Jüdische Mädchenschule - Berlin

Unternehmen Bulette

Für die Zukunft der jüdischen Mädchenschule steht das kulinarische Konzept, während das künstlerische noch erarbeitet wird. Die Grillifizierung von Berlin Mitte schreitet voran, das Gastronomen-Team vom "Grill Royal" übernimmt ganztägigen Restaurant- und Barbetrieb in Turnhalle und Hof. Galerist Michael Fuchs feilt währenddessen noch am künstlerischen Profil
Köche sind die neuen Galeristen:Kulinarik vor Kunst

Innenansicht der ehemaligen jüdischen Mädchenschule

Die Auguststraße gilt in der Berliner Kunstszene schon seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr als eine angesagte Adresse – doch sie ist immer noch für Überraschungen gut. Auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz wurde heute die Entstehung eines neuen "Kunst- und Kulturstandorts" bekanntgegeben. Direkt gegenüber den in den Neunzigern begründeten Kunst Werken (KW) und dem relativ frischen Sammlertempel des Wella-Erben Thomas Olbricht will in Kürze eine Gruppe von Kultur- und Gastronomie-Unternehmern neues Leben entstehen lassen.

Betrieben wird das Haus mit der Adresse Auguststraße 11-13 zukünftig von Michael Fuchs, einem Charlottenburger Kunsthändler und Galeristen mit New York-Erfahrung, der bislang im kulturellen Gefüge der Stadt jedoch nicht besonders auffiel. Er mietet für einen unbekannten Mietpreis auf dreißig Jahre die Immobilie, die sich seit einem Rückübertragungsdeal 2009 mit der Jewish Claims Conference im Besitz der Berliner Jüdischen Gemeinde befindet. Fuchs will rund vier Millionen Euro für eine behutsame Sanierung des Gebäudes investieren.

Das neusachliche Rotklinkergebäude, die so genannte "Jüdische Mädchenschule" kennt die Kunst-Szene spätestens seit der 4. Berlin Biennale. Damals fand dort ein Großteil des Kunstspektakels statt. Es ist keine einfache Immobilie. Der Hof grenzt an die Rückseite der Synagoge an der Oranienburger Straße und gilt beim LKA als potenzielles Anschlagsziel für politische Terroristen. Ausstellungsbesucher mussten dem Besuch der Biennale wie am Flughafen durch Metalldetektoren gehen und sich einer Leibesvisitation unterziehen, sowie ihre mitgeführten Nagelscheren und Schweizer Taschenmesser abgeben.

Doch auch wenn auf der Pressekonferenz die Berlin-Biennale immer wieder als Initialmoment für die Revitalisierung der historischen Immobilie beschworen wurde und die oberen Etagen für Ateliers und Ausstellungen genutzt werden sollen, so war doch viel mehr vom zukünftigen ganztägigen Restaurant- und Barbetrieb die Rede als von etwaigen Kunst-Visionen. Mit den Betreibern des beliebten Steakhauses und Bullettenbraterei "Grill Royal", Jessica Paul, Stephan Landwehr und Boris Radczun hat sich Fuchs die Unterstützung prominenter Gastronomen gesichert, deren Küche nicht nur, aber besonders bei Sammlern, erfolgreichen Künstlern und Galeristen gut ankommt. Sie planen unter anderem eine kleine Bäckerei, Weinladen und ein Séparée mit koscheren Gerichten. Der Hof soll mit 150 bis 200 Sitzplätzen bespielt werden.

So viel ist klar: Die Mädchenschule wird ein Ort für die mit Kunst Beschäftigten, aber nicht unbedingt ein Ort, an dem man sich mit Kunst beschäftigt. Der positive Nebeneffekt: Der Verfall des Hauses wird endlich gestoppt. "Es geht darum, das Haus zu sichern" erklärte auch Jochen Palenker, Finanzdezernent der Berliner Jüdischen Gemeinde, der nach Verhandlungen Fuchs den Vorzug gab. Ebenfalls interessiert war die Foto-Initiative C/O-Berlin, die demnächst ihr temporäres Domizil im nahe gelegenen Postfuhramt investorenbedingt räumen muss. "Es gab zwei Konzepte, wir haben uns für das wirtschaftlich eindeutig beste Angebot entschieden" betonte Palenker. Erbaut wurde die Mädchenschule ursprünglich zwischen 1927 und 1928 von Alexander Beer im Auftrag der Jüdischen Gemeinde. Beer wurde von den Nazis verschleppt und kam 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt um.

Es ist zu früh, um über die künstlerische Qualität der Initiative von Michael Fuchs zu urteilen. Doch bei allem was man nun weiß ist unübersehbar, dass das Kunstgeschehen in der Hauptstadt zunehmend auseinanderdriftet. Bislang prägten die Stadt die kleinen, experimentellen, selbstausbeuterisch geführten Galerien und Projekträume, sowie die Institutionen, die von den Zuwendungen der öffentlichen Hand mehr schlecht als recht leben. Nun schält sich eine neue Gruppe empor: gastronomisch inspirierte Schauräume, in denen sich das Sammlerego betriebswirtschaftlich solide entfalten kann. Vom Konzept her ist die Mädchenschule dem Sammlertempel Olbrichts vermutlich viel näher als der Kunstinstitution KW. Ob die neue Initiative den etwas verschnarchten, arrivierten Ruf der Mitte-Straße gefährden kann, ist zweifelhaft.