Venedig Biennale 2015: Armenischer Pavillon

Keine Insel der Seligen

Dass Armenien dieses Jahr in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat, hat viele überrascht. Nicht zuletzt, weil nur die wenigsten Eröffnungsbesucher ihn auch gesehen haben, schließlich liegt der Pavillon auf einer kleinen Insel fernab vom Vernissage-Rummel. Unser Autor hat sich trotzdem auf den Weg gemacht und kann die Reise nur empfehlen.
Keine Insel der Seligen

Der Armenische Pavillon ist in diesem Jahr in einem alten Kloster auf der Insel San Lazzaro beheimatet.

Es ist eine Erholung, mit dem Vaporetto vom Piazza San Marco nach San Lazzaro überzusetzen. Auf der kleinen Insel, die seit Jahrhunderten ein armenisches Kloster beheimatet, können die Werke und damit auch deren Betrachter wirklich atmen, denn es steht ein Vielfaches an Ausstellungsfläche als selbst in den größten der Länderpavillons im Giardini-Gelände zur Verfügung. Bislang herrschte auch wahrlich kein Gedränge. Man kann nicht kurz mal vorbeischauen und dann wieder abhauen – dafür fahren die Boote zu selten.

Der Andrang dürfte nun deutlich zunehmen, nachdem der Armenische Pavillon überraschend den diesjährigen Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag verliehen bekommen hat. Er hebe "die Widerstandsfähigkeit von transkulturellem Zusammenfluss und Austausch" hervor, urteilte die Jury.

Tatsächlich passt der Pavillon bestens zum Anspruch von Biennale-Direktor Okwui Enwezor, eine besonders politische Biennale machen zu wollen. 100 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich hat Kuratorin Adelina Cüberyan von Fürstenberg das Gedenken an diesen Genozid zum Thema des Armenischen Pavillons gemacht. Doch trotz des grausamen Ausgangspunktes wirkt die Ausstellung überhaupt nicht anklagend, eher unaufdringlich in seinen politischen Implikationen. Sämtliche Arbeiten haben einen Bezug zu den Massakern von vor 100 Jahren, die Künstler selbst sind Nachfahren von Überlebenden. Reflektiert werden also nicht nur die konkreten Vorgänge von damals, sondern auch die Konsequenzen, die Genozide, Vertreibung und Flucht für die Identität mit sich bringen – auch für die Generation der Nachgeborenen.

Behalte deinen Akzent!

Leicht zugänglich und zugleich auch noch humorvoll ist die Videoarbeit "Accent Elimination" von Nina Katchadourian, die im Obergeschoss des Klosters ausgestellt wird. In je einem Video erzählen ihre Eltern von ihrer nationalen und sprachlichen Herkunft. Die beiden leben heute in den USA, die Mutter ist aus Finnland, der Vater hat armenische Wurzeln. Die etwas naiv wirkenden Fragen der Tochter ergeben bald, dass das nicht alles ist. Die Familie der Mutter gehört in Finnland zur schwedischsprachigen Minderheit, der Vater ist zwar Armenier, wurde aber in der Türkei geboren, und kennengelernt haben sich die Eltern im Libanon. Aus unterschiedlichen Gründen sprechen die beiden gleich eine Handvoll Sprachen, die ihre Identität bis heute prägt. Katchadourian hat ihre Eltern nach der Befragung zu einem Experten geschickt, der Akzente eliminiert und zeigt in weiteren Filmen, wie sie versuchen, ihre vorherigen Texte akzentfrei auszusprechen. Sie scheitern und es wird deutlich, dass mit ihren Akzenten auch ein Stück ihrer Identität eliminiert würde.

Viele armenische Familien sind während des Völkermords geflohen und leben in der Diaspora. Aber auch diejenigen, die freiwillig ihre Heimat verlassen haben und alltäglich in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache kommunizieren, können sich in Katchadourian Videoarbeit wiedererkennen. Dazu dürfte auch Kuratorin von Fürstenberg selber zählen: Sie hat armenische Wurzeln, wurde in Istanbul geboren und lebt in der Schweiz.

Ausgewählt hat von Fürstenberg auch Nigol Bezjian, der sich mit dem 1915 ermordeten Dichter Daniel Varoujan auseinandersetzt. In Dokumenten und gefilmten Interviews mit Literaten und Forschern zeigt er exemplarisch, wie viel literarisches und künstlerisches Talent mit dem Massaker ausgelöscht worden ist. Die Arbeit "Treasures" der in Berlin lebenden Silvina Der-Meguerditchian basiert auf einem alten Rezeptbuch ihrer Großmutter, das diese vor rund 70 Jahren auf türkisch, aber mithilfe des armenischem Alphabets geschrieben hat – auch das ein Artefakt, das für die kulturelle
Identität steht.

Die meisten Arbeiten des Armenischen Pavillons sind im eigentlichen Kloster und dessen Innenhof zu sehen, ein paar im Park der Insel. In dem Kloster hat seit der Flucht vor den Osmanen Anfang des 18.
Jahrhunderts der armenisch-katholische Mechitaristenorden seinen Sitz. "Die Insel wird Kleines Armenien genannt, weil sie für die armenische Diaspora schon 300 Jahre vor Gründung der Republik wichtiges Zentrum für unsere Kultur war", so von Fürstenberg. Auch deshalb hat sie 100 Jahre nach dem Völkermord entschieden, gerade diesen Ort für den Pavillon zu nutzen und dort des Genozids zu gedenken.

"Jetzt lasst uns so weitermachen, wir haben die Kämpfe satt!"

Der Völkermord an den Armeniern wurde durch das Osmanische Reich, aus dem später die Türkei hervorging, verübt. Es ist daher nicht ohne Brisanz, dass auch der in der Türkei geborene armenische Künstler Sarkis Zabunyan in der Ausstellung vertreten ist. Nicht nur wegen seiner Herkunft, sondern auch, weil er zugleich auch sein Geburtsland Türkei bei der diesjährigen Biennale vertritt. Dass auch die Türkei Sarkis eingeladen hat, ist für von Fürstenberg besonders bedeutend. "Wir brauchen solche Gesten, wir haben die Diskussionen leid. Künstler waren in der Geschichte immer zusammen, auch, wenn sie unterschiedlicher Meinung waren. Jetzt lasst uns so weitermachen, wir haben die Kämpfe satt!", sagt sie. Weder das Thema noch die Auswahl von Sarkis soll eine Anklage an die Türkei sein, stattdessen sei es wichtig, miteinander zu sprechen, Fakten anzuerkennen und sich zu versöhnen. Für von Fürstenberg ist es eine einfache Rechnung: "Wie Andre Malraux sagt, ist es die Kultur, die die Leute rettet. Und wie Dostojevski gesagt hat, ist es die Schönheit, die die Welt rettet".

Im armenischen Pavillon ist es die künstlerische Schönheit, die reflektiert, und, weil sie nicht anklagt, an die Türkei und alle anderen versöhnliche Signale sendet. Das sollte nicht als naiv abgetan werden – es ist ein wichtiger Schritt. Der armenische Pavillon mit von Fürstenberg und den 16 hier gezeigten Künstlern hat den Goldenen Löwen und die damit verbundene Aufmerksamkeit verdient. Auch wenn es auf San Lazzoro nun etwas weniger still sein wird.

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