Andy Warhol
80. Geburtstag
"GOD BLESS YOU"
Dezember 1968. Bitter kalt war es in Manhattan, wo ja sonst um diese Jahreszeit noch niemand einen Mantel braucht. Weiß waberte Wasserdampf aus den vergitterten Abluftschächten der U-Bahn, vor den Kaufhäusern lärmten Firmen-Weihnachtsmänner mit ihren Handglocken, und an jeder Straßenecke roch es nach verkohlten Maronen. Ich saß im Taxi und näherte mich dem Höhepunkt der ersten New-York-Reise meines Lebens – einem Interview mit Andy Warhol, dem damals prominentesten und vielseitigsten Künstler der USA.
Abrunden sollte es eine schwierige Recherche für den "Spiegel", bei dem ich ein Jahr zuvor Redakteur geworden war: Für eine Titelgeschichte des Magazins durchsiebte ich den "Underground", ein diffuses Phänomen der alternativen Jugend- und Subkultur jener Vietnamkriegsjahre, das alle Länder der westlichen Welt erfasst hatte und das – im Bestreben, das so genannte Establishment aus seinem Wohlstandstrott zu bringen – durchaus erfolgreich, aber auch unübersichtlich war.
Warhol, Sohn eines aus der Tschechoslowakei nach Pittsburgh emigrierten Bergmanns, galt als eine Art Leuchtturm dieser Underground- Aktivitäten, zu denen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur sex- und drogenselige Hippie-Kommunen, maoistische Revoluzzer-Zirkel, Friedenskämpfer und Bürgerrechtler gezählt wurden, sondern auch alle Kunst-Avantgarden – Musik, Film, Literatur und Theater inbegriffen.
Bevor Warhol auf dieser Szene den Ton angab, hatte er in New York eine Blitzkarriere als Commercial Artist gemacht – als fürstlich honorierter Gebrauchsgrafiker, dessen verspielt-elegante Illustrationen, Buchumschläge, Zeitschriften-Cover, Anzeigen-, Plakat- und Schaufensterentwürfe ihm einen Branchenpreis nach dem anderen einbrachten.
Doch davon wusste ich seinerzeit wenig. Mich faszinierte Warhol vor allem als Maler, der mit Kollegen wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jim Dine, Jasper Johns und James Rosenquist die Pop Art auf den Weg gebracht und mit gegenständlichen Trivialbildern aus der Waren-, Konsum- und Medienwelt sozusagen über Nacht die Vorherrschaft der Abstraktion gebrochen hatte. Warhol, von dem ich die ersten Originale 1964 in der Kasseler Galerie Ricke und 1967 auf dem ersten Kölner Kunstmarkt sah, war unter den Pop-Rebellen bei weitem der konsequenteste. Er hatte die individuelle Staffelei-Malerei des Abstrakten Expressionismus durch den unpersönlichen Siebdruck ersetzt. Banale Vorlagen wie Bilder von Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen und Dollarnoten, Pressefotos von Verkehrsunfällen sowie Autogrammkarten von Elvis Presley, Elizabeth Taylor oder Marilyn Monroe monumentalisierte er auf Riesen-Leinwänden serienweise zu marktgängigen Ikonen des modernen Alltags. Der damalige Höchstpreis für ein Bild lag bei 60 000 Dollar – heutiger Auktionsrekord: 17,2 Millionen Dollar.
Warhol wechselte, von der Malerei gelangweilt, bald das Metier
Statt eines Ateliers unterhielt Warhol seit 1963 in der 47. Straße ein "Factory" (Fabrik) genanntes Open House. Das war mit Silberfolie tapeziert und hatte einen Job für jeden Streuner, der sich bei der Produktion der rund 2000 Warhol-Inkunabeln nützlich machen wollte, die dort allein bis 1964 entstanden. Und Warhol wechselte, angeblich von der Malerei gelangweilt, schon bald von neuem das Metier, um mit einer 16-Millimeter- Kamera nur noch billige Underground-Filme zu kurbeln. Prompt mutierten dabei die Laien seiner chaotischen Zufallskommune zu "Superstars", deren Haschkonsum beim Improvisieren cineastischer Ready- Mades ohne Handlung, Ton, Regie und nachträglichen Schnitt der Drogengegner Warhol cool übersah.
"Chelsea Girls", das 195 Minuten lange spektakulärste Opus unter den bis dahin rund 60 Factory-Lichtspielen, hatte nur 5000 Dollar gekostet, aber 100 000 Dollar Gewinn gebracht und war sogar in Hamburg gelaufen. Warhols Superstars International Velvet, Ondine, Gerard Malanga, Marie Menken und andere mimen darin ohne Drehbuch sich selbst. Sie erzählten der Kamera ihr Leben, beichteten Sehnsüchte, auch Süchte, stutzten sich das überlange Haar und demonstrierten lesbische Liebe.
Doch in der kurz zuvor fertig gewordenen, mit Sex gesättigten Western-Parodie "Lonesome Cowboys", die ich tags zuvor in einem New Yorker Kino gesehen hatte, spielten die attraktiven Laien erstmals festgelegte Rollen. Nur ihre Dialoge erfanden sie noch selbst. Erste Konzessionen an das Kommerzkino à la Hollywood? Danach wollte ich Andy Warhol gleich fragen. Und natürlich nach dem Hintersinn von 27 provokanten pseudophilosophischen Sprüchen wie "Alles ist schön", "Ich mag langweilige Dinge" oder "In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang weltberühmt sein". Sie standen als einzige Texte in einem 672 Seiten starken Katalog mit Werk- und Factory-Fotos, der im Frühjahr 1968 zur Warhol-Retrospektive des Stockholmer Moderna Museet erschienen war und heute bei Sammlern neben der Bibel steht.

