Stefan Kalmár - Interview

Kein Platz für Kochtöpfe und Trüffelschweine

Seit 2005 leitete Stefan Kalmár den Kunstverein München. Diesen Sommer wechselt der 39-jährige nach New York, um neuer Direktor des Artists Space in Downtown Manhattan zu werden. Die Anfang der siebziger Jahre gegründete Kunststiftung ist eine traditionsreiche Institution, die sich vor allem mit junger Kunst befasst, die von den etablierten Häusern übersehen wird und in der Künstler wie John Baldessari und Cindy Sherman einen ihrer ersten großen Auftritte hatten

art: Wie kam es zu dem Wechsel nach New York? Hat es sich durch Ihr Ausstellungsprojekt für das Goethe-Institut in der New Yorker Galerie "Ludlow 38" ergeben?

Stefan Kalmár: Eigentlich eher durch meine Arbeit in München. Da ich in den letzten Jahren daran gearbeitet habe, dem alten Modell Kunstverein neue Perspektiven aufzuzeichnen.

Können Sie zu einem so frühen Zeitpunkt sagen, in welche Richtung sich der alternative Artists Space weiterentwickeln wird?

Anfänglich ging es ausdrücklich darum, ein Forum für junge, neue Positionen zu sein. Der Artists Space hat historisch dazu beigetragen, dass sich die monokulturelle Institutionsstruktur pluralisierte, demokratisierte und öffnete. 1972 gab es in New York City vielleicht gerade 50 Galerien, heute sind es an die 700. Also lautet die Frage, wo heute dieser Ort der Differenz ist und wie wir unsere Aufgabe überdenken – wenn unsere Arbeit über die eines kuratorischen Trüffelschweins hinausgehen soll. Ich denke, unsere vorrangige Aufgabe liegt darin, ein Programm zu machen, das sich kritisch mit gegenwärtigen Zwängen und Machtverhältnissen auseinandersetzt. Wir sind keine Corporate Machine. Unser Programm richtet sich nicht nach Einschaltquoten, weil der Sponsor sie braucht. Wir können unabhängiger agieren, nur wird das oft nicht voll ausgespielt. Das wird sich jetzt ändern.

Welche Rolle übernehmen alternative Einrichtungen im Vergleich zu den starken Museumsinstitutionen?

Das hat sich alles sehr geändert. Ein Künstler, der im Dezember bei einer Galerie wie Reena Spaulings auf der Lower East Side ausstellt, zeigt im Februar im Projektraum des Museum of Modern Art Arbeiten. Die großen Institutionen funktionieren wie ein Multiplex Cinema. Natürlich laufen da dienstags um 23 Uhr auch mal Indie-Filme, weil das gut für die 'Street Cred' ist. Der Mark und der globale Institutionswettbewerb präsentieren sich wesentlich komplizierter, wenn sich auch in der Sache nicht unbedingt viel geändert hat. Es geht ums Gewinnen und um Gewinn. Dieser Wettbewerb interessiert mich nicht.

Und wie unterscheidet sich das Kräfteverhältnis der Institutionen in New York im Vergleich zu Deutschland?

Money!

Sie übernehmen den Artists Space in einer schwierigen Zeit, die besonders New York hart trifft.

Ich glaube, die Zeiten der aufgeweichten Kanapees sind vorbei, es geht wieder um Inhalte. Und ich meine hier nicht Käse oder Schinken, sondern selbstlose Philantropie, die wirklich unterstützt und Interesse am Risiko, am Experiment und am Wissen hat. Nicht nur am Event und Spektakel.

Glauben Sie, dass es mit der Krise und damit, dass die Bedeutung des Kunstmarkts in den Hintergrund rückt, eine neue Chance für unkonventionelle, junge Kunst und alternative Institutionen gibt?

Also für mich hat, was Sie unkonventionelle Kunst nennen und ich gute Kunst nenne, vor, während und nach der Krise die gleiche Chance – aber warum sollte man sich, nur, weil der Markt eine Talfahrt macht, für andere Kunst interessieren? Es ist schon bemerkenswert, dass das P.S.1, White Columns, das New Museum und der Artists Space im selben Jahr in New York gegründet wurden. Schaut man sich die Situation des P.S.1 und des New Museum an, dann ist interessant, dass sich beide institutionalisiert haben. Das P.S.1 wurde dem MoMA angeschlossen, das New Museum versucht, das MoMA zu imitieren.

Wo liegen die Stärken und Schwächen des Artists Space?

Das wahnsinnige ist, dass der Artists Space in drei Künstler-Generationen im Herz und Kopf verankert ist und eine unglaubliche Loyalität bei Künstlern hat – und das, obwohl die letzten Jahre etwas holprig waren. Guckt man sich die gewärtigen Orte in New York an, dann ist es im New Museum beispielsweise einfacher, einen Kochtopf von Alessi zu kaufen als das "October"-Magazin. Wir brauchen wieder einen lebendigen und streitbaren Ort, dafür bin ich da.

Sie haben in London gelebt, in Deutschland und New York gearbeitet. Welchen Stellenwert hat New York in der Kunstwelt?

Ich sehe meine Kollegen und Künstler aus der ganzen Welt in New York öfter als in München. Natürlich hat New York ein wahnsinniges Potenzial. Aber ich glaube, die 'Kunstwelt' ist wirklich eine Kunst, eine künstliche Welt. Orte wie Beirut, Puerto Rico, Kuba, Marseille, Vancouver, Kairo, Kenia werden in den nächsten Jahren wichtiger. Im Grunde wird die Großtadt zur Kunstwelt, aber die Welt findet woanders statt. Künstler werden es in Zukunft als weniger notwendig ansehen, in diesen Hauptumschlagorten zu leben und zu arbeiten. Auf der anderen Seite entstehen an diesen Knotenpunkten vielleicht neue Modelle von Produktion und Distribution.

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