Bookmarks - Februar

DIE LESETIPPS DES MONATS

art-Mitarbeiterin Ulrike von Sobbe stellt zehn interessante, neue Kunstbücher vor. Diesmal dabei: ein Lesebuch mit Kunstgeschichten, Prachtbände zu London, Palladio-Villen und Alchemie sowie ein Kompendium über ein Comic-Magazin.
Kunstbücher:art empfiehlt Kunstbücher

Die art-Empfehlungen im Februar

Gottfried Sello: "Traum ohne Ende... Über die Kunst"

Er war ein Glücksfall – für die Leser und für die Künstler: Der promovierte Jurist Gottfried Sello (1913 bis 1994) schrieb fast ein halbes Jahrhundert stets fundiert, allgemein verständlich, unterhaltsam und engagiert über aktuelle Tendenzen ebenso wie über Alte Meister, über wichtige Ausstellungen (darunter die ersten drei documenta-Schauen), wie die Werk-Zyklen zeitgenössischer Maler oder Bildhauer.

Der Sohn eines ehemaligen Landrichters aus Posen hatte im Nebenfach Kunstgeschichte studiert und damit den Grundstein für seine journalistische Laufbahn gelegt. Sello, der vornehmlich für die "Zeit", den Hessischen Rundfunk ("Titel, Thesen, Temperamente") und die Zeitschrift "Brigitte" arbeitete, verstand sich nie als Kunstpapst, sondern war zeitlebens kenntnisreicher Wegbereiter zur Kunst. Zum 100. Geburtstag wird jetzt Mitte Februar eine sorgfältig getroffene Auswahl seiner Texte erscheinen – und die wirken frisch, wie am ersten Tag. Sellos Kunst-Geschichten sind das pure Lesevergnügen. Axel Hecht

Verlag Ellert & Richter, 280 S., 71 Abb., 16,95 Euro

Debra N. Mancoff: "Frauen, die die Kunst veränderten"

Es ist eine Binsenweisheit, dass Frauen im Berufsleben noch lange nicht die gleichen Karrierechancen wie Männer haben. Auch in der freien Kunst ist es nicht anders: Zu den bestbezahlten, den meist ausgestellten, den bekanntesten Künstlern zählen Damien Hirst, Gerhard Richter, Jeff Koons und Co., aber keine Frau.

Man kann den Band also auch als ein Mut-mach-Buch verstehen, in dem die amerikanische Autorin 56 Frauen versammelt, die zwar nicht unbedingt "die Kunst verändert", sie aber – oft gegen Widerstände –um neue, aufregende Aspekte bereichert haben. Zu den Auserwählten, die mit je einem Werk sowie einem kurzen, kundigen und anschaulich geschriebenen Text vorstellt werden, gehören Größen wie Angelika Kaufmann (1741 bis 1807), Camille Claudel (1864 bis 1943), Meret Oppenheim (1913 bis 1985) aber auch zeitgenössische Künstlerinnen wie Marina Abramovic (Jahrgang 1946) und Tracey Emin (Jahrgang 1963). Angelika Kindermann

Prestel-Verlag, 160 S., 120 Abb., 24,95 Euro

Jörg Völlnagel: "Alchemie. Die königliche Kunst"

"Blei in Gold zu verwandeln" – das war ein Traum, der besonders im Mittelalter die Menschen umgetrieben hat. Auch wenn das nie gelungen ist, so war der damit verwobene Mythos doch faszinierend genug, um der Alchemie den Beinamen "die göttliche oder königliche Kunst" zu geben. Und um Künstler auf den Plan zu rufen. In kostbaren Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert wurden die jeweils gängien Utopien über die Veredlung der Metalle mit fantastischen Allegorien zu Bildern verarbeitet.

Der aufwändige Bildband des Hirmer Verlages, eine der inzwischen in unserer deutschen Verlagswelt so rar gewordenen Eigenproduktionen, erzählt in traumhaften Abbildungen und höchst kenntnisreichen Texten, wie die alte Lehre vom Gold Künstler bis ins 20. Jahrhundert – bis hin zu Yves Klein und Joseph Beuys – inspiriert hat. All jenen, die ein wahrhaft goldenes Geschenk suchen, sehr zu empfehlen. Ulrike von Sobbe.

Hirmer Verlag, 240 S., 200 Abb., 49,90 Euro

Guido de Werd (Hrsg.): "Mein Rasierspiegel – Von Holthuys bis Beuys"

Das Katalogbuch stellt die jüngst sorgsam restaurierte Arbeitsstelle von Joseph Beuys (1921 bis 1986) in den Räumen des "Friedrich-Wilhelm-Bads" vor und gibt einen umfangreichen und ästhetischen Einblick in die Sammlung des jüngst erweiterten Museums Kurhaus Kleve: von zeitgenössischen Künstlern wie Günther Uecker, On Kawara, Giuseppe Penone, Richard Long und Fischli/Weiss über zahlreiche Werke von Ewald Mataré, Barockgemälde, Renaissancewerke, mittelalterliche Miniaturen bis hin zu kunstgewerblichen Stücken. Das gewichtige Konvolut zeigt, wie Kunstbestände optimal präsentiert werden können. Sieben Kapitel führen mit detailreichen, gut recherchierten und bebilderten Registern, Literaturverzeichnissen und Künstlerbiografien in die abendländische Kunstgeschichte ein – ein schweres Konvolut das sich lohnt. Raluca Pora

Eigenverlag, Schriftenreihe Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung Nr. 60, 588 S., 1004 Abb., 49,50 Euro

Peter Cachola Schmal und Oliver Elser (Hrsg.): "Das Architekturmodell. Werkzeug, Fetisch, kleine Utopie"

Architektur ist eine Form des Nachdenkens über unsere Welt. Die Bauten, die wir sehen, haben ihre Entwerfer aus vielen Möglichkeiten entwickelt. Wie viele Vorstellungen, Formen und Materialien bedacht werden, bevor eine Entscheidung fällt, zeigen zumeist die Modelle, die den Entwurfsprozess begleiten. Sie können lebensgroß sein und klein wie Spielzeug. Sie geben räumliche Eindrücke von den abstrakten Plänen. Wie vielfältig sie sind, welch unterschiedliche Aufgaben sie übernehmen, zeigt ein Band, der anhand von 100 Beispielen einen ersten Überblick über das Architekturmodell im 20. und 21. Jahrhundert gibt. Dabei spielt das traditionelle Modell aus weißer Architektenpappe kaum eine Rolle. Von Mies van der Rohe bis zu Herzog & de Meuron erkunden die Entwerfer, wie das Raumgefühl sich ändert, wenn ein Gebäude aus Beton oder aus Holz gebaut ist. Wie sich Oberflächen anfühlen, welche Sinnlichkeit Materialien erzeugen. Modelle vermitteln Gefühle, sie sind Denkwerkzeuge für Hände und Augen. Da gibt es Luftiges so gut wie Schweres. Selten wird es konventionell. Manches könnte nie gebaut werden, es zeigt aber den Traum eines Architekten. Modelle helfen auch, sich vorzustellen, wie Utopien aussehen könnten. Gerhard Mack

Verlag Scheidegger & Spiess, 360 S., 65 Euro

Luca Trevisan, Luca Sassi: "Palladio Villen"

Verehrern des genialen Renaissancearchitekten Andrea Palladio (1508 bis 1580) kann man gleich vier Neuerscheinungen ankündigen: Mit der Kultur seiner Villen im Veneto befasst sich Luca Trevisan – seine Erläuterungen sind durch betörend schöne, großformative Fotografien von Luca Sassi illustriert.

Ganz klassisch geht Volker Plagemann vor. Er hat eine Gesamtdarstellung von Palladios Villen herausgebracht, die ein Gewinn für jeden Liebhaber seines Werks ist, aber profundes Interesse des Lesers voraussetzt. "Zunächst eine Matratze, Stoff von mittlerer Qualität, gut und fast neu, Gewicht 53 Pfund" – dies und andere Dinge bekam Allegradonna, Tochter eines Tischlers, als Mitgift, als sie 1534 Palladio heiratete. Mit solcherlei Schnurren aus dem Privatleben des Baumeisters erfreut ein hübsches Büchlein des Palladio-Kenners Guido Beltramini. Eine einzige Villa, "La Malcontenta" (eigentlich "Villa Foscari") hat der gleichnamige Band von Antonio Foscari zum Inhalt: Palladios Prachtbau in der kleinen Gemeinde Mira (Provinz Venedig) war in den zwanziger und dreißiger Jahren Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler und Adlige vom Ballettmeister Sergej Diaghilev bis zum Politiker Winston Churchill.

Luca Trevisan, Luca Sassi: "Palladio Villen." DVA, 224 S., 200 Abb., 59,99 Euro

Volker Plagemann: "Die Villen des Andrea Palladio." Ellert & Richter Verlag, 496 S., 176 Abb., 29,95 Euro

Guido Beltramini: "The Private Palladio." Lars Müller Publishers, Englisch. 120 S., 40 Abb., 28 Euro

Antonio Foscari: "La Malcontenta." Lars Müller Publishers, Englisch. 160 S., 160 Abb., 40 Euro

Péter Nádas: Schattengeschichte – Lichtgeschichte

Bevor er als ungarischer Schriftsteller zu einer der ersten literarischen Stimmen Europas wurde, war Péter Nádas als Journalist und Fotograf tätig. Seit diesen Anfängen hat ihn das Nachdenken über Fotografie und Kunst und ihre Bezüge zur Literatur begleitet. Vier sorgfältig gestaltete Bände – erschienen anlässlich einer Ausstellung im Kunsthaus Zug zum 70. Geburtstag des Autors im Herbst 2012 ­– zeigen in bester Qualität Aufnahmen aus einem unbekannten Ungarn von den fünfziger bis in die neunziger Jahre, und sie überraschen mit poetischen Stillleben. Da weiß einer behutsam Menschen und Dinge ins rechte Licht zu rücken und durch Schatten Intimität zu wahren. In seinen Essays und Reflexionen zeigt sich Nádas als scharfer Beobachter von Kunst und Fotografie seines Landes, der Urteilskraft mit lebendiger Spracheverbindet. Entdeckungen sind garantiert. Einen Winterabend kann man kaum schöner verbringen. Gerhard Mack

Nimbus Verlag. 2 Bände. 152 und 164 S., zusammen 75 Euro, außerdem: Péter Nádas: Arbor mundi. Über Maler, Bildhauer und Fotografen, Péter Nádas: In der Dunkelkammer des Schreibens. Übergänge zwischen Text, Bild und Denken, je 168 S., je 29,80 Euro

Reuel Golden: "London. Porträt einer Stadt"

Unter Büchern im Trumm-Format macht es der Taschen-Verlag in der Regel ja nicht – aber in diesem Fall ist die XXL-Größe mal wieder durchaus angemessen: Schließlich hat London nicht nur Platz für rund 14 Millionen Menschen zu bieten, sondern auch noch eine fast 2000-jährige Geschichte. Von der dokumentiert dieser üppige Prachtband zwar nur wenig mehr als die letzten anderthalb Jahrhunderte (seit Erfindung der Fotografie), aber die kommen mit einer solchen Bilderflut daher, dass einem fast schwindelig wird. Und wenn man – nach Queen Victoria und den Beatles, nach Westminster und East End, nach Luftkrieg und Olympischen Spielen – wieder einigermaßen bei Sinnen ist, wird einem sofort klar: Die britische Kapitale ist unbedingt einen neuerlichen Besuch wert! Peter Meyer

Taschen-Verlag, 552 S., ca. 700 Abb., 49,99 Euro

Comics Deluxe!: "Das Comicmagazin Strapazin"

Heute stehen Graphic Novels in den Regalen für seriöse Literatur. Ein Art Spiegelman erzählte in seinen "Maus"-Büchern sogar von den Konzentrationslagern des Holocaust. Da ist kaum mehr vorstellbar, dass Comics lange Zeit von Mickey Mouse, Tom & Jerry und Asterix & Obelix dominiert wurden. Erleichtert hat die Wende in unseren Breiten wesentlich das in Zürich beheimatete Magazin "Strapazin". Seit 1984 bietet es viermal im Jahr anspruchsvoller Gestaltung ein Podium. Autoren und Zeichner abseits des Mainstreams können in diesem Labor seit fast 30 Jahren ohne finanziellen Druck experimentieren. Einzige Vorgabe ist Kreativität. Jede und jeder hat eine eigene Haltung und entwickelt seinen eigenen Stil. Dieses Kraftzentrum und Kompendium der Graphic Novel im deutschsprachigen Raum präsentiert dieser Band. Wer "Strapazin" kennt, wird sich gerne an manches erinnern, wer es noch entdecken kann, wird nach der Lektüre sofort mehr davon haben wollen. Gerhard Mack

Christoph Merian Verlag, 144 S., 100 Abb., 16 Euro