschlandbild zu präsentieren.

Auffallend ist die ungleiche Hängung: Es scheint sich ein Kampf des Layouts gegen die Fotokunst abzuzeichnen. Während viele prämierte Doppelseiten einfach aus den Magazinen herausgeschnitten wurden, bestechen andere Werke
mit großformatigen Hochglanzabzügen, ganz im Sinne des Künstlers. Da haben die Webseiten es einfacher: Schick kommen sie daher, auf weißen Flachbildschirmen kann der Besucher sie in Ruhe anklicken und stöbern. Auch in diesem Jahr wieder ausgezeichnet: art als "Webmagazin des Jahres".

Bei einem resümierenden Blick auf die großen Namen und den vielen Auftragsarbeiten der Magazine fragt man sich: Spüren die Medien die Wirtschaftskrise denn gar nicht mehr? Gibt es also noch Raum für frische Ideen der Nachwuchskünstler? Eine Antwort hat Andreas Mühe parat, der wohl zur Zeit begehrteste Jungfotograf. Seine letzte Porträtaufnahme, die in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Bild wurde als "Porträtfoto des Jahres" ausgezeichnet. Das besondere daran: Mühe überrascht mit einem ungewohnt ruhigen Blick auf die Bundeskanzlerin. Wie im Märchenwald steht Frau Merkel an einem Waldsee, klein wirkt sie, überragt von Bäumen, den Blick vom Betrachter abgewandt, scheint sie in eine meditative Traumpose verfallen zu sein. "Ich beschäftige mich mit dem Verhältnis von Raum und Mensch, mit den Fragen wo der Mensch lebt und wo sein Standpunkt ist. Ich möchte zeigen, wie klein der Mensch in seiner Umwelt eigentlich ist", erzählt der 30-Jährige. Eine Metapher über die Umkehrung der Machtverhältnisse? "Die Jungen sind im Aufbruch! Ein Vorteil der Krise ist, dass es eigentlich nur noch gute Künstler gibt, die Spreu hat sich getrennt. Schlechte Bildsprache fällt weg, da die Qualität durch die Krise wieder großgeschrieben wird. Früher hat man viel Schrott gesehen, weil Schrott auch finanzierbar war."

"Visual Leader"

Termin: bis 11. April, Haus der Photographie, Hamburg
http://www.deichtorhallen.de