Andree Verleger
Olympische Sommerspiele 2008
DER MIT DEM BILD TANZT
Herr Verleger, es sind jetzt nur noch zwei Tage bis zur Eröffnungsfeier. Sind sie aufgeregt?
Andree Verleger: Ich hab noch gar keine Zeit, um aufgeregt zu sein! Ich bin nach wie vor im Stress. Wahrscheinlich tritt die Aufregung einen Tag vorher bei mir ein. Ein latentes, vielleicht schon nicht mehr wahrgenommenes Lampenfieber ist mit Sicherheit schon da, doch ich habe es wahrscheinlich bis jetzt komplett verdrängt. Vor allem freue ich mich, wenn alles vorbei und gut gelaufen ist!
Wie sieht ihre Arbeit in diesen letzten Tagen vor dem großen Ereignis aus?
Der letzte Feinschliff steht an. Es muss noch an filmischen und inhaltlichen Details gefeilt werden. Das ist ein komplizierter Abstimmungsprozess. Viele Dinge, die erst im letzten Moment sichtbar werden, müssen noch korrigiert werden.
Wie kam es zu Ihrem Engagement für die Eröffnungsfeier?
Der musikalische Direktor der Olympiade, Chen Qigang, hat meine vorherigen Arbeiten gesehen und sie als einzigartig empfunden. Vor zehn Monaten hat er mich einfach angerufen und gefragt, ob ich nicht an der Eröffnungsfeier mitwirken möchte. Meine Bildsprache habe ihn inspiriert, hat er gesagt.
In Deutschland sind Ihre Arbeiten noch nicht so sehr bekannt. Was haben Sie vor Olympia gemacht?
Ich bin ein Frischling. Ich komme eigentlich aus der Eventschiene, habe lange als Eventmanager und Kreativdirektor gearbeitet. Ich war viel in Dubai und Abu Dhabi unterwegs. Vor zwei Jahren habe ich mich dann entschieden, mich ganz der Welt der Bilder zu widmen. Seitdem arbeite ich als Medienkünstler in Düsseldorf, wo ich ein eigenes Projektionshaus bezogen habe. Über drei Etagen lasse ich dort meine Bilder laufen. Das Motto ist: "der voyeuristische Blick des Betrachters von Außen nach Innen". Ich projiziere die Bilder nicht auf die Hauswandfront, sondern von innen auf die Fenster, so dass der Betrachter das Gefühl hat, er schaut ins Haus hinein. Zuletzt habe ich mit einer Videoinstallation zu der Neuinszenierung der Oper "Die Tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold am Bonner Opernhaus im Januar 2008 beigetragen.
In Ihrer Arbeit dreht sich alles um Bilder, was fasziniert sie so sehr am Visuellen?
Mich interessiert die Wahrnehmung von Bildern. Für mich ist die große Frage: Wie kreiere ich Bilder? Wie nehme ich Bilder im Kopf wahr? Mit welchem Gefühl verbinde ich das? Mit meinen Projektionen möchte ich die Bilder, die im Kopf entstehen, neu besetzen. Dabei will ich mich selbst überraschen, vorhandene Vorstellungen auf den Kopf stellen, Bildwelten schaffen, die nicht eindeutig sind. Wie kann ich Zusammenhänge und Bildwelten neu gestalten, so dass sie den Betrachter überraschen? Wie weit muss ich dabei gehen? Muss ich konsumierbare Bilder produzieren? Gerne erkläre ich das an Hand meines Wolkenprinzips: Wie vollkommen muss die Wolke sein, damit sie im Betrachter ein Bild generiert? Jetzt gerade gucke ich nach oben, sehe ein paar Wolken als angedeuteten Hasen, der auf Skiern vorbeirauscht. Dieses Vorstellungsprinzip nutzt die schöpferische Kraft der Phantasie. Jetzt stellt sich die Frage: Wie fertig muss der Hase sein? Wie weit muss ich den Hasen für die Welt der Wahrnehmung gestalten, damit das Bild eines Hasen im Kopf entsteht? Ist weniger vielleicht mehr, um die schöpferische Kraft des Betrachters anzuregen?
Wie entstehen Ihre Bilder?
Am Anfang habe ich einen Einfall, der von physikalischen Prozessen und der Idee des kontrollierten Partikelflugs inspiriert ist. Meine Bilder sollen fliegen. Das ist "cross-over art": Bild und Mediale Inszenierung fallen zusammen. Das nenne ich "Perfolation", Performance und Installation in einem. Ich will Bilder nicht nur auf gewöhnliche Leinwände oder Oberflächen projizieren, sondern aufwändig inszenieren. So entwickele ich eine Bühnengestaltung, die sich körpersprachlich mit Bewegungen von Bildern auseinandersetzt. So lege ich los.
Und dann? Was wollen Sie mit Ihren Werken transportieren oder vermitteln?
Durch veränderte Wirkung werden Bilder anders wahrgenommen, die üblichen Muster durchbrochen. Für die Bildwelten ergeben sich dann völlig faszinierende, außergewöhnliche Möglichkeiten. Mir geht es darum, die Bilder, die man im Kopf hat, neu zu definieren. Meine Bilder kann man lesen wie ein Buch. Bei allem was ich tue gibt es immer noch Freiraum für das eigene Kopfkino. Ich habe keinen dezidierten Vermittlungsauftrag. Es ist eher ein Angebot. Ich versuche, den Blick auf die Dinge zu erneuern und so zu faszinieren. Die Verschmelzung von Virtualität und Realität ist so eng, dass der Betrachter zwischen den Welten hin- und hergleitet und sich fragt, ob der Schein jetzt in der Bildwelt selbst oder durch die Projektion hervorgerufen wird.
Haben Sie sich vor ihren jetzigen Besuchen schon einmal mit Olympia oder China beschäftigt?
Nein, überhaupt nicht. Wie auch? Im Prinzip kam schon vier Monate nach der Eröffnung meines Projektionshauses der Anruf aus Peking. Ein atemberaubendes Tempo. Seit zehn Monaten reise ich nun oft nach China, beschäftige mich erstmals mit dieser Kultur, und es ist eine sehr intensive Erfahrung.

