Wende Museum - Los Angeles

DDR-Geschichte im US-Bunker

Ausgerechnet in den USA, im Herzen der kommerziellen Hollywood-Kultur, hat sich das Wende Museum etabliert, das Relikte untergegangener Ostblockstaaten verwahrt. art sprach mit Justinian Jampol, dem Gründer des Hauses, über DDR-Hip-Hop, die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern und das Verhältnis von DDR-Design und moderner West-Coast-Architektur.
Der Sozialismus lebt – in Los Angeles!:Museum in Los Angeles zeigt DDR-Objekte

Detail des Katalogcovers mit einem Werk von Karl Erich Koch: "Jenseits der Mauer: Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR", Justinian Jampol, Taschen Verlag

Das Wende-Museum bewahrt all das auf, was nach dem Mauerfall niemand mehr haben wollte: Ausrangierte Marx- und Lenin-Büsten, Club-Cola-Flaschen, Robotron-Computer, alle Ausgaben des "Neuen Deutschland", Underground-Plakate und FDJ-Hemden.

Gegründet wurde das Museum vor zehn Jahren von Justinian Jampol, einem jungen Kulturhistoriker, der nicht zusehen wollte, wie die Relikte des DDR-Alltags sang- und klanglos verschwinden. Mit Unterstützung renommierter Institutionen wie dem Getty-Center und dem britischen Arcadia Trust werden die ausgemusterten Zeugnisse des Gesellschaftsmodells-Ost in L.A. nun wissenschaftlich aufgearbeitet. Jampol organisiert Ausstellungen und Tagungen, er lädt Künstler ein, sich mit der Sammlung zu beschäftigen.

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls erscheint nun auch ein umfassendes Buch zur Sammlung des Museums ("Beyond the Wall/Jenseits der Mauer", 900 Seiten, Taschen-Verlag, 99,99 Euro). Zudem zieht das Museum 2015 in ein historisches Zeughaus in Culver City, wo die Sammlung erstmals in größerem Umfang gezeigt werden kann. Am 8. November findet ein erster Event auf dem neuen Gelände statt, bei dem auch das erste Stück der zukünftigen Dauerausstellung eingeweiht wird: das Pförtnerhäuschen des DDR-Nachrichtendienstes ADN, das der Berliner Künstler Christof Zwiener gerettet und in eine Kunstprojekt umgewidmet hat. art traf Justinian Jampol bei den Vorbereitungen für sein Buch in Berlin.




art: Wie hat sich das Wende-Museum seit seiner Gründung vor zehn Jahren entwickelt?

Justinian Jampol: Das Museum hat sich von einem Forschungsinstitut in etwas viel Größeres verwandelt. Wir ziehen gerade in eine fantastische neue Location um, ein ehemaliges Zeughaus der Nationalgarde der US-Armee, mitten in Culver City, Baujahr 1949. Damit bekommen wir so etwas wie ein "Schwerter zu Pflugscharen"-Thema. Denn mit dem Ende des Kalten Krieges wurde auch dieses Militärgebäude überflüssig. Außerdem gefällt mir der Gedanke, dass die Relikte aus dem sozialistischen Osten jetzt in einem amerikanischen Atombunker gehütet werden. Ich finde es wichtig, dass auch die Amerikaner daran erinnert werden, dass sie Teil dieser Geschichte sind.

Zeughaus und Nationalgarde klingt ziemlich martialisch. Wie muss man sich die neuen Räume vorstellen?

Im Moment ist es tatsächlich nur ein Betonbunker mit Tresoren im Inneren, die uns vor russischen Bomben schützen sollten. Aber ich finde gerade toll, dass genau dort die Artefakte des alten Feindes lagern werden. Ich möchte klar machen, dass es bei der Präsentation nicht um eine Sammlung des Anderen geht, sondern um unser aller Geschichte. Unsere größere Mission lautet, Einstellungen zu "entprovinzialisieren". Wir sehen immer nur, dass das die Sachen von anderen sind. Dabei ist die Welt viel globaler, die Krisen sind viel globaler. Ganz ehrlich, ich glaube, wir Amerikaner brauchen immer dieses Gegengewicht, diese dunkle Macht: Das ist die Herausforderung.

Nach welchen Kriterien tragen Sie die Objekte für Ihr Museum zusammen?

Die Leute realisieren gar nicht, wie politisch diese Arbeit ist. Wir reagieren auf politische Umschwünge und versuchen, bedrohte Sammlungen zu retten. Bevor etwas zerstört oder eingeschmolzen wird, versuchen wir es zu retten. Zum Beispiel hatten wir einen Fall in Lettland: Die Sowjets haben nach ihrem Abzug ein riesiges Archiv der Roten Armee dort zurückgelassen. Die Letten waren daran nicht besonders interessiert und wollten dieses ganze Archiv voller Grafikdesign verbrennen. Wir konnten sie überzeugen, dass es besser wäre, wenn wir uns darum kümmern. Innerhalb von neun Monaten haben wir die Sammlung nicht nur vor der Zerstörung gerettet, sondern auch schon einen Essay und eine Dissertation darüber vorgelegt und damit zu einem wichtigen Forschungsgegenstand gemacht. Wo sonst geht das in so einem kurzen Zeitraum? Im Moment ist der schnellst wachsende Teil unserer Sammlung übrigens Ungarn. Dort ist es gerade so, dass die konservative Regierung alles, was zwischen 1945 und 1989 an Kunst produziert wurde, als nicht authentisch ungarisch deklariert und loswerden will. Diese Kunst zu retten, ist ein so großes Projekt, dass wir uns dazu mit dem Getty Research Institute zusammen getan haben.

Wie groß ist Ihre Sammlung und soll sie noch weiter wachsen?

Wir haben über 100 000 Objekte. Damit ist ein Punkt erreicht, an dem wir sehr vorsichtig sein müssen, was wir noch weiter erwerben wollen. Denn wir sind auf ewig für diese Dinge verantwortlich, und der Erhalt und die Pflege der Sammlung ist sehr kostspielig geworden. Deshalb lehnen wir mittlerweile 99 Prozent aller Dinge, die uns angeboten werden, ab, sogar wenn man sie uns schenken will. Der einzige Grund, warum wir jetzt noch etwas akquirieren, ist, dass wir es für eine Ausstellung oder ein Buch brauchen. Oder wenn jemand eine spezielle Anfrage stellt. So haben wir beispielweise über 2000 Speisekarten aus der DDR gesammelt, weil jemand dazu eine Forschungsarbeit schreibt. Oder wenn jemand wie Jeremy Deller uns nach speziellem Material fragt, dann geben wir das an unsere Scouts weiter und die finden es für uns.

Wollen Sie sich in Zukunft auch mehr auf eigene Ausstellungen konzentrieren oder geht es bei Ihnen eher um die Forschung?

Meine größte Hoffnung ist, dass das neue Gebäude und auch die Buchveröffentlichung jetzt einen Wendepunkt darstellt, wie wir über Museen als Instituitonen nachdenken. Eine unsere Neuerungen wird sein, dass wir die Sammlung als offenes Schaulager präsentieren. Die meisten Museen zeigen ja nur 2 Prozent ihres Bestandes. Wir wollen rund 80 Prozent zeigen. Wir werden aktiv den Prozess des "Browsing" fördern, denn wenn man die Sammlung nicht kennt, weiß man oft gar nicht, wonach man suchen soll. Es wird Regale geben – 200 Fuß lang, 12 Fuß hoch – und in der Mitte einen White Cube, den Kuratoren oder Künstler nutzen können. Sie können also in der Sammlung stöbern und daraus eine Ausstellung konzipieren.

Sie haben auch ein Artist in Residence Programm für zeitgenössische Künstler. Wie sieht so eine Zusammenarbeit mit Künstlern konkret aus?

Letztes Jahr waren wir an Jeremy Dellers Installation für die Venedig-Biennale beteiligt. Da gab es diesen Raum mit den russsichen Oligarchen und den Zerftifikaten zu den Pyramiden-Spielen, das kam alles aus unserer Sammlung. Wir haben auch einen Workshop mit Taryn Simon gemacht über Überwachung und Schmuggelware. Und Shepard Fairey wird eine Schau über sowjetische Symbole kuratieren. Ich selbst arbeite an einem Projekt mit Thomas Demand. Er ist so etwas wie ein Berater des Museums geworden und hilft uns bei der ästhetischen Gestaltung der neuen Räume. Und weil wir in L.A. sind, passieren so verrückte Sachen, dass jemand wie Jan de Bont unser Lichtsystem designt, der berühmte Regisseur und Kameramann, der an Filmen wie "Speed", "Twister", "Minority Report" und "Lara Croft" beteiligt war.

Wer sind Ihre Besucher? Kommen die hauptsächlich aus L.A., oder ziehen Sie Leute aus ganz Amerika und auch aus dem Ausland an?

Das wird interessant, wenn wir unseren neuen Space bezogen haben. Unsere alten Räume waren nicht so, dass Leute einfach von der Straße hereinspazieren konnten. Aber die Projekte, die wir in der letzten Zeit unternommen haben, sind viel internationaler und zielen auf eine größeres Publikum. Wir wollen in Zukunft noch mehr versuchen, ein Museum ohne Wände zu sein, obwohl wir auch feste Räume haben. Es ist erstaunlich, dass viel mehr Leute unsere "Wall Pieces" kennen als unsere eigentlichen Museumsräume. Eines meine Lieblingsprojekte war unsere Street-Art-Aktion, für die wir sowietische Propagandakunst auf Leinwand reproduziert und wie Museumsbilder gerahmt haben. Die haben wir dann mit klassischen Labels versehen überall in Downtown L.A. aufgehängt, an Wänden, wo man sonst Street Art findet. Das faszinierende war, dass niemand die Bilder beschädigte und dass die Hausbesitzer, die normalerweise Street Art hassen, diese gerahmten Bilder gern an ihren Wänden sahen.

Was ist das coolste Research-Projekt, das bei Ihnen gerade läuft?

Das exotischte ist vielleicht dieses Projekt mit Leo Schmieding, der über Hip-Hop-Kultur hinter dem Eisernen Vorhang forscht. Er sammelt Klamotten von damals. Die DDR-Kids haben sich von Hand Adidas- und Nike-Sachen genäht. Und sie machten Mixtapes, in denen sie englisch-klingenden Sound machten, der aber nicht wirklich Englisch war. Das ist wirklich unglaublich. Es gibt auch Videos davon.

Für viele Leute dürfte Ihr Buch eine echte Überraschung sein. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist eine neue Generation herangewachsen, für die die DDR kein Thema mehr ist. Welche Aufgabe hat die Publikation für Sie?

Es ist das einzige Buch, das keine ideologische Botschaft und keine politische Unterströmung hat. Bislang war es doch immer so, dass man die DDR entweder als diesen fürchterlich unfreien Staat darstellte oder als Land mit den komischen Ossies. Aber die Leute sind auf der ganzen Welt viel unterschiedlicher als man denkt. Die Hip-Hop-Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel. Denn sogar die SED und die FDJ wussten nicht so richtig, wie sie das einordnen sollten. Zuerst versuchten die Untergrund-Clubs, offizielle Stellen davon zu überzeugen, dass Rap-Musik antikapitalistisch ist und sich gegen die USA richtet. So kam es, dass die FDJ sogar Urkunden für Break-Dancing ausstellte, die wir jetzt in unserer Sammlung haben. Wo sonst könnte man solche Dokumente finden. Für uns ist wichtig, dass wir solche Zeugnisse der Gegenkultur bewahren.

Bekommen Sie eigentlich auch finanzielle Unterstützung aus Deutschland?

Nur vom Auswärtigem Amt. Wegen des 25. Jahrestags des Mauerfalls helfen sie uns dieses Jahr, das Pförtnerhäuschen der DDR-Nachrichtenagentur ADN nach LA zu bringen. Und sie haben bei der Realisierung des DDR-Design-Projekt "Competing Utopias" in Zusammenarbeit mit dem Richard Neutra-Haus in L.A. geholfen. Dabei ging es um den kalifornischen Modernismus, der ja eine starke utopische Komponente hatte: Massenproduktion, aber gutes Design – für alle. Da gibt es bestimmte Parallelen zum DDR-Design. Ulbricht unternahm große Anstrengungen, Kunststoff zum gebräuchlichen Material zu erheben und errichtete in den fünziger Jahren die Plaste-Werke in Leuna. Er nannte Plastik das ultimative sozialistische Material, weil es für die Massenproduktion taugte, billig war und man alles daraus formen konnte, sogar Autos. Und tatsächlich ist es verblüffend, wie gut das DDR-Design zu Neutras cooler West-Coast-Architektur passt.

Wende Museum

The Wende Museum, 5741 Buckingham Parkway, Culver City, Kalifornien, USA

Wer das Wende Museum besuchen will, muss einen Termin machen. Infos: www.wendemuseum.org

Einen guten Einblick in die Sammlung gibt das Buch "Jenseits der Mauer. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR" (Hardcover, 904 Seiten). Es erschien am 9. November 2014, pünktlich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, im Taschen Verlag und kostet 99,99 Euro.
http://www.wendemuseum.org/