Manifesta in St. Petersburg

Die Krimkrise beutelt die Manifesta

Am 29. Juni soll die 10. Manifesta in St. Petersburg ihre Türen öffnen. Anlässlich ihres 20. Jubiläums leistet sich die Wanderbiennale einen glanzvollen Auftritt in den neuen Räumen der Eremitage und mit Kasper König einen Star des Kunstbetriebs als Kurator. Doch so ganz ungetrübt verlaufen die Vorbereitungen angesichts der brisanten innen- und außenpolitischen Vorgänge in Russland nicht.
Kunst in der Krimkrise:Boykottaufrufe statt Vorfreude

Hans Peter Feldmann: "Medici Venus", zur Manifesta 2014

"Natürlich sind wir uns wohl bewusst, dass diese zehnte Ausgabe der Manifesta von politischen Akteuren als Plattform für deren selbstgerechte Eigendarstellung missbraucht werden könnte. Dennoch ist unser Ziel…, eine Ausstellung zu machen, die die begrenzten Möglichkeiten der Kunst nutzt, um Diskussionen anzuregen, die Fragen aufwerfen und die auch nach deren Ende im Herbst 2014 noch Auswirkungen hat."

Dieses etwas verklausulierte Statement veröffentlichte Manifesta-Kurator Kasper König kürzlich gemeinsam mit seinen Kollegen Michail Piotrowski, dem gastgebenden Direktor der St. Petersburger Eremitage und Hedwig Fijen, der Direktorin der Manifesta-Stiftung. Unter der Überschrift "Manifesta 10 wird in St. Petersburg bleiben" wollten die Macher offenbar aktuellen Boykottaufrufen von russischen und ausländischen Künstlern begegnen. Die Passage von der "selbstgerechten Eigendarstellung politischer Akteure" klingt insofern irritierend, als die Manifesta traditionell eine Plattform für eher politisch engagierte Kunst war – egal, in welcher Weltgegend sie ihre Zelte aufschlug und auch weil sich die ausgewählten Künstler häufig einmal mit wunden Punkte ihres Gastlandes befassten. Zum 20-jährigen Jubiläum nun gastiert das bislang sperrige Format der Wanderbiennale in einem palastähnlichen Ambiente, nämlich in dem gerade kostspielig hergerichteten Generalstabsgebäude der St. Petersburger Eremitage. Nach Abzug der Manifesta-Kunstnomaden werden in denselben Räumen die weltberühmte Sammlung französischer Moderne und allerlei handverlesene Gegenwartskunst exklusiv präsentiert: Das ist schon mal ein ganz anderes Klima, als die es die bisherigen Manifestas mit ihren temporären, oft abenteuerlichen Raumbesetzungen herstellten. Auch Kasper König, unbestritten eine nimmermüde Lichtgestalt des weltweiten Kuratorenwesens, spielt deutlich in einer anderen Liga als bisherige Manifesta-Kollegen.

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Er soll bei der Manifesta zu sehen sein: Verwandlungskünstler Wladislaw Mamyschew-Monroe. Er starb im März bei einem Badeunfall im Alter von 43

Boykottalltag

Das alles könnte man nun unkommentiert konstatieren – wäre da nicht das Gastland selbst problematischer denn je, mit seiner heiklen Innen- und Außenpolitik. Boykottaufrufe gehören hier zum Tagesgeschäft. Auch im Vorfeld der olympischen Spiele in Sotschi hatte es bereits Stimmen gegeben, die eine internationale Verweigerung von Großereignissen in Russland forderten. Anfangs wandten diese Initiativen speziell an die restriktive Politik gegenüber Homosexuellen in Russland. So setzte der Gouverneur von St. Petersburg bereits vor zwei Jahren ein Gesetz in Kraft, das homosexuelle Propaganda in der Stadt bei Strafe untersagt. Wie ernsthaft jedoch Verstöße gegen das Gesetz im Alltag geahndet werden und ob das Ganze tatsächlich Auswirkungen auf kritische Kunstpraxis hat, ist momentan nicht genau nachvollziehbar. Während der Olympiade zumindest mühte man sich von offizieller Seite, den Eindruck einer weltoffenen Nation zu erwecken und so verstrich dieselbe völlig ohne derartige Skandale.

Mit der aktuellen Krimkrise und der damit verbundenen aggressiven russischen Expansionspolitik allerdings wurden erneut Forderungen laut, die Manifesta in St. Petersburg generell in Frage zu stellen. So erklärte die Nadja Tolokonnikowa von der Aktivistengruppe "Pussy Riot" in dem Blog "Kievreport": Ich denke, dass jetzt nicht die Zeit für künstlerische und kuratorische Kompromisse ist … die Durchführung der Manifesta jetzt in Russland ist nicht ohne Verluste für das Konzept Manifesta, nämlich die Problematisierung von politischen und sozialen Fragen, möglich." Und ihre Kollegin Maria Aljochina, wie Tolokonnikowa erst im Dezember 2013 aus dem Straflager entlassen, legte nach: "Ich glaube, dass in diesem Jahr die Manifesta in der Ukraine stattfinden sollte … dort, wo es Risiken und Freiheit gibt." Dem vorangegangen war die Petition einer "Gruppe von Künstlern aus Amsterdam und Düsseldorf" auf der Plattform "change.org", die ebenfalls verlangte, die Großausstellung auszusetzen, bis die russischen Truppen die Krim verlassen hätten. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem die ehemalige Manifesta-Kuratorin Marta Kuzma oder der slowakische Künstler Boris Ondreicka. Aber auch viele russische Künstler haben dort unterschrieben – bekannte Namen sind jedoch kaum vertreten. Die Zurückhaltung mag damit zu tun haben, dass die Präsenz auf der Manifesta trotz allen Ressentiments eine begehrte Sache ist und dass der eine oder die andere noch hofften, sich, anstelle auf einer Unterschriftenliste, auf Kasper Königs Künstlerliste wiederzufinden. Die wird dieser Tage veröffentlicht.

Warten auf die Reaktion der Künstler

Einer der russischen Künstler, deren Werk in St. Petersburg in den noblen Hallen präsentiert wird, ist Wladislaw Mamyschew "Monroe", der erst 2013 tragisch starb. In gewagten und witzigen Selbstinszenierungen als Putin oder Hitler hatte er sich wiederholt gegen autokratische Politik gewandt und wirkte gleichzeitig in weiblichen Kostümen als beherzter Botschafter von nichtnormierter Sexualität. Diese Vorab-Personalie allein scheint die Manifesta-Kritiker jedoch nicht zu befriedigen. Dimitri Ozerkow, Chef der Abteilung Gegenwartskunst und Moderne an der Eremitage, ist der Meinung, dass es sich bei den Widersachern der Ausstellung bevorzugt um solche Künstler handelt, die enttäuscht seien, nicht zum Kreis der Auserwählten zu gehören. Besonders Moskauer Künstler, so Ozerkow seien "eifersüchtig, weil das Ereignis nicht in ihrem großen Dorf stattfindet … Niemand, der von uns ausgewählt wurde, hat sich den Boykottaufrufen bislang angeschlossen. Ich denke, es ist eine gute PR-Maßnahme, dass jetzt alle darüber sprechen. Aber stoppen kann man die Manifesta zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr." Zum jetzigen Zeitpunkt sieht es auch nicht so aus, als würden die russischen Truppen je wieder von der Krim verschwinden. Es bleibt abzuwarten, wie und ob sich die ausgewählten Manifesta-Künstler zu diesem Dilemma verhalten werden – jenseits von "selbstgerechter Eigendarstellung".

Manifesta 10

St. Petersburg, Staatliche Eremitage/ Generalstabsgebäude, 29. 6. – 31.10.2014

http://manifesta.org/

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