Turner Preis 2013 - Gewinnerin

Erfundene Grosseltern

Mit ihrem Sieg hat wohl niemand mehr gerechnet, zu sehr standen die Wetten auf einem anderen Namen der diesjährigen Anwärter des Turner-Preises. Doch die Französin Laure Prouvost überzeugt – mit ausgedachten Großeltern.
Überraschungssieg:Laure Provoust gewinnt Turner-Preis 2013

Die französische Installationskünstlerin Laure Prouvost bekam den Turner-Preis für ihr Kunstwerk "Wantee" in Derry-Londonderry am 2. Dezember 2013 verliehen

"Ich bedanke mich dafür, dass ich in diesem Land akzeptiert wurde", sagte die in Frankreich geborene Gewinnerin Laure Prouvost. Und die junge irische Filmschauspielerin Saoirse Ronan, die das Resultat bekanntgegeben hatte, brachte Prouvosts fünf Monate alte Tochter Céleste auf die Bühne. "Sie weint aus Freude über meinen Erfolg", sagte die junge Mutter.

Die Entscheidungen von Jurys sind selten vorhersehbar, doch in diesem Jahr überraschten die Turner-Juroren ganz besonders. Für die Buchmacher hatte von Anfang an der Kunstclown David Shrigley die Nase vorn gehabt, die Kunstkenner favorisierten den Deutsch-Briten Tino Sehgal, trotz oder gerade wegen seines Gewinns des diesjährigen Biennale-Preises. Der Malerin Lynette Yiadom-Boakye dagegen wurden kaum Chancen eingeräumt.

Die Schau der vier Kandidaten gibt der Jury recht. Prouvost zeigt ihre Installation "Wantee" (2012), für die sie einen Großvater erfand, einen Konzeptkünstler, in dessen liebevoll aufgebautem Esszimmer, mit für den Nachmittagstee gedeckten Tisch, ein Film läuft, in dem er seine abstruse Kunstphilosophie erläutert. Dazu erfand sie für die Schau eine imaginäre Großmutter, die sich in einem rosa ausgeschlagenen Raum mehr häusliche Gedanken macht. Ihre Arbeit ist eine witzige, aber durchaus profunde Analyse des Verhältnisses von Realität und Fiktion.

Tino Sehgal grub eine seiner frühen Arbeiten mit Publikumsbeteiligung aus: "This Is Exchange" (2003/13). Besucher werden von elf Laiendarstellern in ein Gespräch über den Austausch von Geld, aber auch von Ideen verwickelt und werden dafür mit zwei Pfund belohnt. David Shrigley fordert mit "Life Model" (2012), einem überdimensionalen nackten Mann, den Besucher auf, diesen zu zeichnen. Ein etwas lahmes Unternehmen, das Schulkinder zu etwas verschämtem Kichern bringt. Und die Malerin Lynette Yiadom-Boakye zeigt großformatige Porträts von imaginären schwarzen Menschen, deren Präsentation in einem dunklen Raum die maltechnischen Mängel überdeckt.

Dass die Verleihung des Preises in diesem Jahr nach Derry-Londonderry verlegt wurde, ist ein Triumph für die Stadt mit den zwei Namen – der eine für den katholischen, der andere für den protestantischen Bevölkerungsteil, die an sich gegenüberliegenden Ufern des Flusses Foyle angesiedelt sind. Erst seit zwei Jahren, mit der Eröffnung der sogenannten Friedensbrücke über den Fluss, kann man bequem vom einen zum anderen Ufer gelangen.

Die Bürger der Stadt kamen in Scharen, um sich die Ausstellung der vier Preiskandidaten anzusehen. Am Wochenende der Preisverleihung mussten sie mehr als zwei Stunden Schlange stehen, um in die eigens für die Schau hergerichteten vier Räume in einer der Unterkünfte der ehemaligen britischen Kaserne Ebrington zu gelangen. Und auch die museumspädagogische Arbeit war ein Erfolg: Jede Schule Nordirlands schickte Schulklassen, die sich die Kunst der vier Anwärter erklären ließen.

Im nächsten Jahr wird der Turner-Preis wieder in die Tate Britain zurückkehren. Direktorin Penelope Curtis äußerte sich zufrieden darüber, dass sie den Preis wieder selbst ausrichten darf. Doch ihr sei klar, dass er in London "nicht denselben Nachrichtenwert und dieselbe Wirkung wie in Derry-Londonderry haben wird."

Turner Preis

bis 5. Januar,
Ebrington,
Derry-Londonderry

http://www.turnerprize2013.org/