Florian Waldvogel

Kunstverein Hamburg

"Kunstvereine können schneller auf aktuelle Themen reagieren"
Florian Waldvogel, 39: "Man muss versuchen, die Kunststudenten in Hamburg zu halten und mit ihnen eine Infrastruktur aufbauen." (Foto: Privat)

"KUNSTVEREINE KÖNNEN SCHNELLER AUF AKTUELLE THEMEN REAGIEREN"

Florian Waldvogel wird neuer Direktor des Hamburger Kunstvereins: Der 39-Jährige übernimmt die Stelle am 1. Januar 2009 von Yilmaz Dziewior, der den ältesten deutschen Kunstverein acht Jahre lang leitete. Waldvogel, der an der Städelschule in Frankfurt am Main Kunstvermittlung bei Kasper König studierte, arbeit derzeit noch als Chefkurator des Rotterdamer Kunstzentrums Witte de With. Im art-Interview spricht er über die inhaltlichen Anforderungen an einen Kunstverein, schlägt ein politischeres Profil vor und setzt dabei auf lokale Kooperationen.
// WIEBKE GRONEMEYER, HAMBURG

Herr Waldvogel, am 1. Januar übernehmen Sie die Leitung des Hamburger Kunstvereins. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Florian Waldvogel: Der Hamburger Kunstverein ist eine der besten Kunstinstitutionen Deutschlands, und da ist es nur selbstverständlich, dass man sich auf so eine Position bewirbt. An den über 70 Bewerbungen kann man sehen, wie wichtig der Kunstverein ist. Außerdem ist Hamburg eine vitale Stadt, sie hat eine gut aufgestellte Kunstakademie, eine vielfältige kulturelle Szene mit dem Golden Pudel Club, der Kunsthalle, dem Museum für Kunst und Gewerbe, der Internationalen Bauausstellung (IBA), der Galerie der Gegenwart, den Deichtorhallen und einigen Galerien, um nur ein paar zu nennen. Es ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands, jede gute Band spielt dort, die Goldenen Zitronen, Tocotronic sind von hier, es gibt zwei große Fußballklubs und eine politisierte Off-Kunstszene. Alles in allem ist es eine hervorragende Stadt von hoher kultureller Bedeutung.

Aber hinkt die Hamburger Kunst- und Kulturszene Berlin nicht immer noch stark hinterher?

Ich finde es bedenkenswert, dass so viele junge Künstler von der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HFBK) nach Berlin abwandern – und das ist nicht nur in Hamburg so. Man muss versuchen, die Studenten in Hamburg zu halten und mit ihnen eine Infrastruktur aufbauen. Da müssen viele an einem Strang ziehen, und das möchte ich natürlich unterstützen. Wenn man sieht, wie viele gute Künstler wie zum Beispiel Tjorg Douglas Beer, Christian Jankowski, Julia Horstmann, John Bock und Jonathan Meese, aus der Hamburger Akademie nach Berlin gehen, gibt es offensichtlich Handlungsbedarf. Ich denke wirklich, dass es wichtig ist, die Künstler aus Hamburg auch stärker an Hamburg zu binden.

Wie begegnen Sie ihrer neuen Aufgabe als Direktor?

Es ist auf jeden Fall eine große Herausforderung, denn meine Vorgänger Uwe M. Schneede, Stephan Schmidt-Wulffen oder Yilmaz Dziewior haben sehr gute Arbeit geleistet. Sie haben den Kunstverein international etabliert. Besonders Yilmaz Dziewior und sein Team haben viele sehr gute Ausstellungen kuratiert: Die aktuelle Einzelausstellung von Bojan Sarcevic ist eine hervorragende Ausstellung. Er hat viele wichtige Positionen gezeigt wie zum Beispiel Andrea Fraser, Cosima von Bonin, Simon Starling, Paul McCarthy, Jack Goldstein, Robert Kusmirowski, Cildo Meireles um nur einige zu nennen. An diese erfolgreiche Arbeit möchte ich natürlich anknüpfen, doch dabei werde ich andere Schwerpunkte setzen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Vorstand. Im Unterschied zu anderen Kunstvereinen ist der Vorstand ausschließlich mit Personen aus dem Kulturbereich besetzt, die ein gewisses Verständnis für vielleicht etwas kontroversere Projekte mitbringen. Die Voraussetzungen, um am Kunstverein in Hamburg zu arbeiten, sind also optimal.

Welche neuen Impulse möchten Sie setzen?

Ich möchte mehr Kooperationen mit den Institutionen der Stadt knüpfen, das Haus zur Stadt öffnen. Ich würde auch gerne mehr in den Außenraum gehen und dort Projekte realisieren, die ein politischeres Profil haben. Es gibt genug interessante Persönlichkeiten in Hamburg, mit denen man Kooperationen schaffen kann. Wenn man Erfolg haben will, gilt es genau zu schauen, was für ein Potenzial im Lokalen vorhanden ist und dies dann international zu vernetzen.

Wie stellen Sie sich diese Vernetzung vor und welche Kooperationen können Sie sich in Hamburg vorstellen?

Die Vermittlung von kultureller Produktion ist mittlerweile so kompliziert, dass es eines bestimmten Vermittlungsprogramms und vielfältiger Kooperationen bedarf, damit sich die Dinge erklären lassen. Am Kunstverein besteht bereits eine Kooperation mit der HFBK in Hamburg. Traditionell unterrichtet der Direktor des Kunstvereins dort zeitgenössische Kunsttheorie. Aus meinem persönlichen Interesse heraus würde ich gerne neben einigen anderen eine Kooperationen mit dem Institut für Sozialforschung eingehen und die vorhandenen Strukturen kreativ nutzen, um an den politischen und sozialen Zukunftsfragen der Gesellschaft mitzuwirken und Lösungsansätze zu entwickeln. Meine kulturelle Praxis verbindet Kultur und Wissensproduktion mit gesellschaftlichem Handeln durch charakteristische Methoden des kritischen Bearbeitens von sinnstiftenden kulturellen Praktiken.

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2 Leserkommentare vorhanden

S. F.

13:23

08 / 08 / 08 // 

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Die Wahl von Florian Waldvogel zum neuen Direktor des Hamburger Kunstvereins verspricht nichts gutes. Bislang hat sich der Kurator nun wirklich nicht durch die Präsentation von wirklich interessanten Künstlern hervorgetan! Schade.

Thomas Wulffen

11:35

13 / 08 / 08 // 

Si tacuisses,

ann wäre Florian Waldvogel auch kein Philosoph geblieben, aber er hätte Chance gehabt, zu einem späteren Zeitpunkt etwas Sinnvolleres von sich zu geben. siehe auch hier http://thwulffen.blogspot.com/2008/08/si-tacuisses.html