Brunnenreinigung - Documenta

Documenta-Leiterin reinigt Brunnen

Mit Wasserschlauch und Bauhelm ausgestattet hat die künstlerische Leiterin der Documenta (13), Carolyn Christov-Bakargiev, den Brunnen des Künstlers Horst Hoheisel in Kassel gereinigt.
Im Untergrund:Documenta-Leiterin reinigt Brunnen

Carolyn Christov-Bakargiev beim Abstieg

Der sich nach oben verjüngende Sandsteinobelisk wurde 1987 kopfüber und zwölf Meter tief in die Erde abgelassen - man sieht lediglich eine Betonplatte, kann aber hineinschauen. "Ich möchte, dass die Leute der nächsten Documenta den Brunnen sehen", sagte Christov-Bakargiev, die für die Putz-Aktion durch eine Öffnung und über Sprossen hinabstieg. Das Werk ist eine negative Form des Aschrott-Brunnens, der nach dem jüdischen Stifter Sigmund Aschrott benannt und 1939 von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Die Documenta (13) öffnet am 9. Juni 2012.

Christov-Bakargiev reinigte den Brunnen gemeinsam mit dem Künstler Horst Hoheisel. Christov-Bakargiev sagte dazu: "Dieser symbolische, geteilte Akt weckt auch die Erinnerung an frühe feministische Performances, die den Akt der Reinigung thematisieren; der lateinische Begriff 'curare' – in seiner ursprünglichen Bedeutung von 'sich um etwas kümmern' – wird hier wörtlich genommen, und die Erinnerung an die Leerstelle, die verlorene Form, erneuert." Hoheisel reinigt seit Jahrzehnten persönlich in einem monatlichen Ritual den Brunnen.

Im April 1930 wurde der sich nach oben verjüngende Sandsteinobelisk des Brunnens vor dem Kasseler Rathaus von den Nazis zerstört. Horst Hoheisel entwickelte seine Arbeit Negative Form 1987. Hoheisels Werk besteht aus einem umgekehrt in den Erdboden versenkten Hohlraum-Modell des 12 m hohen originalen Aschrott-Brunnen. Dazu wurde für einige Tage das Modell wie eine geisterhaft wiederauferstandene Form auf dem Platz ausgestellt, bevor sie mit der Spitze nach unten 12 Meter tief in den Boden versenkt und damit zum Spiegelbild des verschwundenen Orginalbrunnens wurde. Das Negativ ist mit einem begehbaren Gitter gesichert. So spürt der Passant die Leere unter seinen Füßen und sieht und hört, wie das Wasser von der Brunnenoberfläche in den zum Trichter gewordenen Obelisken hinunterstürzt. Es ist ein Geräusch, das uns "in die Tiefen der Geschichte" zieht, wie Hoheisel sagt, wo “wir vielleicht Gefühlen des Verlusts eines zerstörten Ortes oder einer verlorenen Form begegnen.” Nach unten gekehrt und somit unsichtbar gemacht ist Hoheisels Brunnen eine Art "Gegen-Denkmal", das mehr mündlich als real existiert, wie ein Gerücht, das die Geschichte und Erinnerung an den Holocaust aufrecht erhält und verbreitet. So wie der Künstler es begreift, ist es kein Ort, "an dem Blumen abgelegt werden", für ihn ist der Ort "eine Wunde, die nicht verschlossen oder vertuscht werden kann."