KunstFilmBiennale - Köln

Geblendet von der Schönheit der Welt

Im siebten Jahr ist die Kölner KunstFilmBiennale aus dem rheinischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken. art stellt ihnen die Höhepunkte des diesjährigen Programms vor.
KunstFilmBiennale:Kölner KunstFilmBiennale

"The Butcher's Shop" von Philip Haas

Wenn die Stasi den Berliner Fotografen Harald Hauswald während der Observierung aus den Augen verlor, vermerkte sie hinterher im Protokoll: das Objekt geriet außer Kontrolle. Man staunt nicht schlecht über diese Sprachblüte im Behördendeutsch, weit mehr dürften Hauswald allerdings die Einschätzungen seiner fotografischen Arbeit überrascht haben. Mit leicht pikiertem Unterton, aber stets scharfsinnig werden seine subversiven Bilder des DDR-Alltags analysiert, und weil Mark Thümmler in seinem Dokumentarfilm "Radfahrer" (2008) die Aufnahmen mit den Stasi-Lageberichten unterlegt, erscheinen diese beinahe wie klassische Bildbetrachtungen.

Ein derart listiger Film schmückt jedes Festival, wobei sich die Kölner Kuratoren sogar den Luxus erlauben, die Radfahrer in einer Nebenreihe zu verstecken. Im siebten Jahr ihres Bestehens ist die KunstFilmBiennale aus dem rheinischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken: Aus kleinen Anfängen ist ein Publikumsfestival entstanden, das mit zahlreichen regionalen Institutionen (u.a Museum Ludwig, Kunstmuseum Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle Bonn) und Galerien kooperiert und seine Fühler über die Kunstszene und das Avantgardekino hinaus bis zu den musikalischen Bilderbogen der indischen Filmindustrie streckt. Den Eindruck des Gemischtwarenladens nimmt man dabei gern in Kauf, so lange dieser weiterhin so gut sortiert bleibt.

Auch dieses Jahr ist das Programm weit gestreut und prominent besetzt: Die Düsseldorfer Julia Stoschek-Collection ist, wie um die neue Rheinachse zu bekräftigen, mit ausgewählten Höhepunkten zu Gast, Pipilotti Rist ist eine kleine Werkschau gewidmet und mit Ed Lachman wird ein Kameramann gewürdigt, ohne dessen Arbeiten für Wim Wenders, Larry Clark oder Todd Haynes die Geschichte des Autorenkinos ärmer wäre. Überhaupt wurde der Anteil klassischer Kinofilme noch einmal ausgebaut. So sind mit Claudia Llosas "The Milk of Sorrow" (2009) und Samuel Maoz‘ "Lebanon" (2009) die aktuellen Gewinner der Filmfestivals von Berlin und Venedig zu sehen. Während sich Llosas Porträt einer traumatisierten jungen Frau deutlich an den surrealistischen Filmen Luis Buñuels orientiert, stellt Maoz‘ Werk ein Novum dar: Er schildert den Libanonkrieg aus der Perspektive einer Panzerbesatzung – die Außenwelt ist lediglich im Zielfernrohr präsent – und verdichtet den Feldzug zur klaustrophobischen Erfahrung.

Ein ähnliches Gefühl scheint den deutschen Künstler Christian Jankowski gelegentlich in Ausstellungsräumen zu überfallen – seinen Persiflagen auf den Kunstbetrieb richtet die KunstFilmBiennale eine weitere Werkschau aus. Zuletzt machte Jankowski von sich reden, als er die Mitarbeiter des Stuttgarter Kunstmuseums untereinander die Rollen tauschen ließ. In seinem Mockumentary "Dienstbesprechung" (2008) wirbt der Hausmeister um Sponsorengelder und ein Sicherheitsbediensteter kuratiert, während die damalige Direktorin, Marion Ackermann, als Ausstellungstechnikern etwas hilflos durch die Hallen stromert. Am Ende steht eine garstige Pointe: Der für die Kamera inszenierte Karneval hat die ursprüngliche Rollenverteilung nicht gelockert, sondern fester zementiert; der pathetische Begleittext über die Veränderung des Menschen durch die Kunst klingt dadurch noch ironischer.

Im Internationalen Wettbewerb geben sich mit Eija-Liisa Ahtila, Doug Aitken, Sam Taylor-Wood oder Mark Lewis die Großen der Szene die Klinke in die Hand; Sarah Morris setzt ihre filmische Städtereise mit Olympia-Impressionen aus Peking fort; und Nathalie Djurberg spielt wieder mit ihren monströsen Plastilinfiguren. Im Vergleich zu diesen Stars gehört der 55-jährige Jochen Kuhn immer noch zu den Entdeckungen. Mit "Exit" (2008), einem gut halbstündigen, mit Ölfarbe gestalteten Animationsfilm, hat der gelernte Maler sein Meisterwerk geschaffen: Ein unbehauster Mann irrt durch eine Welt, die Kuhn durch virtuose Wischeffekte ständig auslöscht und neu erschafft. Christoph Girardet und Matthias Müller zählen hingegen schon länger zur ersten Reihe der Film- und Videokunst – mit ihrer neuen Arbeit holen sie nun den guten alten Flickerfilm aus der Versenkung. In "Contre-jour" (2009) mischen sie selbst gedrehte Szenen mit kunstvoll verfremdeten Ausschnitten aus Hollywood-Filmen, und weil dieses Mal das Thema Blindheit und deren Heilung die Hauptrolle spielt, flackert das Licht so durchdringend, wie einem geheilten Blinden wohl der erste Sonnenstrahl erscheinen mag. Am Ende ahnt man, was es bedeutet, von der Schönheit der Welt geblendet zu sein.

KunstFilmBiennale in Köln

Termin: 28. Oktober – 1. November 2009
http://www.kunstfilmbiennale.de/web/de/14.html