Turner-Preis - Gateshead

Der neue Leisetreter

Die Zeiten, in den ungemachte Betten für Skandale sorgten, sind lange vorbei. Der Turner-Preis kommt heute ohne Blitzlichtgewitter aus - weil er als wichtigster Kunstpreis der Welt niemandem mehr etwas beweisen muss.

Ein Plastiker, eine Videokünstlerin und zwei Maler. Nichts Aufregendes an dieser Liste, doch alle vier überschreiten die Grenzen ihres Metiers und erweisen sich so als würdige Kandidaten für den begehrten Turner Preis.

Sie haben in den vergangenen 12 Monaten mit gelungenen Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht, drei von ihnen erstaunlicherweise in Privatgalerien: Raven Row in London, Eva Presenhuber in Zürich und Capitain Petzel in Berlin.

Die Unbekannteste unter den vier Bewerbern ist Hilary Lloyd, 46, obwohl sie schon seit der Zeit der YBAs mitmischt. Ihre Videos und Fotos erinnern in ihrer Offenheit und Direktheit an die Amerikanerin Nan Goldin, doch ihr geht es nicht nur um die Bilder an Wänden oder auf Monitoren, sondern auch um die Schönheit ihrer Gerätschaften. Sie verwandelt die Technik – Projektoren, Leinwände, Stative – in komplexe Rauminstallationen.

Der Schotte Martin Boyce, 43, der sein Land auf der letzten Biennale in Venedig vertrat, bezeichnet sich selbst als Bildhauer, doch die von ihm gebauten Räume sind eher architektonische Installationen. Innerstädtische Melancholie mit Metallröhren und Drahtgeflecht, herbstlichen Blättern und Plastikabfällen. Utopien, die aber auch Realität abbilden.

Die Malerin Karla Black, 38, die im Sommer den schottischen Pavillon in Venedig bespielen darf, macht eigentlich bildhauerische Objekte. Ihr Material sind Plastikbahnen und Stoffe, die sie mit ausgefallenen Flüssigkeiten beschichtet – Haarspray und Spülmittel, Puder und Bodylotion. Die merkwürdigen Gebilde hängen von der Decke oder wachsen aus dem Boden, sie parodieren die Malerei, zollen ihr aber gleichzeitig Tribut.

George Shaw, 44, erscheint zunächst als ein Landschaftsmaler der alten naturalistischen Schule, doch auch bei ihm täuscht die Oberfläche. Für seine vermeintlichen Ölbilder verwendet er Emaillelack, mit dem Modellbauer ihre Schiffe und Flugzeuge anmalen. Sie gibt seinen Bildern einen fast übernatürlichen Anschein. Das Thema des heute auf dem Land im Westen Englands lebenden Einzelgängers sind die traurigen Sozialbausiedlungen der nördlichen Industriestadt Sheffield, wo er aufwuchs. Trostlose Häuserzeilen, abblätternde Farbe, hier ein Garagentor, dort Pfützen auf der Straße, Unkraut überall. Seine kleine, unscheinbare Kunst trifft genau die Melancholie dieser vergessenen Stadtlandschaften.

Seit 27 Jahren wird der Preis von der Tate Gallery vergeben, und in letzter Zeit ist etwas zu beobachten, was man als eine Art Turner-Müdigkeit deuten könnte – man spricht nicht mehr so viel über ihn. Auch dass er, nachdem er schon 2007 nach Liverpool ausgelagert wurde, in diesem Jahr erneut London verlassen hat, und ins Baltic in Gateshead gezogen ist, könnte ein Indiz dafür sein. Das alles hat aber durchaus auch eine positive Seite. Der früher mit der Kandidatenliste und der Verleihung verbundene Medienrummel hat sich verflüchtigt, keine ungemachten Betten oder auseinandergesägten Schafkadaver sorgen mehr für Skandale. Es scheint wieder um Kunst zu gehen und nicht mehr nur um Publicity. Der Preis hat entscheidend dazu beigetragen, die Avantgarde in all ihren Ausformungen hoffähig zu machen, er kann also guten Gewissens etwas leiser treten.

Und was sagt die diesjährige Liste über die britische Kunst von heute? Eines sicher: Sie bewegt sich weg von der Metropole London. Nur eine der Kandidaten, Hilary Lloyd, lebt und arbeitet in London. Keiner der vier besuchte eine Kunstakademie der Hauptstadt, und zwei von ihnen, Karla Black und Martin Boyce, wurden in Glasgow ausgebildet, wo sie auch heute noch zuhause sind. Die wachsende Bedeutung der schottischen Stadt am Clyde als Kunstzentrum und der Glasgow School Art als Talentschmiede hatte sich schon in den letzten zwei Jahren abgezeichnet.

Ansonsten lässt die Kandidatenliste wie immer wenig Rückschlüsse zu, geht sie doch auf die ganz unterschiedlichen Geschmäcker der vier Juroren zurück. Die Benennung eines Favoriten ist also ebenfalls eine ganz persönliche Sache. Ich kann mich da nur Adrian Searle vom Guardian anschließen, der sich entweder George Shaw oder Karla Black auf dem Siegerpodest wünscht.

Baltic Centre for Contemporary Art Gateshead, ab 21. Oktober 2011
Preisverleihung: 5. Dezember 2011
http://www.balticmill.com/whatsOn/future/ExhibitionDetail.php?exhibID=148