Israel-Boykott - Debatte

Boykottiert Großbritannien!

"Artists for Palestine UK" nennt sich eine britische Boykott-Kampagne, der sich mittlerweile über 1000 Künstler angeschlossen haben. Darunter bildende Künstler wie Ed Atkins und Phyllida Barlow, aber auch Musiker wie Roger Waters und Brian Eno sowie der Filmemacher Ken Loach. Sie geloben, sich künftig jeder kulturellen Zusammenarbeit mit dem Staat Israel zu verweigern. In seinem Kommentar wendet sich unser Autor an die Künstler und fragt: Geht's noch?
Boykottiert Großbritannien!:Kommentar zum Israel-Boykott britischer Künstler

Zu starken Gesten gegen Israel, hier bei Protesten im malaysischen Kuala Lumpur, fühlen sich auch jene britischen Künstler berufen, die zu einem kulturellen Boykott des Landes aufrufen

Es mag mit der wachsenden Zahl von Menschen zu tun haben, die sich überfordert fühlen mit der politischen Landkarte der Gegenwart: Die Sehnsucht nach Künstlern, die stellvertretend für den Rest die politischen Eisen anpacken oder gleich selbst aus dem Feuer holen, ist groß wie lange nicht. Man findet sie in der enormen, oft unhinterfragten Begeisterung für die großen Gesten von Künstlern wie Ai Weiwei oder den Pussy Riots. Es gibt eigene Kongresse für Kunstaktivisten und politisch argumentierende Biennalen rauf und runter. Und nicht zuletzt jene Sehnsucht, die einem in Form des nostalgischen Lamento vorgetragen wird: Früher, als der alte Beuys noch Bäume pflanzte und so weiter und so fort. Ein beliebter Stammgast in den Kommentarspalten zu Meldungen um den hyperventilierenden Kunstmarkt.

Es gibt allerdings Momente, da scheint die gegenwärtige Begeisterung für aktivistische Künstler in blinden Applaus umzuschlagen. In einen Beifall, der nur die eigene politische Ahnungslosigkeit kaschiert, die eigene Bequemlichkeit mit der wir den Politikteil der täglichen Lektüre gerne überschlagen oder lieber gleich zur leichten Kost herunterscrollen. Anders ist schwer zu erklären, warum die Kunstwelt kaum mehr als mit den Schultern zuckt, wenn sich in Großbritannien mittlerweile über 1000 Künstler zu einem kulturellen Boykott gegen das Land Israel entschlossen haben: Man wolle, so geloben sie es auf der dazugehörigen Webseite, künftig weder Einladungen noch Förderungen akzeptieren, die in irgendeiner Weise auf Institutionen des israelischen Staates zurückgehen.

In der Darstellung der Initiative, der sich unter anderem Künstler wie Phyllida Barlow oder Post-Internet-Artist Ed Atkins angeschlossen haben, sind die Rollen klar verteilt. Für sich selbst hat sie die des unbeugsamen Davids reserviert: der Künstler als Oppositioneller, der sich mit einem übermächtigen Staat anlegt und voll des Risikos Stimme erhebt für "Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung". Denn um nichts anderes ginge es im "Palästinensischen Kampf", der nun auch die Sache der tapferen Künstler ist. Ihnen gegenüber steht Goliath: der übermächtige Staat Israel, der einfach nicht einsehen will, dass er selbst der eigentliche Aggressor ist, der das Elend des Nahostkonflikts nicht nur begründet, sondern unaufhörlich in die Länge zieht. Und würde der böse Staat nur aufhören, Mauern zu errichten, Grenzen zu ziehen und Bomben zu werfen, so müsste man folgern, der Konflikt wäre gelöst.

Schema: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Meine lieben britischen Künstler, soll das ein Witz sein? Die Weltsicht hinter Ihrem Boykottaufruf ist im besten Fall einseitig und vereinfachend, im schlechteren unterschlägt sie eine Reihe von historischen Tatsachen, nicht zuletzt den Antisemitismus und seine Rolle innerhalb des Nahostkonflikts bewusst – und bedient ihn dadurch leider selbst. Das beginnt mit der Behauptung, wer Kritik an Israel übe, habe stets mit "Hetzkampagnen" und "Zensur" zu rechnen. So behaupten es die Initiatoren gleich neben ihrem Aufruf, noch bevor es eine einzige Reaktion zu diesem gab. Es ist ein rhetorischer Trick, der nicht nur das eigene Handeln umso heroischer erscheinen lässt, sondern jeden Widerspruch schon im Vorfeld diskreditiert. Der Trick funktioniert wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Wer jetzt die Boykott-Kampagne kritisiert oder argumentiert, dass sie dem Antisemitismus das Wort rede, macht sich gleichsam selbst zum Teil des behaupteten Zensurapparats.

Wir kennen diese Form des verschwörerischen Schattenboxens in Deutschland nur zu gut: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!", heißt ein Klassiker unter den Stammtisch-Punshlines, dem es nichts macht, dass von Boulevard bis zu den Abendnachrichten eigentlich alle mit einstimmen: Man wird Israel ja wohl noch kritisieren dürfen! Ja, darf man, und tut es vor allem und oft genug mit einer Selbstgerechtigkeit, die den Geschichtsbewussten hierzulande eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. 70 Prozent der Deutschen glauben einer Umfrage zufolge, dass Israel seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker verfolge. Wo haben diese Menschen sich informiert, wenn nicht über "Tagesschau", "Bild" und "Spiegel Online"? Es gibt keine Zensur – auch nicht in Großbritannien – es gibt allenfalls eine tendenziöse Berichterstattung. Welche Tendenz sie hat? Wir können gerne darüber streiten. Mir zumindest kommen Berichte mit Überschriften wie der folgenden sehr bekannt vor, deren Urheber ihre eigene Befangenheit nicht mal selbst registrieren: "Israel erwidert trotz Waffenruhe Beschuss aus Gaza." (Spiegel Online)

Das Niveau der eigenen Kunst unterschritten

Es ist das bewährte Erzählmuster, dem die britischen Künstler offenbar kritiklos folgen: Die bösen Israelis mit ihren großen Waffen gegen die armen Palästinenser, die scheinbar nur mit Steinen werfen (für Freiheit und Gleichberechtigung versteht sich). Da werden immer wieder Opferzahlen abgeglichen, als würde damit etwas über die Verhältnismäßigkeit gesagt, solange ausgeblendet bleibt, mit welchem Aufwand die israelische Seite mittlerweile das Leben ihrer Bewohner schützt. In die hiesige Berichterstattung schafft es der Konflikt in der Regel erst, wenn die israelische Armee zu Gegenangriffen übergeht. Wie schwer es mitunter für Journalisten ist, sich diesen Erzählmustern und Propagandabildern zu entziehen, das hat erst kürzlich ein ARD-Korrespondent nachgezeichnet. Es sei nahezu unmöglich in Bildern zu zeigen, "was es vor allem im [israelischen] Grenzgebiet bedeutet, seit Jahren mit dem Code Red Alarm leben zu müssen und dann nur zwischen 15 und 40 Sekunden Zeit zu haben, sich in einen Schutzraum zu flüchten. Allein in einem Städtchen wie Sderot rund 1000 Mal pro Jahr." Es sind keine Steinwürfe, die dort mit Raketenabwehrsystemen vereitelt werden. Aber es helfe auch nicht, schreibt der Korrespondent, "die eingesammelten und aufgereihten Raketen zu filmen", denn was seien solche abstrakten Bilder gegenüber der Wucht der Bilder von verletzten Kindern und schreienden Müttern im Gaza?

Es geht hier nicht darum, sich nun schlechterdings mit der anderen Konfliktpartei gemein zu machen. Es gibt Aktionen des israelischen Militärs, der dortigen orthodoxen Kräfte und auch der Regierung Netanjahu, die man mit Recht kritisieren muss. Es ist nichts falsch daran, mit jenen Palästinensern mitzufühlen, die in dem Konflikt Familienmitglieder oder ihr Zuhause verloren haben. Wenn aber Künstler wie Ed Atkins, dessen Arbeiten eigentlich eine gewisse Sensibilität für die Suggestivkraft von Bildern und Erzählungen vermuten lassen, leichtfertig der Darstellung eines Jahrzehnte anhaltenden Konfliktes folgen, in der Held und Bösewicht so verdächtig einfach auszumachen sind wie in dem britischen Boykottaufruf, ist das ein dramatisches Zeugnis für den Differenzierungsgrad ihres politischen Bewusstseins. Will man von solchen Künstlern wirklich über die Ordnung der politischen Welt unterrichtet werden?

Jeremy Deller hat seine Unterschrift zurückgezogen

Jeremy Deller, der vor zwei Jahren noch den britischen Pavillon der Biennale von Venedig bespielte, hat seine Unterschrift mittlerweile zurückgezogen. Er stimme, erklärte er auf Nachfrage, mit der Darstellung nicht in allen Punkten überein und könne sich unter bestimmten Umständen auch vorstellen, in Israel zu arbeiten oder auszustellen. Die anderen Künstler schließen das für sich aus. Dabei zeugt nicht nur die Wahl ihres politischen Mittels (die des Boykotts) von einer unangenehmen Geschichtsvergessenheit, auch die dafür angeführten Begründungen. Da wird die Situation im Nahen Osten mit der im Südafrika der Apartheid verglichen, als wäre es ein israelischer Rassismus, der diesem Konflikt zugrunde läge. Natürlich gibt es in Israel Fälle von ethischer Diskriminierung, es gibt dort aber auch einen einigermaßen funktionierenden Rechtsstaat, der die Gleichheit seiner Bürger "unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion oder ihrem Geschlecht" zum Grundsatz hat. Klar kann man nun die praktische Diskriminierung von Muslimen dort kritisieren – nur, wie schief und selbstherrlich ist die Anklage aus Großbritannien, wenn sie das folgende nicht in einem Satz erwähnt: Es ist die derzeitige Regierung des Gazastreifen, die Hamas, die das "Töten von Juden" in ihrer Charta zur Pflicht für jeden Muslim erklärt und die "Zerstörung Israels" zu ihrem obersten Ziel. Doch bei den britischen Künstlern wird offenbar mit zweierlei Maß gemessen.

Es sprengt den Rahmen dieses Artikels hier nun ein ausgewogenes und umfassendes Bild des komplizierten Konflikts entgegenzustellen, in dem die Künstler Partei ergriffen haben. Vielleicht nur ein paar Fragen an die Damen und Herren Künstler, statt all der Gründe, die man anführen müsste: Wie mag es sich eigentlich anfühlen, im einzigen demokratischen Rechtsstaat des Nahen Ostens umringt von Staaten zu leben, die das Existenzrecht eben dieses Staates permanent infrage stellen? Umgeben von Ländern, in denen bei jeden halbwegs freien Wahlen immerzu die Islamisten die Oberhand gewinnen, die dein Leben und deine Religion noch mehr verachten als die Rechte von Frauen und Homosexuellen? Staaten, die eine offene Form des Antisemitismus tolerieren, wie wir sie bei uns kaum vorstellen können? Wie wäre es, wenn dich alle Welt schlaumeiernd mit einer Zwei-Staaten-Lösung belehrt, aber stets unter den Tisch fallen lässt, welche Angebote eben dazu von palästinensischer Seite bereits abgelehnt wurden (Stichwort Camp David II) und auch, wie brüchig nahezu alle bisherigen Friedensabkommen waren? Wenn in aller Welt jüdische Einrichtungen unter permanenten Polizeischutz stehen? Wie wäre es, nach einem Ereignis wie Auschwitz und in Anbetracht des weiterhin grassierenden Antisemitismus in der Welt, kein Land zu wissen, in dem man sich als Jude noch sicher und heimisch fühlt?

Eine letzte Frage an Sie, Herr Atkins: Wäre es nicht klug, wenn Sie statt im fernen Israel, erst mal vor der eigenen Tür anfingen: Großbritannien hat eines der unmenschlichsten Asylgesetze Europas, finanziert einen der gierigsten Geheimdienste, bringt die Bevölkerungen der Welt mit seinen Steuerparadiesen jährlich um Milliarden – ja, Ihr Land ist ein Hort des Neoliberalismus und diskriminiert das stolze Volk der Schotten seit Jahrzehnten! Verweigern Sie Ausstellungen und Unterstützungen, die in irgendeiner Form auf diesen Unrechtsstaat zurückzuführen sind! Und vergessen Sie beim boykottieren bitte nicht all anderen Unrechtsstaaten, wie Deutschland, China, die USA, Iran, Indien, Saudi-Arabien, Japan und Russland! Im Handumdrehen hätten Sie auch mich davon überzeugt, dass Ihr moralisierender Zeigefinger auf Israel aber auch nichts mit Antisemitismus zu tun hat.