Durch den Monat mit: - Markus Heinzelmann

Rausch und Kult

In unserer Serie präsentieren Kunstprofis jeden Monat ihre persönlichen Höhepunkte. Diesmal: Markus Heinzelmann, Direktor des Museums Morsbroich in Leverkusen, des "Museums des Jahres 2009".
Rausch und Kult:Die Kunsthöhepunkte von Markus Heinzelmann

Markus Heinzelmann

Auf nach Brüssel! Die Stadt platzt geradezu vor privaten und öffentliche Sammlungen, Galerien und Museen. Zuletzt hat mit dem WIELS ein lebendiges Zentrum für Ausstellungen, Produktion und Vermittlung eröffnet. Im Februar zeigt Elena Filipovic dort eine Retrospektive von Félix González-Torres (1957 bis 1996), der die Minimal und Concept Art mit seinem politaktivistischen Anspruch für die achtziger und neunziger Jahre fruchtbar machte und seit seinem frühen Tod als Ikone des ausgehenden Jahrhunderts gilt.

Von Brüssel nach Graz, dessen immenses Engagement für die zeitgenössische Kunst mit dem Kulturhauptstadtjahr 2003 nicht geendet hat: Im immer noch verführerisch schönen Kunsthaus eröffnet die Ausstellung "Catch me!" über den Rausch der Geschwindigkeit, die mit der beliebten Assoziation des Gebäudes mit einem Raumschiff flirtet. Die gleichzeitig von Adam Budak präsentierten, herrlich schwerelosen Skulpturen und Installationen von Tatjana Trouvé geben dieser Vision weiteren Auftrieb.

Ein echter Anti-Tipp: "Pop Life" in Hamburg

Im Kunstverein Hannover eröffnet eine Ausstellung mit Jason Dodges rätselhaft poetischen Arbeiten, während Carsten Höller in Rotterdam die Kanarienvögel zum Singen bringt: Der passionierte Ornithologe hat ein Mobile aus Vogelkäfigen gebaut, das die 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche genauso in Schwingungen versetzen soll wie seine "Swinging Curve" oder die gigantischen Pilzhybriden.

Kult und Rausch – die von Höller thematisierten Quellen der Kunst, scheinen nichts für die Kaufmannsstadt Hamburg zu sein: Die "Reinigung der Lebenden und die Sühnung der Abgeschiedenen" stand einst auf dem Programm des römischen Festes "Februa". Ein guter Monat also, um sich abschließend von allem skandalösen Gerede über den Verkauf der Werke von Gerhard Richter aus der Hamburger Kunsthalle zu distanzieren. Statt dessen zieht die Ausstellung Pop Life in die heiligen Hallen an der Alster ein. Ein echter Anti-Tipp, denn schon in der Londoner Tate Modern hat die polemische Reduzierung von Kippenberger, Warhol und Zeitgenossen auf marktschreierische Kommerzstrategien zum Sehsturz geführt. Daher meine Empfehlung zum Schluss: "The Razzle Dazzle of Thinking", das Durcheinander (oder Täuschungsmanöver) des Denkens, von Elaine Sturtevant im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris!

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