Rabih Mroué - Hamburg

Ritt auf einer Wolke

Das jüngste Stück des libanesischen Künstlers Rabih Mroué gastiert in Hamburg. art sprach mit ihm über seine Kunst.

Yasser wird als 17-Jähriger von einem Heckenschützen in den Kopf getroffen. Das Attentat ereignet sich während des Bürgerkriegs im Libanon, der von 1975 bis 1990 in Yassers Heimatland wütet. Durch den Kopfschuss ist das Sprachvermögen des schwer verwundeten Jugendlichen ebenso gestört wie seine Fähigkeit, die Wirklichkeit von Abbildern zu unterscheiden. Realität und Repräsentation verschmelzen. Sein Selbstgefühl ist mit den Worten verlorenen gegangen. Und seine Erinnerungen sind zu Standbildern gefroren, ohne Bewegung, ohne Handlung, ohne Ziel. Um den traumatischen Vorfall des Ich-, Bild- und Sprachverlusts kreist die jüngste Produktion des Beiruter Künstlers, Regisseurs, Schauspielers und Theaterautoren Rabih Mroué (*1967): "Riding on Cloud".

Im Mittelpunkt des vielfach gebrochenen Geschehens steht Mroués Bruder Yasser Mroué. Er tritt zugleich als Augenzeuge, Betroffener, Akteur, Kommentator und Poet auf, der schließlich mittels der Bilder der Sprache und der Sprache der Bilder seine Krise überwindet. Das 2013 in Rotterdam uraufgeführte, berührende und nachdenklich machende Kammerspiel gastiert im Rahmen des diesjährigen Internationalen Sommerfestivals in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel (noch bis 16. August, jeweils 19 Uhr).

Grundsätzlich reflektiert Rabih Mroué in seinem Werk die Geschichte und aktuelle Situation im Nachkriegslibanon und im Nahen Osten insgesamt. Wie in seiner viel beachteten Installation "The Fall of a Hair / The Pixelated Revolution" bei der dOCUMENTA (13) 2012 changiert die in Fragmente zersplitterte Biographie des Bruders zwischen direkter und indirekter, persönlicher und medialer Darstellung mittels Video- und Tonaufnahmen. Mroués dOCUMENTA-Installation führte erschreckende Videostills von Mobiltelefonen vor Augen, die während der Revolution in Syrien von den Opfern selbst im Augenblick ihres Erschossenwerdens aufgenommen wurden. Die Täter sind hier nur schemenhaft zu erkennen, die Opfer bleiben unsichtbar, sind lediglich vermittelt anwesend. In seiner letzten Theaterproduktion "33 Rounds and a Few Seconds" (2012), unter anderem beim Sommerfestival 2013 in Hamburg zu sehen, verzichtete der Künstler ganz auf Akteure und ließ die Handlung allein über Anrufbeantworter-Messages, Faxmitteilungen, Facebook-Posts und Fernsehimages in den Köpfen der Betrachter Gestalt annehmen. Im Gespräch mit Belinda Grace Gardner gibt Rabih Mroué Auskunft über einige seiner Anliegen als Künstler.


In Ihren Arbeiten zeigen sie Ereignisse oft indirekt über Medienbilder und andere Quellen aus zweiter Hand. Warum?

Rabih Mroué: Es gibt dafür zwei Hauptgründe. Ich habe das Gefühl, dass es durch den immensen Bilderstrom in den Medien und anderswo schwierig, wenn nicht unmöglich geworden ist, in der Kunst neue Bilder zu schaffen. Deshalb verwende ich gefundene Bilder, die schon existieren aus zweiter oder sogar dritter Hand. Der andere Grund ist, dass es viele Bilder gibt, die in der Gesellschaft großes Gewicht haben und die zu Ikonen des Krieges und der Krisen geworden sind. Sie sind von einer Aura umgeben. Diese Bilder paralysieren uns aus meiner Sicht. Sie blockieren unser Denken, indem sie lediglich an unsere Emotionen appellieren. Ich versuche, diese Bilder zu dekonstruieren, um Reflexionsprozesse statt rein emotionale Reaktionen auszulösen.

Geht es dabei auch um die manipulative Macht der Bilder?

Es geht mir nicht vorrangig, darum aufzuzeigen, dass Bilder manipulativ sind oder ideologischen Programmen folgen. Im Gegenteil, ich akzeptiere Bilder zu den Bedingungen, die sie mir anbieten. Dann versuche ich den Diskurs zu beleuchten, der hinter dem jeweiligen Bild steckt, um eine Debatte anzuregen, die weiter reicht.

In einigen Ihrer bisherigen Arbeiten haben Sie sich auf verschiedene Weise mit dem Phänomen der sozialen Medien befasst. Was interessiert Sie daran besonders?

Mich beschäftigt die Frage, inwiefern die sozialen Medien vielleicht im Begriff sind, den öffentlichen Raum durch eine neue Art der öffentlichen Sphäre zu ersetzen. Ich überlege, ob es wirklich möglich ist, dort einen tatsächlichen Dialog herzustellen oder die persönliche Existenz in einem größeren politischen Zusammenhang zu artikulieren. Ich habe daran meine Zweifel. Dennoch ist dies eine offene Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt.

Mir scheint, dass Sie insgesamt uneindeutige, wandelbare Realitäten zur Anschauung bringen. Es gibt nie nur die eine Geschichte, sondern viele Möglichkeiten, eine Situation zu lesen.

Mein Anliegen ist es, Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Was ist die Wahrheit? Es liegt eine große Gefahr darin, zu versuchen, das Reale vom Irrealen, Fiktion von Tatsachen, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Die Wirklichkeit ist nicht so, sondern viel komplexer. Wir sollten auf die Komplexität der Ereignisse bestehen, wo Realität und Fiktion, Fakten und Erzählungen ineinander fließen. Die Frage ist vielmehr, warum wird eine Geschichte auf eine bestimmte Weise dargestellt? Dann können wir anfangen, eine Diskussion zu führen.

Kampnagel Sommerfestival

Rabih Mouré tritt beim Sommerfestival auf Kampnagel auf
http://www.kampnagel.de/de/programm/riding-on-a-cloud/?datum=&id_datum=2676

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