60 Jahre Documenta in Kassel

Was ist die Documenta – und wenn ja, wie viele?

Seit ihrer Entstehung setzt die Documenta Maßstäbe, wenn es darum geht, was eine zeitgenössische Kunstausstellung zu leisten hat. Ein Symposium versuchte zu klären, was das in den letzten 20 Jahren war.
Was ist die Documenta – und wenn ja, wie viele?

Panel: "documenta X. From the international to the global" auf dem Podium v.l.n.r. Laura Zheng Ning, Wang Jianwei, Catherine David, Lu Jie

Unter dem Titel "Documenta 1997–2017: Erweiterte Denkkollektive" vereinte ein Symposium am vergangenen Wochenende neben den Stimmen der künstlerischen Leiter der vergangenen vier Documenta-Ausgaben, auch vielfältige Beiträge aus Kunst, Theorie und Wissenschaft. Das Interesse an der Veranstaltung war groß und so besetzten die internationalen Besucher sämtliche Stuhlreihen in der beizeiten unerträglich heißen Documenta-Halle am Kasseler Friedrichsplatz.

Im Laufe der zwei Symposiumstage unternahmen die von Dorothea von Hantelmann organisierten Vorträge, Podiums- und Publikumsdiskussionen den Versuch, die letzten 20 Documenta-Jahre zu reflektieren und bewerten. Methodisch stand das Symposium so im Geiste einer Strategie, wie sie Catherine David einst im Rahmen der Documenta 10 etabliert hatte, der "Retroperspektive" – der Blick zurück nach vorn.

Im Rekurs auf den Immunologen Ludwig Fleck definierte Peter Galison, Professor für Physik und Wissenschaftsgeschichte in Harvard, die Documenta nicht nur als Ort, an dem Denkkollektive – eine spezifische, von sozialen Gruppen geteilte Art des Denkens – aufeinanderprallen, sondern auch in einen Dialog miteinander treten. Im Sinne einer "Trading-Zone" stelle sie einen neutralen Verhandlungsraum dar, der eine Basis für die Annäherung verschiedener Disziplinen und somit verschiedener Denkweisen ermöglicht. Als Beispiel diente ihm die eigene Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Künstler William Kentridge im Rahmen der Documenta 13. Das Ergebnis dieser Kollaboration, die spektakuläre Videoinstallation "The Refusal of Time", illustriere, wie sich zwei Individuen aus verschiedenen Disziplinen einander annähern und etwas schaffen, wozu der Einzelne nicht in der Lage gewesen wäre.

Seismograph für künstlerische Entwicklungen

Jede Documenta versammelt neben Kunst vor allem Menschen und Diskurse. Sie ist, so Dorothea von Hantelmann, ein Ort an dem die Gesellschaft zusammenkommt um an sich selbst zu arbeiten. Nicht umsonst werde die Ausstellung vielerorts als Seismograph wahrgenommen, der es vermag relevante künstlerische Entwicklungen genauso festzuhalten wie zeitgenössische Denkweisen und Theoriemodelle. Den Grundstein dafür, dass eine Ausstellung mehr zu sein hat als eine Kunstschau wurde in vielerlei Hinsicht von Catherine David und der Documenta X gelegt. David war die erste, die das Ausstellungsformat mit ihrer Vortragsreihe "100 Tage – 100 Gäste" um ein theoretisches Rahmenprogramm erweiterte. Die Documenta X nahm viele verschiedene Diskurse auf und zielte darauf ab, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Probleme einer globalisierten Gegenwart zu thematisieren. Damit leitete sie einen Paradigmenwechsel ein: Auch die darauffolgenden Documenta-Ausstellungen verfügten über ein umfassendes Rahmenprogramm und mit dem Konzept der Diskursplattformen, die auf vier verschiedenen Kontinenten stattfanden. Okwui Enwezor ebnete 2002 den Weg für die Dezentralisierung der Ausstellung, die Carolyn Christov-Bakagiev weiterführte, indem sie kleine Teile der Ausstellung nach Kabul verlegte. Einen weiteren Schritt in diese Richtung unternimmt die geplante Aufspaltung der Documenta 14 zwischen Kassel und Athen.

Nestbeschmutzer wollte keiner sein

Auch wenn in der Ankündigung viel davon die Rede wurde, kam der Aspekt der Perspektive innerhalb der "Retroperspektive" doch verhältnismäßig kurz. Akute, realitätsnahe Fragen etwa nach der Zukunft der Documenta, vor allem im Hinblick auf die wachsende Konkurrenz durch andere kulturelle Großereignisse, die Biennalen, Triennalen und Kunstestivals, die in den vergangenen Jahren allerorts aus dem Boden schossen, wurden weitgehend ignoriert. Auch auf die Frage der Moderation danach, wie man überhaupt in Zukunft ausstellen wolle und ob die Ausstellung als essentiell modernes Format, dessen organisatorischer Kern die Kategorisierung ist, überhaupt noch ein zeitgemäßes für die Vermittlung und Kreation von Welt darstellen kann, wurde als irrelevant abgetan. Dass es sich bei der Documenta um ein Ereignis von besonderem Kaliber handele, gehörte dagegen zum Grundtenor des Symposiums. Man badete lieber ein wenig in den eigenen Errungenschaften – Nestbeschmutzer wollte keiner sein.

Achivarbeit und nächste Schritte

Erst am Ende wurde dann doch noch ein bisschen Zukunftsmusik gespielt. Im wahrsten Sinne des Wortes: Für seine so eindrucksvolle wie kryptische Präsentation bediente sich Adam Szymczyk, Leiter der kommenden Documenta, des musikalischen Talents von Künstler und Gitarrist Hiwa K, dessen Arbeit "The Bell" in der Hauptausstellung der diesjährigen Venedig Biennale zu sehen war, und einer Flamenco-Sängerin, die das Gitarrenspiel begleitete. Kombiniert mit von Szymczyk gelesenen Textfragmenten und Videos transportierte die Präsentation eher emotionale als konkrete Inhalte und gab damit vielleicht einen vagen Ausblick auf das, was uns 2017 erwartet: eine dezidiert politische und emotionale Ausstellung, die den bildenden Künsten nicht länger den Vorzug lässt, sondern Formen künstlerischen Ausdrucks gleichberechtigt nebeneinander stellt.

Während man über die 14. Ausgabe der Documenta weiterhin nur spekulieren kann, gibt es allerdings konkrete Pläne für die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Weltkunstschau. Die internationale Rezeption der Documenta, ihre Strahlkraft und ihr Einfluss sind bisher wenig erforscht. Das soll sich ändern. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellte neben der Einrichtung einer Documenta-Gastprofessur an Kunsthochschule und Universität Kassel, die offizielle Übergabe des Documenta Archivs an die Documenta GmbH dar. Diese wird von Stadt und Land gemeinsam getragen und soll die bisherige Arbeit des Archivs weiterführen und intensivieren. Der nächste Schritt soll die Gründung eines interdisziplinären Instituts im Jahr 2020 sein, das sich der intensiven Erforschung der Ausstellung widmet.

Mehr Fragen, weniger Antworten

Wer einfache Antworten und klare Aussagen von dem Symposium erwartete, dürfte enttäuscht worden sein. Auch wenn die Veranstaltung oft anregend war, blieben die Hörer bei den pragmatischen Fragen im faustschen Sinne "so klug als wie zuvor". Die Stimmen waren so vielfältig wie die Theorien und Denkmodelle aus denen sich die vergangenen Documenta-Ausstellungen speisten. Wenn das Symposium etwas deutlich machte, war es die Unmöglichkeit und zeitgleiche Notwendigkeit, von so etwas wie der Documenta zu sprechen. Die einzelnen Ausstellungen unterscheiden sich zu gravierend, um sie über einen Kamm zu scheren und gleichzeitig muss man gerade das, wenn man von der Documenta als Möglichkeitsraum und Prozess sprechen möchte. Am Ende ist Documenta genauso wenig hermeneutisch abgeriegelt wie die Kunst, die sie zeigt. Es wird daran liegen, dass wir es auch bei ihr mit einem Phänomen zu tun haben, das sich aus der "Tradition zur Innovation" speist.