Giacometti-Fälschungen - Interview

Einfach, echt, kompliziert

Der Fund von 1000 gefälschten Giacometti-Figuren, den das Baden-Württembergische LKA am Mittwoch bekannt gab, bildet den bisherigen Höhepunkt eines Kriminalstücks, bei dem ein 59-jähriger Deutscher sich als "Reichsgraf" und Freund Diego Giacomettis ausgegeben haben soll, um Interessenten gefälschte Skulpturen zu verkaufen. art sprach mit dem Kurator der laufenden Giacometti-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyeler über den Unterschied von Original und Fälschung.
Die Aura des Originals:Kurator Ulf Köster über die spektakulären Fälschungen

Kurator Ulf Küster mit einem echten Original

Herr Küster, Sie sind Kurator der Fondation Beyeler, die wichtige Werke Giacomettis besitzt und gerade eine große Giacometti-Ausstellung in ihren Räumen präsentiert. Beunruhigt Sie eine Nachricht wie die von der Entdeckung rund 1000 gefälschter Giacometti-Skulpturen?

Ulf Küster: Ganz im Gegenteil – diese Nachricht erleichtert mich! Es ist überaus bedenklich, wenn Werke eines Künstlers gefälscht werden und nur allzu gut, wenn dagegen vorgegangen wird.

Es ist doch aber zu befürchten, dass die Fälscher auch eine Reihe falscher Giacomettis in Umlauf gebracht haben. Alarmiert das nicht?

Wenn man sich mit einem großen Künstler beschäftigt, muss man grundsätzlich sensibel sein, was die Frage nach Original und Fälschung angeht. Für unsere jetzige Giacometti-Ausstellung haben wir mit den entsprechenden Experten zusammengearbeitet und ihnen sämtliche Werke der Ausstellung zur Prüfung vorgelegt.

Lässt sich damit wirklich ausschließen, dass sie keinen Fälschungen aufgesessen sind? Immerhin hatten die mutmaßlichen Fälscher auch einen gefälschten Experten, der ihnen gefälschte Zertifikate ausstellte.

Wenn man lückenlose Provenienzen besitzt – und das ist bei der Sammlung von Ernst Beyeler zweifellos der Fall – und darüber hinaus eng mit denjenigen Stiftungen zusammenarbeitet, die das Werk Giacomettis verwalten und aufarbeiten, kann man mit großer Sicherheit ausschließen, es mit Fälschungen zu tun zu haben. Beim Werk von Giacometti ist es einfach und kompliziert zugleich. Ich versuche es kurz zu fassen:
Es gibt zwei Stiftungen. Eine aus Zürich, die auf der umfangreichen Sammlung des Amerikaners G. David Thompson basiert, der seine Werke noch selbst bei Giacometti gekauft hat. Als die Stiftung 1965, also kurz vor Giacomettis Tod, etabliert wurde, hat dieser sich darüber außerordentlich gefreut und die Stiftung sogar durch eigene Zustiftungen bereichert. Auch die Erben, Bruno und Diego, haben die Sammlung ergänzt.
Auf der anderen Seite ist der Nachlass der Frau von Alberto, Annette Giacometti. Der ist nach einigen Querelen schlussendlich in die „Fondation Alberto et Annette Giacometti“ überführt worden, die 2003 in Paris etabliert wurde. So gibt es im Grunde nur diese beiden Stiftungen – eine in Zürich, eine in Paris – die zusammen genügend Materialien und Originaldokumente besitzen, um die Grundlage für seriöse Bewertungen zu haben. Diese beiden Stiftungen haben also ein Komitee gegründet, das einen Euvre-Katalog erarbeitet, der dann genau darlegen wird, wie viele Güsse von einem Werk bestehen, wo sie sich befinden und so weiter. Ich rate also jedem, der einen Giacometti besitzt und nicht sicher ist, ob er echt oder gefälscht ist, sich mit diesem Komitee in Verbindung zu setzen.
Das Komitee war es übrigens auch, das mich schon im Vorfeld unserer jetzigen Ausstellung darüber unterrichtet hatte, dass es da einen „Reichsgrafen“ gebe, der zweifelhafte Ware anbiete und dass man versucht sei, ihm das Handwerk zu legen.

Sie hatten also selbst niemals Kontakt zu diesem selbsternannten „Reichsgrafen“?

Nein, niemals. Ich habe auch niemals ein Werk von ihm gesehen, geschweige denn, dass ich dieses ominöse Buch, das er geschrieben haben soll, irgendwo gefunden hätte.

Die Fondation Beyeler besitzt ja eine ganze Reihe Werke von Giacometti. Wird diese Sammlung eigentlich noch erweitert oder handelt es sich um eine abgeschlossene Sammlung?

Wir besitzen 15 Arbeiten von Alberto Giacometti, darunter wichtige ikonische Spätwerke. Diese hat Ernst Beyeler während seiner langjährigen Sammlertätigkeit zusammengetragen. Als abgeschlossen betrachten wir die Sammlung aber nicht. Das wäre auch ganz und gar nicht im Sinne von Beyeler. Es ist nicht so, dass die Sammlung gerade stark wachsen würde oder wir gar planen, Giacomettis zu kaufen, aber wenn sich die Gelegenheit ergäbe und ein angebotenes Stück – mit ausgewiesener Provenienz – gut in die Sammlung passt, ist es denkbar, dass man sie um weitere Stücke ergänzt.

Könnte es den Besuchern einer Ausstellung nicht letztlich egal sein, ob sie echte oder falsche Werke zu sehen bekommen?

Es mag einige geben, denen das egal ist – mir ist es nicht egal! Ich bin ja selbst auch Besucher von Ausstellungen und fände es skandalös, wenn man Fälschungen vorgesetzt bekäme. Aber ich kann mir auch wirklich nicht vorstellen, dass ich in einem öffentlichen Museum schon einmal eine Fälschung präsentiert bekommen hätte.

Ist das also eher ein Problem von Privatsammlern?

Das ist wohl so. Aber letztlich gilt auch für den Privatsammler, dass es bestimmte Instanzen gibt, an die man sich wenden muss, um die Frage der Echtheit zu klären. Man muss immer sehr vorsichtig sein bei Arbeiten, die ungeprüft sind und sich am besten vor dem Kauf um eine Prüfung bemühen. Sonst kann es sehr schnell sein, dass man viel Geld für nichts ausgibt.

"...da wittern Fälscher natürlich eine Nische"

Glauben sie also wirklich, dass das Original eine besondere Aura besitzt, die eine gute Kopie nicht ebenso repräsentieren könnte?

Ich bin absolut davon überzeugt! Ganz besonders bei Giacometti: Seine Bronzen besitzen eine ganz besondere Patina und haben eine äußerst spezifische Anmutung in ihrer Farbigkeit. Es gibt ja Leute, die im Internet Figuren "im Stile Giacomettis" vertreiben – auch bei Ebay findet man solche Nachahmungen. Ich empfehle Ihnen, sich diese mal anzusehen. Sie werden feststellen, dass Giacometti einfach richtig gut war – und die vielen Nachahmer leider überhaupt nicht. Was genau die Aura eines Originals ausmacht, ist schwer zu sagen. Fest steht aber, dass sie einen sofort gefangen nimmt. Das kann eine Fälschung nicht.

Hatten sie persönlich denn schon einmal die Situation, dass ihnen eine Fälschung vorgelegt wurde?

Bei Giacometti noch nicht, aber es kommt immer mal vor, dass Leute mir Bilder vorlegen, von denen sie glauben, es seien Meisterwerke berühmter Künstler – die muss man dann meistens enttäuschen. Das gehört aber wohl zum täglichen Brot eines Museumsangestellten.

Wie kommt es, dass gerade das Werk von Giacometti immer wieder gefälscht wird?

Erstmal ist es wohl eine Marktfrage: Giacometti ist ein prominenter Künstler und hat in den letzten Jahren ziemlich hohe Preise erzielt. Dann muss man sagen, dass er bei seinen Abgüssen leider sehr uneinheitlich vorgegangen ist. Mal hat er zwei, ein anderes Mal hat er sechs Abgüsse einer Figur gemacht. Es soll sogar vorgekommen sein, dass sich die Brüder, Alberto und Diego, bei der Nummerierung von Albertos Werken geirrt haben. Da wittern Fälscher natürlich eine Nische. Darüber hinaus zogen sich die Erbstreitigkeiten sehr in die Länge. Alberto starb 1966, Annette 1993, die Foundation, die ihren Nachlass verwaltet, etablierte sich erst 2003. Das ist eine lange Zeit, und ich nehme an, dass auch das Spekulationen Tür und Tor öffnet.

Die mutmaßlichen Betrüger, denen nun der Prozess gemacht wird, hatten sich auch eine entsprechend fantasievolle Legende über die Herkunft ihrer Skulpturen zusammengereimt. So soll einer von ihnen ein alter Freund Diegos gewesen sein und die angebotenen Skulpturen aus der Sammlung des griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Misotakis stammen... Ist es auch das tatsächliche mythenumrankte Leben Giacometis, das auch Fälscher zu solchen Geschichten anregt?

Gewiss. Man muss sich das ja nur mal vor Augen führen: Da kommt jemand aus der hintersten Schweiz, geht nach Paris, haust dort den Rest des Lebens in einem winzigen Atelier und schafft Werke, die so viele Menschen wirklich existenziell berühren. Ob da nun alles wahr ist – ob er wirklich immer in dem Atelier schlief oder vielleicht nicht doch öfter im Hotel – das sind dann letztlich auch Fragen, die man vielleicht auch offen lassen kann. Vermutlich hat auch Giacometti selbst viel zu den Legendenbildungen um seine Person beigetragen. Selbst sein Bruder, Diego Giacometti, hat da sicher etwas getan, was vielen Spekulationen Nährboden lieferte, aber im Grunde sehr nobel war: Er hat geschwiegen.

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