Sam Taylor-Wood - Spielfilm

R’n’R ist Sex

Die britische Foto-, Film- und Video-Künstlerin Sam Taylor-Wood beschäftigt sich in ihrem ersten Spielfilm "Nowhere Boy" mit fünf Jahren aus dem Leben des jungen John Lennon.
"Nowhere Boy":Sam Taylor Wood zeigt den jungen John Lennon

"Nowhere Boy": Aaron Johnson spielt den jungen John Lennon in Sam Taylor-Woods Spielfim

Von einer formal so rigorosen Künstlerin der Avantgarde wie Sam Taylor-Wood hätte man eigentlich einen experimentellen Film erwarten können. Vergleichbar vielleicht mit Julian Schnabels Biografie des französischen Autors Jean-Dominique Bauby, "The Diving Bell and the Butterfly", oder "Hunger", Steve McQueens Studie des Hungerstreiks der IRA-Häftlinge in Nordirland. Statt dessen überrascht sie uns mit der eher konventionellen Biografie eines Heranwachsenden – fünf Jahre aus dem Leben des jungen John Lennon, vom Tod seines geliebten Onkels George im Jahr 1955 bis zu seiner Abreise nach Hamburg, als er 19 war, mit der ersten Formation der Beatles. "Nowhere Boy" erzählt die Geschichte eines Jungen, den Vater und Mutter verlassen haben, der bei seiner strengen, spießbürgerlichen Tante Mimi aufwächst, die jegliche Kreativität im Keim zu ersticken sucht, dann seine leibliche Mutter wieder findet, die ihm Rock and Roll nahe bringt – "R’n’R ist Sex", flüstert sie ihm ins Ohr – und schließlich die beiden Frauen in seinem jungen Leben brutal vor den Kopf stößt und sich abnabelt.

Taylor-Wood versteht es, sich in Heranwachsende zu versetzen, etwa jugendliche Leidenschaft darzustellen. Bereits in ihrem Kurzfilm "Love You More" zeigte sie zwei Teenager, die zum ersten Mal von Lust überwältigt werden, mit wilder Entschlossenheit lieben sie sich zur Musik der Buzzcocks. Die Regisseurin trifft ihre fast kindliche Unerfahrenheit ebenso genau wie die Leidenschaft. Auch bei Lennon und seinen Freunden gelingt ihr das.

Auch versteht sie es, weinende Männer zu fotografieren – Lennon darf gleich mehrmals in Tränen ausbrechen, aus Trauer, aus Scham, aus Wut. Für ihre Arbeit "The Crying Men" überredete sie 28 männliche Filmstars, von Paul Newman bis Woody Harrelson und Robert Downey Jr., sich weinend ablichten zu lassen. Die Arbeit entstand, nachdem bei ihr zum zweiten Mal Krebs diagnostiziert worden war – "ich ließ die Männer meine Tränen weinen", sagt sie heute.

Das hilft vielleicht bei der Erklärung, warum sie sich als Sujet für ihren ersten Spielfilm ausgerechnet John Lennons Jugend aussuchte. Vielleicht fand sie sich selbst in der Geschichte wieder. Auch ihr Vater verließ die Familie, als sie noch ein Kind war. Mit ihrer Mutter lebte sie die nächsten zehn Jahre in einer Kommune. Dann zog auch diese aus und ließ die Fünfzehnjährige allein.

Eine gut erzählte Geschichte, mit hervorragenden Schauspielern

Schade nur, dass die Musik in ihrem Film eine untergeordnete Rolle spielt, ihr geht es nicht um das Aufkeimen einer musikalischen Begabung, sondern um das schwierige Heranwachsen eines Jungen. Eine der schönsten Szenen zeigt John und seinen neuen Freund Paul McCartney beim Einstudieren eines ersten selbst geschriebenen Songs. Mehr davon hätte dem Film gut getan.

Trotz einiger Längen ist Sam Taylor-Wood aber ein respektabler erster Spielfilm gelungen, kein Meisterwerk, doch eine gut erzählte Geschichte, mit einigen hervorragenden Schauspielern, wie Kristin Scott Thomas als steife Tante Mimi und auch Aaron Johnson als der junge Lennon – nach den Dreharbeiten tat er sich mit der um mehr als 20 Jahre älteren Regisseurin zusammen, die beiden wollen bald heiraten. Wenn es nach ihr geht, wird es auf jeden Fall einen nächsten Film geben.

"Nowhere Boy"

Info: Sam Taylor-Woods Film ist kürzlich in England angelaufen. Wann er in die deutschen Kinos kommt, ist noch ungewiss.
http://www.nowhereboy.co.uk/

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