Patti Smith - New York

Warten auf Patti

Dass sie nicht nur eine Ikone der Rockmusik ist, sondern auch eine ungewöhnliche Fotografin und Zeichnerin, zeigt Patti Smith bis zum 18. April bei Robert Miller in New York. Ihre Arbeiten sind so eigenwillig pur wie sie selbst.

Sie kam 45 Minuten zu spät zu ihrem Opening. Ungeduldig drückten sich die Fans an der Eingangstür der New Yorker Robert Miller Gallery herum. Auffällig viele Herren trugen ihr graues, schütteres Haar trotzig zum Pferdeschwanz gebunden. Die Galerie war an diesem Samstagabend mit Alt-Alternativen jenseits der 50 gefüllt. Für Chelsea-Verhältnisse ein ungewöhnlich uncooles Publikum. Als die 62-jährige Patti Smith, wie gewohnt äußerst lässig in Jeans, ausgelatschten Cowboystiefeln und grauem Mantel die Tür öffnete, stürzten sich die Fans auf sie. Sie baten um Widmungen und schmissen sich für Fotos in Pose.

Patti Smith ist nicht nur eine Ikone der Rockmusik. Seit mehr als 40 Jahren fotografiert sie, zeichnet sie und schreibt Gedichte. Bei Robert Miller, der sie Anfang der siebziger Jahre bei einer Ausstellung in New York entdeckte und sie ein paar Jahre später in seiner Galerie in Uptown Manhattan gemeinsam mit Smiths Freund Robert Mapplethorpe das erste Mal ausstellte, zeigt Smith unter anderem eine neue Serie mit dem Titel "Veils" ("Schleier"). Schattenhafte Momente, Sehnsüchte, die unter der Oberfläche liegen und innere Kämpfe, sind das Thema. Smith wählte dafür die Innenräume von Kirchen, die sie überwiegend in Spanien fotografierte. Weil die Gotteshäuser renoviert werden, sind Altäre und Heiligenbilder mit Plastikplanen verhüllt. Im schwarz gestrichenen Teil der Galerie platzierte Smith ein großes Kreuz unter einer durchsichtigen Plane als Blickfang. Einige der grobkörnigen Schwarzweißfotos, die sie wie gewohnt von Polaroids abziehen ließ, sind gespenstischer, als es Patti Smith vielleicht beabsichtigt hat. Unter den Planen scheinen sich Frauen zu räkeln oder die verhüllten Altäre wirken wie übergroße, leblose Körper.

Poetische Fotos

Eine Reihe von kleineren Fotos (ab 1 750 Dollar) kommt poetischer daher. Die Bilder zeigen umschlungene Engel, brüchige Mauerstücke, Blumenkränze, leere Theatersitze, die mit Tuch bedeckt sind und so aussehen, als ob sie in Jacken stecken. Eine Heiligenfigur, deren Körper mit Pfeilen durchbohrt wurde, hängt neben dem Bild eines Pferdes hinter Stacheldrahtzaun. Bei einigen ihrer Zeichnungen (ab 25 000 Dollar) handelt es sich um filigrane Wortspiele. Eines erhebt sich zu einem Bauwerk, von dem man nicht weiß, ob es halb fertiggestellt oder eine Ruine ist. Dem französischen Dichter und Abenteurer Arthur Rimbaud, der 1891 auf Grund einer Krebserkrankung sein geliebtes Äthiopien verlassen und nach Frankreich zurückkehren musste, wo er im selben Jahr starb, widmete Smith eine schwarze, mit Fischernetz umhüllte Bahre. Mit Jem Cohen, der in der Ausstellung mit einer Reihe von gefühlvollen Polaroids vertreten ist, präsentiert Smith einen neuen gemeinsamen Film über den französischen Poeten René Daumal. Wie Rimbaud starb auch das Genie Daumal in jungen Jahren, als Jugendlicher hatte er mit Drogen und Chemikalien herumexperimentiert. Im Film lassen Smith und Cohen einen jungen Mann in einem gläsernen Fahrstuhl in den grauen Himmel fahren.

Patti Smith hat immer wieder gesagt, dass sie ihre Arbeit als Künstlerin als Kampf empfindet, der ihr nur leicht fällt, sobald sie auf der Bühne steht. Auch wenn ihre inzwischen erwachsenen Kinder der Mutter gern mal zu verstehen geben, dass sie – Ikone hin oder her – mit ihrer Musik nun wirklich nicht mehr cool ist. Patti Smiths Arbeiten sind so eigenwillig pur wie Smith selbst, die sich zum Signieren der Bücher ihrer Fans die silberne Nickelbrille aus der Manteltasche zog. Von Kampf ist nicht viel zu spüren. Fotos, Zeichnungen und Filme sprechen von einer leisen Mühelosigkeit. Ihre Poesie ist düster, und sie kommt ohne laute Sounds aus.

Patti Smith

Termin: Bis 18. April, Robert Miller Gallery, New York
http://www.robertmillergallery.com/artists/all_artists/smith/smith.html

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