Die Schöne und das Biest - Leipzig

Gorilla und Girls

Männer malen nackte Frauen und Tiere – art-Autorin Susanne Altmann berichtet von einer Ausstellung, die trotz viel Haut und gefälligen Bildern ihr Potenzial nicht ausschöpft.

Erhebliche Wogen von Protest und Entrüstung schwappten seit der Eröffnung Ende 2013 über die Leipziger Ausstellung "Die Schöne und das Biest" hinweg.

Das Museum der Bildenden Künste hat nicht besonders tief in die Trickkiste sexistischer Feindbilder greifen müssen, um dieses Tosen auszulösen. Es genügte, eine ungewöhnliche Melange von Akt- und Tierdarstellungen dreier, eher randständiger Kunstschaffender des 20. und 21. Jahrhunderts zu vereinen: Richard Müller (1874 bis 1954), Mel Ramos (*1935) und ja: Wolfgang Joop (*1944). Bizarrer Surrealo-Akademismus, erotische Pop Art und seltsam antiquiertes Kunsthandwerk beherrschen die Säle.

Im Hinblick auf Besucherzahlen ist das ein zweifellos verführerischer Coup. Denn hier werden gefällig und sorgfältig gearbeitete Darstellungen von weiblicher Nacktheit und tierischer Einfalt kombiniert, verschnürt mit einem attraktiven Titel. Doch bereits anlässlich der Vernissage fragten feministisch gestimmte Demonstranten entnervt, ob Frauen denn noch immer nackt sein müssten, um ins Museum zu gelangen. Tatsächlich drängt sich die berühmte Gretchenfrage im Stil der Guerilla Girls angesichts dieser Präsentation und der eher männerlastigen Sonderausstellungspolitik des Museums fast zwingend auf. Es fällt schwer, diesen kämpferischen, doch rein (kultur)politischen Vorwurf zu ignorieren und einmal nur den kunsthistorischen Mehrwert dieser Schau zu betrachten. Doch es lohnt.

Beginnen wir mit den Artefakten des Wolfgang Joop. Bei allem gebotenem Respekt vor der gestalterischen Lebensleistung des betagten "Wunderkinds" können dessen Primatenzyklen in Marmor, Blattgold und Metallicstickerei höchstens als Ornamentik durchgehen. Und nein, diese aalglatten Materialschlachten mit obskurer Symbolik taugen nicht einmal für eine amüsierte Diskussion zum Thema Kitsch, Camp & Co. Wenn schon Affen, dann schon lieber in Form der Gorilla-Masken jener besagten Aktivisten-Girls… Doch halt, diesen Kritikstrang wollten wir ja nicht verfolgen.

Dann also weiter zu Richard Müller, der von Joop in dessen Katalogbeitrag als Vorbild verklärt wird.
In der Tat erweist sich der als reaktionär verschriene Dresdner Kunstprofessor als die mit Abstand interessanteste Position des Dreigestirns. Seine grellbunten Erotikszenen und Tieridyllen wirken in ihrer Kombination aus handwerklicher Finesse und Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts noch immer am authentischsten und am streitbarsten. Auch als tragische Figur der Zeitgeschichte zwischen wilhelminischem Korsett und Naziideologie bietet Müller den besten Stoff für Analysen. In seiner Zeichenklasse an der Dresdner Akademie herrschte jahrzehntelang militärischer Drill. Daran erinnerten sich Absolventen wie George Grosz oder Otto Griebel nicht ohne Bewunderung. Und auch wenn das viele Protagonisten der Dresdner Neuen Sachlichkeit später nicht eingestanden: Der von Müller eingepeitschte akribische Naturalismus prägte letztlich auch ihren Stil, selbst wenn sich die Motive der Veristen in Richtung linker Sozialkritik neigten.

Im eigenen Werk zeigt sich Müller unbeeindruckt davon, dass die Welt um ihn herum mehrfach in Scherben ging. Weder der erste Weltkrieg noch die Wirren der Nachkriegszeit noch die Nazis oder der zweite Weltkrieg haben ihn von seiner eng geführten Faszination für Weib und Tier abhalten können. Da malt sich sein junger Professorenkollege Otto Dix 1929 unterm gleichen Dach die kollektiven Kriegstraumata von der Seele – Richard Müller pinselt unverdrossen Kühe, Hummer, Pekinesen und laszive Schönheiten. Ähnlich wie bei dem von ihm verehrten Max Klinger gibt es auch bei Müller unfreiwillige Anklänge an surrealistische Irritationen. Ähnlich wie der sich gegen Ende seiner Laufbahn unverstanden fühlende Klinger, gerät Müller aus dem Takt der Kunstentwicklungen und fühlt sich von der Moderne überrollt und bedroht. Unter Müllers Ägide als Rektor verliert Dix 1933 seine Professur; nichts zuletzt aus persönlicher Feindschaft stellt Müller in Dresden die deutschlandweit erste Wanderausstellung "Entartete Kunst" auf die Beine und hetzt in der Presse gegen die ästhetischen "Verfehlungen" der verfemten Kollegen. Dieses Szenario allein hätte für eine wunderbare, didaktische und unterhaltsame Ausstellung gereicht: Müller im Kreise seiner Vorbilder, Schüler und Feinde. Mutig hätte eine solche Ausstellung den Bogen spannen können von einem begnadeten Zeichner und Grafiker bis hin zum angstbesessenen Demagogen.

Mit der eher slapstickartigen Flankierung mit Werken von Wolfgang Joop und Mel Ramos ist diese Chance jedoch leider vertan. Wobei allerdings gerade diese Folie aus schwüler Popkunst und Zoo-Kitsch Richard Müller zu einer ernsthaften künstlerischen Größe verhilft, die auch Laien ins Auge fallen muss. Ob das in der Absicht der Ausstellungsmacher lag, ist fraglich: Zu immens ist die Fläche, die etwa Mel Ramos’ redundanten Nackedeien in softpornografischer Interaktion mit monumentalen Konsumgütern eingeräumt wurde. Ramos’ malerische Objektifizierungen von Frau, Tier und Handelsware vollziehen sich fernab jeglicher Konsum- oder Gesellschaftskritik. Schon in den siebziger Jahren muss diese Haltung, ähnlich wie Werke berühmterer Kollegen wie Allen Jones oder Tom Wesselman, anachronistisch gewirkt haben. Aber wenn sich 2012 noch immer ein Pin-up-Girl aus einer Schokoriegelverpackung schält, dann fällt wohl auch dem letzten Pop Art-Apologeten nichts mehr dazu ein. Vielleicht nur, dass diese triste stilistische und motivische Stagnation eines Spätwerks jener damaligen von Richard Müller kaum nachsteht. So wie das Frauenbild Müllers bis zu dessen Tod 1954 fest in den "Femme Fatale"-Stereotypen des fin de siécle feststeckte, klemmt jenes von Ramos in den Klischees der 1950er. Um derlei verwandtschaftliche Verirrungen freilich zu entlarven, ist der Sexismus-Hammer des 21. Jahrhunderts eigentlich völlig überflüssig. Zuviel des Aufwands. Hier reichen gesunder Menschenverstand und eine gewisse Kenntnis der Kunsthistorie völlig aus. Für den Besuch der Ausstellung empfiehlt es sich also, die Gorilla-Masken zuhause zu lassen und viel lieber auf freien Eintritt für Tiere in Damenbegleitung zu plädieren.

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Richard Müller & Mel Ramos & Wolfgang Joop
verlängert bis 26. Januar 2014
http://www.mdbk.de/ausstellungen/archiv/2013/die-schoene-und-das-biest-richard-mueller-und-mel-ramos/