Bodybuilding - Interview

Buildhauerei

Jörg Scheller spielt Heavy Metal, ist Kraftsportler, Kunsthistoriker und Journalist. Mit art spricht er über sein Buch "No Sports!" (Franz Steiner Verlag), in dem er eine Ästhetik des Bodybuilding entwirft. Bodybuilding, so seine These, sei keine Sportart, sondern Kunst.
Buildhauerei:Interview mit einem Bodybuilder

Kunsthistoriker und Bodybuilder Jörg Scheller, daneben das Cover seines Buches "No Sports!" erschienen im Franz Steiner Verlag

Sie glauben tatsächlich Bodybuilding sei Kunst?

Bodybuilding ist Kunst, und zwar eine Form der Bildhauerei. Die Kraft ist hier kein Selbstzweck. Kraft ist nur noch Bedingung der Möglichkeit einer bestimmten Körperästhetik. Es geht nicht darum, mit einem Muskel bestimmte Lasten zu bewältigen, sondern darum, mithilfe von Training ein perfektes Bild der Kraft zu erzeugen. Deshalb muss man Bodybuilding der Kunstgeschichte zurechnen und Bodybuilding kunstgeschichtlich behandeln.

Mit was für einer Art von Kunst hätte man es dann zu tun?

Der Bodybuilder ist ein Kunstwerk, in dem sich Popkultur und Avantgarde verzahnen. Auf der einen Seite die totale Oberfläche, auf der anderen Seite die totale Selbstreferenz. Es stellt nichts mehr dar als sich selbst. Bodybuilding ist Spektakel auf der einen Seite und Modernismus auf der anderen Seite, insofern keine Geschichten erzählt werden, kein Mythos; es wird nichts mehr abgebildet. Viele Bodybuilder sprechen auch von sich als Statuen oder als Skulpturen.

Es geht also um ein gewisses Verhältnis von Mittel und Zweck: Ich trainiere nicht, um sportlich zu sein, sondern ich treibe Sport, um so auszusehen, wie ich will.

Es werden ja subjektive Urteile gefällt. Subjektive Urteile gehören ins Reich der Ästhetik. Im Sport kann ich sagen: Dieser Athlet rennt schneller. Beim Bodybuilding basiert das immer auf einem subjektiven, ästhetischen Urteil, weswegen Bodybuilding auch nicht als olympische Disziplin zugelassen wurde.

Warum werden Bodybuilder nicht als Künstler anerkannt?

Der Bodybuilder ist immer mit seinem Werk verbunden, er schleppt quasi ein persönliches Kunstwerk unablässig mit sich herum. Und das wirkt unheimlich auf uns, wenn Werk und Künstler eine Einheit bilden. Außerdem wird Bodybuilding heute pathologisiert. In den 1970er Jahren war das öffentliche Interesse vorurteilsfreier.

Wie sah die Subkultur in den 70ern aus?

Die weltweit dominante Bodybuilding-Szene war in Venice Beach, und Venice Beach war zu dieser Zeit ein Ort der Counterculture. Das waren Beatniks, das waren Surfer, das waren Hippies, das waren eigentlich alle, die nicht so richtig in die Gesellschaft reingepasst haben. Bodybuilding war ein Teil davon. Arnold Schwarzenegger hat damals seinen Körper in Kunstperformances ausgestellt, und auch Andy Warhol hat sich für das Bodybuilding interessiert

Sie haben über Arnold Schwarzenegger promoviert. Mit seinem Film "Pumping Iron" von 1977 hat er eine Ikone des Körperkults geschaffen. Welche Bedeutung hat er für das Bodybuilding als Kunstform?

Schwarzenegger zeigt eigentlich am besten, was die Stärke, aber auch das Dilemma des Bodybuildings ist. Er wurde nur berühmt, weil er in den 70er Jahren Anschluss zur Hochkultur fand. Er hat sich immer als Statue inszeniert, wurde 1975 im Whitney Museum of American Art in einer Performance ausgestellt. Warhol hat ihn in seine Factory eingeladen. Schwarzenegger symbolisiert für mich perfekt den Aufstieg aus dieser Subkultur, in dem man sich an das Kunstsystem so angeschmiegt hat. Gleichzeitig, und das ist das Dilemma, zeigt Schwarzenegger, dass die Machtzuwächse doch relativ beschränkt sind. Die Bodybuilder haben wenige Möglichkeiten, vom Film abgesehen, noch mehr aus sich zu machen. Schwarzenegger wusste ganz genau, dass er aus dieser Szene raus musste, um Macht zu gewinnen, um seine eigenen Einfluss zu mehren. Er musste seinen Körper narrativer machen, ihn wieder in eine Geschichte verwandeln, in einen Mythos.

Sie sagen, das künstlerische Potential bestehe darin, den Fitnessboom der Mittelschicht ironisch zu brechen, ihn ins Extreme zu überhöhen. Ist das ein Ansatzpunkt für das Bodybuilding, um wieder in die "Counterculture" zu kommen?

Ich glaube, nolens volens. Die Bodybuilder auf Verbandsebene hätten das schon ganz gerne, dass das Bodybuilde als sozial tragbar erachtet wird. Aber vielleicht sind die Bodybuilder heute eine radikalere Subkultur, als sie es in den 60er oder 70er Jahren waren. Die Körper sind noch monströser, noch gewaltiger, man begegnet ihnen mit noch mehr Unverständnis. Schwarzenegger hat danach eine Mittelposition innegehabt. Sein Körper war auf der einen Seite total verstörend, auf der anderen Seite so gerade an der Grenze, dass sich noch der Mainstream dafür erwärmen konnte.

Gibt es eine Grenze?

Früher dachte ich Ja, mittlerweile denke ich Nein. Immer wenn man denkt, da ist irgendwo eine Grenze, geht es dann doch weiter. Sei es bei den Wolkenkratzern, sei es bei den PS-Zahlen der Autos, bei den menschlichen Leistungen. Ich selber vermag da keine Grenze auszumachen.

Erstaunlicherweise bringen Sie jetzt Beispiele aus der Technik. Könnte man nicht auch sagen: Beim Bodybuilding verhält es sich wie auf Theaterbühnen, wo heute eben auch öffentlich onaniert wird? Müsste man nicht sagen, die Grenzüberschreitung ist dem Bodybuilding genauso eigen wie der Kunst?

Ja, da haben Sie absolut recht. Es ist eben eine avantgardistische Idee, dass es immer weiter gehen muss. Sie können eben nicht im Alten Ägypten, 2000 Jahre, auf einem Oberarmumfang verharren, der muss sich einfach verändern. Sie können auch nicht 2000 Jahre auf einer Theaterkulisse verharren oder auf einem Theatertypus. Es muss immer weitergehen. Das heißt die einzige Fortschrittsmöglichkeit besteht eigentlich in der schieren Dimension, das heißt die Masse. In der Definition. Das ist eigentlich der einzige Ausweg, wie’s weitergehen kann.

Um 1900 haben die Kraftathleten den Hercules Farnese imitiert und sich bemalt, in Kostümen posiert. Alles das ist nach nach dem Zweiten Weltkrieg weggefallen. Seitdem gibt es nur noch diese puristischen Körperkünstler, die nur noch sich selbst darstellen. Und da ist eben das Anschauungsmaterial relativ beschränkt. Vielleicht, und da könnte man spekulieren, wird es eine Wende geben wie um 1900: Dass die Bodybuiler wie Schauspieler auftreten, also eben kostümiert, bemalt, in szenischen Zusammenhängen. Aber bisher sehe ich dafür noch keine Anzeichen.

Warum nach 1945 nicht mehr?

Der erste Bodybuilding-Verband wurde in Kanada gegründet, 1946. Deswegen ist Bodybuilding eigentlich so was typisch Postmodernes, nordamerikanisch Geprägtes. Der Bodybuilder verkörpert auch den amerikanischen Traum, sich selbst neu schaffen, sich selbst neu erfinden, den Ballast der Geschichte von sich werfen. Das scheint mir das zentrale Moment für diesen Wandel zu sein. In Alteuropa war der Körper noch mit den alten Mythen verknüpft. Mit dem Klassizismus, mit den alten Bildungsidealen. Eugen Sandow, der erste Bodybuilder, konnte eben nur mit dem Deckmantel der Mythologie sich überhaupt so nackt präsentieren, wie er sich eben präsentierte. All diesen mythologischen Dekor – den braucht man in Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Es genügt, dass man ein Einzelner ist, mit einem Körper, den man dann zu einem Kunstwerk meißeln kann.

Sie selbst sind aktiv in der Szene, betreiben Kraftsport seit Jahrzehnten. Haben Sie sich gewissermaßen selbst auf die Couch gelegt?

Bei dem Buch war ich eigentlich ganz Wissenschaftler, habe auch versucht, von mir selbst zu abstrahieren und gar nicht meine eigene Geschichte mit einfließen zu lassen. Das ist geschrieben von jemand, der seit 15 Jahren Kraftsport betreibt, aber die Szene auch sehr ironisch wahrnimmt. In diesem Buch geht es eigentlich nicht um mich, allenfalls dass ich, als hauptberuflicher Kunsthistoriker, Kunstwissenschaftler, mit meiner déformation professionnelle gar nicht anders konnte, als diese Szene unter dem künstlerischen Aspekt wahrzunehmen.

Welche Wirkung wünschen Sie Ihrem Buch?

Mein Wunsch wäre natürlich, dass das Buch auch in der Bodybuilding-Szene rezipiert wird – wobei ich glaube, dass das nicht stattfinden wird. Dafür ist sie doch noch zu verschlossen. Und der andere Wunsch: Dass es vor allem in der Kunstszene rezipiert wird, um den Kunstbegriff ein bisschen gegen den Strich zu bürsten. Seit Duchamp kann man im Kunstsystem irgendwie alles machen, und es ist Kunst. Mich als Kunsthistoriker interessieren aber sehr stark künstlerische Phänomene außerhalb des Kunstsystems. Diesen Vorformen nachzugehen, das interessiert mich sehr.