Contra Athen - Documenta 14

Impfstoff Provinz

Die Documenta 14 will große Teile der Ausstellung nach Athen verlegen und sorgt damit für ein geteiltes Stimmungsbild in der art-Redaktion. Steffen Zillig sieht eine für ihn wesentliche Qualität der Kasseler Documenta in Gefahr: die dröge Verpackung. Ralf Schlüter widerspricht ihm – mit einem Plädoyer für mehr Risiko.
Impfstoff Provinz:Ein kurzes Plädoyer für Kassel

Pro & Contra: art diskutiert den Teilumzug der Documenta 14 nach Athen

Eine morbide, geschichtsträchtige Kulisse, Mittelmeertemperaturen und ein politisch prekärer Ist-Zustand – es scheint, als liefen hier sämtliche Eigenschaften großer internationaler Biennale-Hotspots wie Venedig und Istanbul zusammen: Athen. Der geniale Eröffnungszug von Adam Szymzcyk. Der neue Documenta-Leiter bringt sich gar nicht erst in die Verlegenheit, die nächste stillgelegte Fabrikhalle in Kassel zum Ausstellungssatelliten umzufunktionieren. Womöglich gibt es in Kassel auch einfach keine leeren Fabrikhallen mehr. Das Vorkommen an Ruinen scheint erschöpft. Die künstlichen Ruinen vom Bergpark Wilhelmshöhe? Dann doch lieber gleich das Original, und die Akropolis steht nun mal in, genau: Athen.

Aber so brisant die griechische Hauptstadt inhaltlich sein mag – mit ihrer Geschichte, ihrer Rolle im europäischen Ränkespiel und einem derzeit beispiellosen Sozialabbau – für die Documenta ist sie auch eine Gefahr. Zumindest, wenn man noch einen Unterschied machen will zwischen ihr und all den anderen Kunstschauen, den Biennalen, Messen und Festivals, wie sie in den letzten Jahrzehnten weltweit aus dem Boden schossen. Schließlich kann man die durchschnittliche und kontrastarme Erscheinung der Stadt in diesem Zusammenhang durchaus als Vorzug begreifen, der die Documenta gegen so manchen Auswuchs des globalen Kunst-Jetsets immunisierte. Um es auf den Punkt zu bringen: Kassel hat keine Yacht-Anleger.

Als art vor drei Jahren von der Venedig-Biennale berichtete, machte diese Webseite mit dem Bild einer überdimensionalen Yacht auf. Nicht, dass die Yacht einen so übermäßigen ästhetischen Reiz ausübte, aber sie schien schon am Eingang des Biennale-Geländes alles zu überragen, was ihr an Kunstdarbietung folgen sollte. Der protzige Auftritt war nicht allein die Frechheit eines russischen Oligarchen, er las sich auch als Kampfansage eines Jetsets, der nun neben den großen Kunstmessen in Basel, London und Miami – die er ohnehin beherrscht – auch auf der ältesten Weltausstellung für bildende Kunst seinen Reichtum mit wachsender Selbstverständlichkeit zur Schau stellte. Man mag noch darüber streiten, ob Privatmuseen reicher Sammler einen Benefit für die Kunst bedeuten oder nicht. Protzige Auftritte wie dieser aber bedeuten es so wenig wie die zahllosen Party-Events mit Zulassungsbeschränkung und neoaristokratischem VIP-Gehabe, die er verkörpert.

Glamour-Faktor eines durchschnittlichen Verwaltungsgebäudes

Bislang wirkte die Documenta fast piefig dagegen. Kulturbahnhof und Documentahalle besitzen im Zweifel eher den Glamour-Faktor eines durchschnittlichen Verwaltungsgebäudes. Und das ist gut so. Wie keine andere Veranstaltung steht die Documenta für eine Kunst, die allen offen steht. Sie steht für einen anderen Schnitt durch die Gesellschaft, als man ihn von den Vernissagen und Kunstevents der Großstädte kennt. Man trifft nicht nur mondäne Weltenbummler, sondern das, was man sogar im hippen New York mittlerweile anerkennend "Normcore" nennt. Menschen in der gerade bei Deutschen so beliebten Funktionsbekleidung zum Beispiel (in der Kunstszene sonst ein absolutes No-Go).

Die Documenta appelliert auch und gerade in ihrer unspektakulären Verpackung an einen letzten Rest von bürgerlichem Bildungsehrgeiz. Der Witz dabei: Die Kunst selbst nimmt in der Regel wenig Rücksicht darauf. Auch in Kassel trägt sie nicht plötzlich Funktionsbekleidung und präsentiert biedere Stillleben. Ihr Betrieb ist zugänglich, die Kunst selbst bleibt so sperrig und ernst, so sinnlich und schräg wie in all den anderen Diskursräumen dieser Welt.

Das wird auch bei der Documenta 14 nicht anders sein. Aber man wird eben nur die Hälfte sehen, wenn man sich in Kassel aufhält. Der Rest ist für die Anderen. Einen Shuttle-Service nach Athen hat Adam Szymzcyk angekündigt. Aber so richtig kann man sich noch nicht vorstellen, wie das kostengünstig funktionieren soll. Für jene idealistischen "Radikanden" des Kunstbetriebs, die, dem namensgebenden Kunsttheoretiker Nicolas Bourriaud nacheifernd, per Billigflieger und Selbstausbeutung den vermeintlichen Zukunftsoptionen der Global Art hinterherjagen, bedeutet Athen keine große Umstellung. Noch weniger für den ungleich finanzkräftigeren Jetset. Der wird sich vielleicht sogar überlegen, ob er auf seiner Sommertour 2017 von Basel über Venedig nach Athen überhaupt noch zwischenlanden soll in dieser mitteldeutschen Kleinstadt – wie hieß sie noch gleich?

Kassel ist irgendwie die einzige Stadt, der man einen Abstecher von Brad Pitt oder Roman Abramowitsch noch guten Gewissens wünschen kann. Wer die Mietpreisentwicklung von Venedig kennt, hat ja schon beim eigenen Besuch ein schlechtes Gewissen. In Istanbul ist es nicht anders. Und wie es um das Verhältnis von steuersparenden Großyachtbesitzern und gebeutelten Bürgern in Athen bestellt ist, dürfte bekannt sein. Vielleicht ist es gut, dass sich die Documenta diesen Widersprüchen jetzt gezielt aussetzt. Es sind allerdings schon ganz andere bei dem Versuch gescheitert, mit den Mitteln der Kunst gegen die politischen Verhältnisse anzutreten. Als der britische Künstler Jeremy Deller vier Jahre nach dem denkwürdigen Auftritt der Luxusyacht in Venedig auf einem Wandbild ebenjene Yacht versenkte, da wirkte die Kunst so machtlos und verzweifelt wie immer dort, wo sie die Umstände zur Nebensache machen.

Morgen erwidert art-Redakteur Ralf Schlüter diesen Beitrag mit einem Plädoyer für das Risiko Athen.

Documenta 14

Termin: 10. Juni bis 17. September 2017 in Kassel und Athen
http://www.documenta.de