Wo ist die Scham? - Steuerhinterziehung

Auf der Suche nach dem verlorenen Schamgefühl

Wenn selbst der oberste Kulturbeamte der Hauptstadt Steuern hinterzieht und sein Regierender Bürgermeister ihn trotzdem im Amt behalten will, muss das bürgerliche Schamgefühl in der Krise stecken. Eine Spurensuche von art-Autor Till Briegleb.
Skandalanalyse:Die Kultur der Steuerhinterziehung

Der Berliner Kulturstaatssekretär Andre Schmitz (SPD) bei einem Gespräch in der Redaktion der DPA in Berlin

Adolph Freiherr von Knigge war ein Schamexperte. Sein profundes Buch "Über den Umgang mit Menschen" – das die meisten Leute bis heute für einen Kodex lächerlicher Tischsitten halten – erklärte 1788 die Entstehung von Zivilisation aus dem Schmerz der Verlegenheit. Im Verhalten gegenseitiger Beschämung und Kränkung sah Knigge das Gewaltpotential einer Gesellschaft ansteigen. Eine Kultur von Rücksichtnahme und Selbstkontrolle (auch verstanden als gutes Benehmen) aber war für ihn die Voraussetzung für eine emanzipierte und gerechte Gesellschaft. Deswegen empfahl er, stets intensiv auf das eigene Schamgefühl zu hören. Das sei vor allem eine Übung, um sich selbst vor Fehlverhalten zu schützen. "Tue nichts im Verborgenen, dessen du dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe", lautete sein zentrales Gebot.

Betrachtet man sich aus dieser Perspektive die letzten Fälle von schamlosem Steuerbetrug, wie er sich plötzlich gehäuft im Bereich der Kultur und der Medien zeigt, dann krankt unsere Gesellschaft ganz offensichtlich am Gegenteil eines gesunden Schamempfindes: an Bigotterie. Das ist bei der aktuellen Hauptakteurin des steuerlichen Gewohnheitsbetrugs, Alice Schweizer (Äh, pardon: Schwarzer), natürlich keine ganz neue Nachricht: Eine selbsterklärte Frauenrechtlerin, die sich als Werbefigur vor den Karren des Fachblatts für Sexismus spannen lässt und für "Bild" auch noch Kolumnen verfasst, ist natürlich genügend vorqualifiziert, um mit einem Schwarzer Schweizgeldkonto (Äh, pardon: Schweizer Schwarzgeldkonto) in Deutschland lauthals Steuergerechtigkeit zu fordern – wie Alice Schwarzer es in der Vergangenheit im Bezug auf das Ehegattensplitting immer wieder getan hat.

Aber bei den anderen aktuellen Fällen, dem ehemaligen "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer und dem Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, ist die Verwunderung dann doch ein wenig frappierender. Theo Sommer galt immer als ausnahmslos seriöser Journalist und zeigte sich als einer der Meinungsführer in der deutschen Medienlandschaft der Aufdeckung von Ungerechtigkeit verpflichtet – und ist jetzt zu 19 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er bewusst Einnahmen unterschlagen hat, für die er 650 000 Euro Steuern hätte zahlen müssen. Und André Schmitz, der seit 2006 die Berliner Kulturangelegenheiten regelte, war nicht nur als SPD-Mitglied und Funktionär einer stets am Bankrott schnuppernden Metropole (die dennoch sein hohes Gehalt bezahlte) moralisch doppelt gefordert, steuergerecht zu handeln. Bei Schmidt kommt erschwerend hinzu, dass er der poltische Repräsentant eines elitären Bereichs ist, der für sich in Anspruch nimmt, Doppelmoral in entschiedener Form zu kritisieren: der Kultur.

Leider wird das Lauschen auf das eigene Schamgefühl auch im Bereich der schönen Künste allzu häufig vom Rauschen der Eigensucht übertönt. Erinnert sei etwa an den Chef der Bundeskunsthalle in Bonn, Wenzel Jacob, der als Spesenweltmeister die ihm anvertrauten Steuergelder in privates Luxusgebaren investierte. Oder an Günter Grass, der kritisiert für das jahrzehntelange Verschweigen seiner SS-Mitgliedschaft, statt Reue zu zeigen die Medien beschimpfte. Schließlich an Werner Spies, der sich seine Gutachten für Max-Ernst-Gemälde von dem Fälscherehepaar Beltracchi mit Provisionen für den Verkauf der Bilder begleichen ließ. In all diesen Fällen hätte ein intaktes Schamgefühl Alarm schlagen müssen, wäre es nicht durch Eitelkeit und/oder Gier geknebelt.

Auch Alice schwarzt (Äh, pardon: schwärzt) lieber die Medien an, die mit der Bekanntmachung der wohl über 20-jährigen kriminellen Steuerunterschlagung ihre Persönlichkeitsrechte massiv verletzen würden, anstatt einfach mal den Mund zu halten und sich zerknrischt zu geben (wie es Theo Sommer und André Schmitz immerhin getan haben). Zwar hat sie durchaus Recht, dass das deutsche Steuergesetz ihr einen Weg gewiesen hat, legal aus dem beschämenden Vorgang herauszukommen. Aber so sehr vor dem Gesetz alle Menschen gleich sein sollten, so wenig sind sie es im Verhältnis zu ihrer Selbstinszenierung. Und wer permanent Andere mit Predigten und Schuldvorwürfen konfrontiert, um gesellschaftliche Änderungen herbeizuführen (wie es Schwarzer im Fall von Jörg Kachelmann oder in Bezug auf Sexarbeiterinnen tat), der versteht wahrlich genug von der Machtmechanik der Beschämung, um sich jetzt nicht über den Medienpranger beklagen zu dürfen, an dem sie zu Recht steht.

Schon Knigge sah übrigens in der gezielt eingesetzten Beschämung eine durchaus produktive Waffe. Bei Prahlern, Aufschneidern, Heuchlern, Bigotten, Pedanten, Windbeuteln und anderen taktlosen Selbstdarstellern empfahl Knigge die gezielte Erregung des Schamgefühls als beste Methode zur Verhaltenskorrektur: damit diese "behutsamer zu werden pflegen". Im Feld der Gier allerdings scheint dies ein stumpfes Schwert zu sein. Obwohl die Angst bei Kultur- und Medienprominenten vor dem öffentlichen Pranger vermutlich größer ist als vor der Justiz, praktiziert offensichtlich auch diese Klientel massiv den Steuer-Hoeneß. Jedenfalls erwarten Fachleute, dass unter den 64 000 noch anhängigen Selbstanzeigen wegen Alice-Konten in der Schwarz (Äh, pardon: Schweiz) sich noch zahlreiche Kulturprominente befinden.

Es sind also noch eine Reihe von Verlegenheits-Aufführungen von interessanten Meinungs-, Kunst- und Kulturmachern zu erwarten, die sich bisher hinter das Schild des Steuergeheimnis ducken konnten. Die nach oben offene Schwarzer-Skala der Peinlichkeiten erwartet neue Ausschläge durch Freunde des Schweizer Bankgeheimnis, deren Namen der investigative Journalismus mit Gewissheit liefern wird. Pessimisten werden dazu natürlich sagen, dass Knigges Annahme, ein funktionierendes Gemeinwesen brauche ein hohes Maß allgemeiner Schamsensibilität, gerade eine schlechte Prognose abliefert.

Aber vielleicht führen die beschämenden Aufdeckungen im Bereich der deutschen Intelligenz auch dazu, dass die Gesellschaft mal über das freiwillige Outing von Steuersündern diskutiert, anstatt immer nur von schwulen Fußballern eine Schambeichte zu verlangen. Das wäre auf jeden Fall ein Schritt voran in die Emanzipation von Heuchelei und Schamlosigkeit. Und mit Emanzipation, da kennt sich die Kultur doch aus, oder Frau Schwarzer?

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