Gängeviertel - Hamburg

Wir sind kein Künstlerviertel!

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem 200 Künstler das Hamburger Gängeviertel durch Besetzung vor dem Abriss gerettet haben. In der Zeit hatten die Aktivisten alle Hände voll zu tun mit Verhandlungen, einem Regierungswechsel und der Selbstorganisation. Gestern zog die Initiative "Komm in die Gänge" auf einer Pressekonferenz Bilanz.
Wir sind kein Künstlerviertel:Experiment zum alternativen Wohnen

Ort alternativer Lebensformen: das Gängeviertel in Hamburg

Viel ist passiert in den vergangenen zwei Jahren, nachdem die Stadt Hamburg das kleine historische Innenstadtviertel von einem holländischen Investor zurückgekauft hat. Teile des zwölf Gebäude umfassenden Komplexes wurden wegen Baufälligkeit abgesperrt, wieder freigegeben, halbwegs instand gesetzt und mit Leben gefüllt. Die ehemaligen kleinen Arbeiterwohnungen wurden zu Ateliers, Werkstätten, Galerien oder Lädchen umfunktioniert.

Vom ersten Tag an herrschte kreativer Hochbetrieb: Rund 1000 Veranstaltungen fanden statt, darunter Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Diskussionen, Filmabende. Mehr als 50 000 Besucher haben kurz reingeschaut oder intensiv daran teilgenommen. Etwa 120 Aktive arbeiten derzeit an der Verwirklichung ihrer Träume. Das war und ist nicht immer leicht, denn die Stadt Hamburg und die Initiative haben unterschiedliche Interessen.

Genossenschaft zum Schutz vor Spekulaten

Um das Viertel nach der Sanierung durch einen Erbpachtvertrag mit der Stadt Hamburg vor Immobilienspekulationen zu schützen und die Selbstverwaltung zu sichern, hat die Initiative im November 2010 eine Genossenschaft gegründet, in der jedes Mitglied eine Stimme hat, unabhängig davon, wie viele Anteile es besitzt. Auf der "Komm in die Gänge"-Webseite lädt die Initiative "alle Menschen und insbesondere alle Hamburger" dazu ein, sich zu beteiligen. Einen prominenten Anteilseigner gibt es bereits: Die Genossenschaft der Hafenstraße hat sich gerade mit 25 000 Euro beteiligt.

Die "Komm in die Gänge"-Initiative möchte außerdem nicht mehr als ausschließliches Künstlerviertel wahrgenommen werden. "Wir betonen überall immer wieder, dass wir kein Künstlerviertel sind", sagte Sprecherin Hannah Kowalski mit Nachdruck auf die Frage, wie die immer wieder auf dem Gelände stehenden, bewohnten Bauwagen ins künstlerische Konzept der Initiative passten. "Wir unterstützen alle alternativen Lebensformen." Derzeit steht ein Bauwagen auf dem Gelände, für den es laut "Komm in die Gäng" eine Genehmigung gibt.

Die Initiative wirft dem neuen Senat unter Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) vor,"nur den Bau von Sozialwohnungen" im Auge zu haben, nicht aber deren Nutzung. "Es reicht uns nicht, dass die Stadt die Wohnungen verwaltet, und wir die Galerien bespielen", so die andere Sprecherin Christina Ebeling. Die Initiative träumt von einem soziokulturellen Viertel, in dem alle Menschen – "Handwerker, Angestellte, Familien und eben auch Künstler, was auch immer das bedeuten mag", so Kowalski – gemeinsam leben und arbeiten. Jeder solle sich beteiligen und verwirklichen können. Wichtig sei, dass der kreative Geist des Viertels erhalten bleibe.

Auf die Frage, wie gesichert werden solle, dass der billige Innenstadtwohnraum nur an Mieter vergeben werde, die sich aktiv ins kreative Viertelgeschehen einbringen, antwortet Kowalski, dass sich die Initiative eine Art Auswahlgremium vorstellen könne. Wohnen würde man dann zunächst nur auf Probe. Die Möglichkeit, nicht ins Konzept passende Mieter wieder zum Auszug zu bewegen, behielte sich die Initiative damit vor.

Große Feier zum zweiten Geburtstag

Dass sich alternative Wohnprojekte aber über die Jahre meist selbst gut strukturieren würden, merkte der ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesende Joachim Reinig an. Der Hamburger Architekt hat den Michel saniert und außerdem Erfahrung mit alternativen Wohnprojekten – eines seiner ersten war vor 30 Jahren das Schröderstift am Schlump. Nun berät er die Gängeviertel-Initiative und soll mit der Sanierung beauftragt werden. Wie genau alles in 30 Jahren im Gängeviertel aussieht, weiß niemand, so Ebeling. "Wir haben den Boden urbar gemacht, das Feld bestellt und die ersten Pflänzchen gesetzt – nun muss man sehen, was daraus alles so wächst." Am kommenden Wochenende findet erstmal eine große Feier mit viel Programm zum zweiten Geburtstag statt.

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