Waldschlösschen- brücke - Karikaturen

Ein Feeling vom Herbst 1989

Die Unesco macht ernst: Im Sommer soll Dresden den Status des Weltkulturerbes verlieren, wenn der Brückenbau am Waldschlösschen nicht gestoppt und ein Tunnel gebaut wird. Der Konflikt spitzt sich zu – und ist eigentlich nur noch mit Humor zu ertragen.
Die Unesco macht ernst:Der Konflikt spitzt sich zu – nur Humor hilft noch

"Es hätte schlimmer kommen können. Wenn Luigi Colani die Brücke entworfen hätte."

Im März reisten einige Politiker aus Stadtrat und Sächsischem Landtag auf eigene Faust nach Paris und besuchten Francesco Bandarin, den Direktor des Unesco-Welterbezentrums. Der machte kurz darauf unmissverständlich und offiziell klar, dass die Aberkennung keine leere Drohung sei: Tunnel oder Streichung von der Unesco-Liste. Auch halbherzige Nachbesserungen an der ursprünglichen Brückenversion sind damit vom Tisch.

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Strecken Teaser

Die abenteuerlustigen Pro-Tunnel-Abgeordneten wurden für ihr eigenmächtiges Manöver von politischen Gegnern und Brückenbefürwortern abgewatscht. Doch das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der öffentlichen Schlammschlacht, die das idyllische Flusstal erschüttert. Denn unterdessen hat eine gut aufgestellte Initiative von Tunnelfreunden 40 000 Unterschriften gesammelt. Die sollten reichen, um ein neues Bürgerbegehren für den Bau einer unterirdischen Röhre in Gang zu setzen. Der Bürgerentscheid, der 2005 den Brückenbau auslöste, hat bereits im Februar seine rechtliche Bindung verloren.

Dennoch, die Stadt sieht sich momentan noch an den alten Bürgerentscheid gebunden und ließ außerdem verlauten: "Zum einen ist der Planfeststellungsbeschluss rechtsgültig und durch die Stadt umzusetzen. Dies wurde nicht zuletzt in mehreren gerichtlichen Entscheidungen im Jahr 2007 ausdrücklich festgehalten. Zum anderen sind sämtliche Aufträge zum Bau der Brücke vergeben. Durch einen Baustopp würden erhebliche Schadensersatzforderungen der betroffenen Unternehmen an die Stadt gerichtet werden."

Nun könnte nur noch ein Stadtratsbeschluss helfen, eine neue Abstimmung auf den Weg zu bringen.
Während gerade die Rechtsgültigkeit des Unterschriftenkonvoluts im Rathaus geprüft wird, finden Demonstrationen mit bis zu 15 000 Teilnehmern statt.

Die ganze Stadt ist gespalten

Mit Kerzen, Sprechchören und Auftritten von Intellektuellen wie dem wortgewaltigen sächsischen Dichter Thomas Rosenlöcher kommt hier das Feeling vom Herbst 1989 auf. Über den Gegner ist man sich einig und kämpft weiter, unverdrossen angesichts schmerzlicher Niederlagen wie der Fällung einer 200-jährigen Buche, die im Januar einer Brückenzufahrt weichen musste, oder des gescheiterten Versuches von Naturschützern, die seltene Fledermausart "Kleine Hufeisennase" als Grund für einen Baustopp zu benutzen.

Und am Elbufer wird eifrig weitergebaut. Außerdem haben Ingenieure und Wissenschaftler von der Technischen Universität Dresden gerade eine weitere Kontroverse vom Zaun gebrochen: Kurz nach der Unesco-Verlautbarung legten sie eine Machbarkeitsanalyse für den Tunnel vor, die sich auf Studien aus dem Jahr 2003 stützt. Die dabei anfallenden Mehrkosten würden sich – anders als Brückenfans ständig verkünden – in einem verhältnismäßig geringen Rahmen bewegen, die Bauzeit wäre im Vergleich zur Brücke allerdings zwei Jahre länger.

Es scheint, als wäre die Stadt durch alle Gewerke, Generationen und Gesellschaftsschichten in zwei Lager gespalten. Das lässt sich bisweilen nur mit Humor ertragen, wie der Karikaturist Gunter Bähr (*1973) fand. Er zeichnete eine Serie von schrägen Brückenvarianten im Stile von Luigi Colani, Friedensreich Hundertwasser und Daniel Libeskind. Die Überquerung des Flusses steht dabei nicht gerade im Vordergrund – und wer weiß, unter diesen kühnen Bauvisionen könnte ja immer noch ein subversiver Tunnel gähnen.