Christo im Interview

Die größte Skulptur der Welt

Anlässlich eines Vortrags in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel erläutert Christo sein Projekt einer riesigen Mastaba aus Ölfässern für die Vereinigten Arabischen Emirate.
Ab in die Wüste:Über 400 000 Ölfässer will Christo in Abu Dhabi stapeln

Christo in seinem Atelier vor einer Zeichnung der "Mastaba"

Herr Christo, Sie haben mit ihrer Frau Jeanne-Claude 1979 ein Projekt für eine Mastaba aus Ölfässern in der Wüste von Abu Dhabi entwickelt, das Sie seither verfolgen. Was ist eine Mastaba?

Christo: Eine Mastaba ist eine der ältesten geometrischen Formen, die wir aus städtischen Siedlungen kennen. Vor 6000 Jahren bauten Stadtbewohner in Mesopotamien vor ihren Häusern Lehmbänke, die vorne und hinten senkrecht, an den Seiten geneigt und oben flach waren, damit man sich drauf setzen kann. Reisende konnten sich hier ausruhen. Sehr viel später wurde diese Form für Grabstellen von Pharaonen verwendet.

Wie kamen Sie auf diese Form?

Sie ergibt sich automatisch, wenn man runde Gegenstände horizontal stapelt. Dabei entstehen immer Seitenwände in einem Winkel von 60 Grad. Das ist ein geometrischer Effekt.

Wieso wollen Sie diese aus Fässern aufbauen?

In meinem Werk und in der Zusammenarbeit von Jeanne-Claude und mir gibt es eine lange Geschichte der Arbeit mit Ölfässern. Ich habe sie eingewickelt, zu Türmen gestapelt. Unsere zweite gemeinsame Arbeit nannte sich "Eiserner Vorhang": Wir haben die rue Visconti in Paris mit einer Wand aus Ölfässern verschlossen. Das war 1962 als poetische Reaktion auf die Berliner Mauer vom Dezember 1961 gemeint. Bereits 1961 haben wir beim Kölner Rheinhafen eine Mastaba-Form aufgebaut. Als wir 1964 nach New York zogen, entwarf ich ein Projekt für eine große Mastaba aus Ölfässern. Wir haben es in New York, in Texas, in Otterlo zu realisieren versucht, erhielten aber nie die Erlaubnis dazu.

Und wie sind Sie auf Abu Dhabi gekommen? Hat das etwas mit dem Ölreichtum des Emirats zu tun?

Nein. Wir befreundeten uns in den siebziger Jahren mit dem französischen UNO-Botschafter. Er empfahl uns, es in Abu Dhabi zu probieren. Der Herrscher sei ein Beduine aus der Wüste, sehr offen und gebildet. Als Giscard d'Estaing 1976 französischer Präsident wurde, machte er den UNO-Botschafter zu seinem Außenminister. Jeanne-Claude rief ihn an und sagte, wir wollen nach Abu Dhabi gehen. Denn damals musste man eingeladen werden. Wir konnten 1979 mit Hilfe des französischen Außenministeriums nach Abu Dhabi reisen.

Wie haben Sie den Ort für die Mastaba ausgesucht?

Es war für uns von Anfang an ein Projekt für die Wüste, nicht für eine Stadt oder eine Siedlung. Es sollte nicht nur eine Mastaba aus Ölfässern beinhalten, sondern auch die umliegende Landschaft. Die Region Al Gharbia etwa 160 Kilometer von Abu Dhabi City hat einige der schönsten Sanddünen überhaupt. Sie haben unglaubliche Farben. Das liegt daran, dass der Sand viel Eisen enthält, das Wellen aus Orange und Rot bildet.

Wieso haben Sie das Projekt dann so lange nicht weiterverfolgt, wenn Sie und Jeanne-Claude so begeistert waren?

Wir waren bis 1982 jedes Jahr in Abu Dhabi. Als der Krieg zwischen Iran und Irak ausbrach, wollten wir nicht mehr hingehen. Dazu kommt, dass eine Reihe anderer Projekte kurz vor der Realisierung standen. Bis zu den "Gates" im New Yorker Central Park 2005 führten wir viele Projekte durch. Jeanne-Claude wollte immer zurück nach Abu Dhabi. Sie hat lange im Maghreb gelebt und liebte die Wüste. Wir fuhren 2007 wieder hin und begannen daran zu arbeiten, wie man die Arbeit ganz konkret umsetzen könnte.

Sie soll mit einer Höhe von 150 Metern unglaublich groß werden, die größte Skulptur überhaupt, größer als die Pyramiden.

Die Größe lag von Anfang an fest. Sie ergibt sich aus einem Seitenverhältnis von 2:3:4. Das ist die schönste Proportion für eine Mastaba. Die Seitenlängen betragen 150 Meter in der Höhe, 225 Meter in die Tiefe und 300 Meter an der Grundlinie der senkrechten Seiten. Es wird eine Struktur aus 410 000 Fässern, alle im Durchmesser von 59 Zentimetern und einer Länge von 88 Zentimetern. Wir haben das bereits 1979 festgelegt, genauso wie die Auswahl der zehn Farben, in denen die Frontseiten der Fässer gestrichen werden sollen. Die senkrechten Seiten werden aussehen wie pointilistische Gemälde oder arabische Mosaiken. Die Seiten werden gelb und orange sein.

Wie wollen Sie das aufbauen?

Ein japanisches Ingenieursbüro entwickelte eine geniale Methode, nach der wir die Seiten flach am Boden montieren und danach auf Rädern über zehn Lifttürme emporziehen. Das kann in ein paar Tagen geschehen.

Die Mastaba soll ja ihr einziges permanentes Projekt werden. Haben Sie keine Angst, dass der Wüstensand die Fässer zerstört?

Nein, das sind keine normalen Fässer. Es sind Rolls-Royce-Fässer, die extra für uns entwickelt wurden. Ebenso die Farbe. Die BASF forscht seit Jahren an besonders haltbaren Farben für uns.

Es heißt, das Projekt sei außergewöhnlich teuer, Ihr teuerstes überhaupt. Wird es von der Herrscherfamilie finanziert?

Zuerst muss man sagen: Natürlich gibt uns das Emirat Abu Dhabi das Land. Um die Mastaba sind vier Quadratkilometer, die dazugehören. Das Emirat ist ein direkter Partner, ohne ihn könnte das Projekt nicht realisiert werden. Aber darüber hinaus ist es wie bei allen unseren Projekten. Wir finanzieren auch die Mastaba ausschließlich selbst.

Christo and Jeanne-Claude: The Mastaba

Link zum Projekt auf der Webseite des Künstlerpaars. Außerdem ist soeben im Taschen Verlag ein Bildband zum Preis von 39,99 Euro erschienen, der die Entstehungsgeschichte des Projekts "The Mastaba" dokumentiert.

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