Shepard Fairey - Kopenhagen

Kunst, Kapitalismus, Hoffnung

Der bekannte Street Artist und Obama-Porträtist Shepard Fairey sprayte Anfang August in Kopenhagen. Es dauerte nicht lange, und er hatte sich mächtig Ärger eingeheimst – ausgerechnet mit der linken Szene. Clemens Bomsdorf traf Fairey mitten in Aktion in der dänischen Hauptstadt.
Street Art:Shepard Fairey zu Besuch in Kopenhagen

Das von Fairey bemalte Jugendzentrum – nach der Versöhnungsaktion mit den Jugendlichen

Die Stadt ist eine Baustelle. An fast allen zentralen Orten Kopenhagens wird derzeit gebaut, mal ist es Fernwärme, die verlegt wird, mal die Erweiterung der Metro und oft ist völlig unklar, warum jetzt ausgerechnet gerade an dieser Stelle gebuddelt wird.

Die wohl bekannteste Baulücke der dänischen Hauptstadt aber sieht seit Jahren gleich aus. An der Adresse Jagtvej 69 liegt alles brach. Hier stand einmal das alternative Jugendzentrum "Ungdomshuset", dann wurde es im März 2007 zunächst geräumt und dann abgerissen. Seither klafft inmitten eines der beliebtesten Stadtviertel eine Baulücke.

Lange ist vom Streit um das Jugendzentrum nichts mehr zu hören gewesen. Dann kam Shepard Fairey. Sein buntes Obama-Porträt mit dem Wort "Hope" (Hoffnung) hat den US-amerikanischen Graffitikünstler international berühmt gemacht. In Kopenhagen wird er jetzt aber damit verbunden ein umstrittenes "mural" (Wandbild) am Jagtvej 69 hinterlassen zu haben.

Fairey ist dieser Tage in Kopenhagen gewesen, um in der Galerie V1 seine Solo-Ausstellung zu eröffnen und um in Kopenhagen an mehreren Stellen legal Street Art zu hinterlassen. Ganz in rot hat er die Außenwand des Hauses streichen lassen, die an den Jagtvej 69 grenzt. Oben inmitten eines seiner so typischen Ornamente eine Friedenstaube, darunter steht "Peace" und „69“ – die Hausnummer ist Symbol für Häuserkampf und Jugendzentrum geworden. Doch für die jungen Leute, die das Ungdomshuset viel benutzt haben und jene, die sich mit ihnen solidarisch fühlen gilt: "Intet glemt, intet tilgivet." (Nichts vergessen, nichts vergeben.) Soll heißen, sie sahen die Friedensbotschaft an dieser Wand als falsches Zeichen, als habe die linke bis linksradikale Zone Räumung und Abriss des Ungdomshuset vergessen und einen Strich drunter gezogen.

Kaum hatte Fairey sein Werk vollbracht, wurde es auch schon attackiert und überspritzt. Unter anderem stand plötzlich "Yankee-hipster go home" und "No Peace" auf seiner Arbeit. Fairey, der früher schon mal eine Arbeit fürs Ungdomshuset gefertigt hatte und sich der Linken durchaus verbunden fühlt, wurde zum Hassobjekt in der Szene. Schnell waren die jungen Antikapitalisten davon überzeugt, er habe Millionen von der Stadt Kopenhagen für seine Appeasement-Botschaft bekommen. Dabei hatte die nur das Material bezahlt und mit dem Werk nichts am Hut, schließlich wurde an die Fassade des Nachbargebäudes und nicht auf kommunalen Grund gesprayt. Aber die Vereinnahmung eines großen Künstlers durch viel Geld passte halt so schön ins vereinfachte Kapitalismusklischee.

"Der Ort ist ein hervorragender für eine Arbeit, weil er eine Historie hat", sagt Fariey zu art. "Doch ich wollte mich nicht auf die Situation mit dem Jugendzentrum beziehen, sondern meine Opposition zum Krieg in Afghanistan und Irak zum Ausdruck bringen", so der Künstler weiter. Nach einem Treffen mit den Aktivisten kam es zum Friedensschluss, und das Wort "Peace" wurde übermalt, stattdessen werden nun die jungen Leute den Platz unterhalb der Friedenstaube selbst bemalen.

Fairey hat unterdessen in Kopenhagen noch zahlreiche weitere Spray-Werke erstellt. "Es darf nicht nur Werbung im öffentlichen Raum zu sehen sein. Meine Graffiti sind Teil eines Dialogs", sagt er vor einer Mauer im Westen von Kopenhagen stehend, nicht weit vom Trend-Bezirk Kødbyen. Das Bild, das gerade hinter seinem Rücken von seinen Assistenten fertiggestellt wird, thematisiert genau dies. Rechts ist eine Frau mit einer Spraydose in der Hand zu sehen. "Das ist meine Frau, aber es geht nicht um sie, sondern um eine Frau, die Symbol ist. Sie hat gerade gesprayt hat und hält nun nach der Polizei Ausschau", so der Künstler. Andere Symbole in seinem Werk sind ein Friedenszeichen, das in seiner Mitte einen Bomber hat, und Megafone. "Das Bomber-Friedenssymbol heißt der Friedens-Bomber und ist aus der Serie 'Die Dualität der Menschheit'. Das Megafon handelt von Redefreiheit", so Fairey.

Graffiti, ob verboten oder legal, sei Teil der Meinungsfreiheit, sagt er. Anders als viele Radikale verabscheut er nicht jene Plätze, die die Städte Sprayern zur Verfügung stellen, damit sie dort und nicht auf Straßenbahnwagen sprayen. "Wichtig ist, dass es Platz zur Meinungsäußerung gibt und nicht überall nur Werbung", sagt er.

In der Ausstellung, die Fairey zeitgleich in der Kopenhagener Galerie V1 abhält, sind zwei Motive zu sehen, die aus Berlin stammen – der Fernsehturm am Alex und die Berliner S-Bahn. Unter der S-Bahn-Brücke prangt eines von Faireys bekannten Motiven aus seiner Aufkleber-Kampagne "Obey-Giant" und daneben eine Leerfläche mit den Worten "Rent this space". Er zeigt auch etliche andere Arbeiten mit "Obey"-Motiv. Es taucht so oft auf, dass es beinahe zu einer Ikone geworden ist, zumindest aber zu seinem Markenzeichen. Mitte der neunziger Jahre war Fairey damit aus der Underground-Skater-Szene bekannt geworden und das Gesicht des Riesen und der Schriftzug "Obey" tauchten in vielen Städten rund um die Welt auf. Fairey hat damit etwas mit den Großkonzernen gemein, die die Städte mit Reklame zupflastern, obwohl er doch an den Plätzen lieber Diskurs statt Kommerz sähe. Aber er weiß auch damit umzugehen. Statt simpel dagegen zu sein oder der Doppelmoral zu verfallen, nennt Fairey seine Ausstellung einfach "Your Ad Here" (etwa: Hier könnte Ihre Anzeige stehen).