School Of Saatchi - TV-Serie

Charles hat entschieden

In Großbritannien ging diese Woche die letzte Folge der BBC-Serie "School Of Saatchi" zu Ende. art-Korrespondent Hans Pietsch saß für uns vor dem Fernseher.
The winner is...:Die BBC sucht den Superkünstler

Preisträgerin Eugenie Scrase vor Ihrer "Abschlussarbeit"

Matt Clark, 24, konnte einem echt leid tun. Drei Wochen lang arbeitete er Tag und Nacht an seinem Wohnwagen aus Sperrholz, bis er nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Hatte es jemals eine Zeit gegeben in seinen jungen Jahren, fragte er sich, wo er nicht daran arbeitete? Das magisch beleuchtete Innere, mit halbleerem Whiskeyglas und aufgeschlagener Bibel, war von seinem Bewohner, einem gewissen Professor T. Elephas, verlassen worden. Wer dieser Professor war, was er in seinem Refugium getrieben, und warum er das Weite gesucht hatte, wurde nicht so ganz klar. Doch das Gefährt hatte Atmosphäre.

Soviel Anstrengung, soviel liebevolle und handwerklich saubere Arbeit, soviel tiefes Nachdenken muss doch eigentlich mit dem ersten Preis belohnt werden, dachten wir Zuschauer. Und wohl auch die vier Juroren, unter ihnen Tracey Emin und der Kunstkritiker Matthew Collins. Doch dann kam Charles Saatchi und machte alle unsere Hoffnungen zunichte. Oder vielmehr nicht er selbst – der scheue Supersammler, der der TV-Serie seinen illustren Namen lieh, lässt sich nie ablichten und taucht auch nie auf den eigenen Vernissagen auf. "Charles hat beschlossen", sagte seine blonde Sprecherin, "den Preis an Eugenie Scrase zu vergeben."

"Schund!", schimpfte Tracy Emin

Die 20-jährige angehende Konzeptkünstlerin, Studentin an der Londoner Slade School of Art, bohrte einen Anker in ein hoch an der Wand angebrachtes Brett, ein herunterhängendes Seil schlängelte sich auf dem Fußboden entlang. "Schund", schimpfte Tracey Emin, "eine Beleidigung", stimmte Matthew Collins zu. Doch ihre zweite Arbeit hielt ihrem strengen Urteil stand. Auf dem Nachhausweg war ihr ein blauer Eisenzaun aufgefallen, auf dem ein Baumstamm aufgespießt war. Sie holte sich die Erlaubnis, den Zaun abzubauen, und installierte ihn in Saatchis heiligen Hallen. Ein eindrucksvolles Bild, das Gewalt heraufbeschwört, Verwundung, Natur gegen Industrie? Ein würdiger Gewinner?

Aus tausenden von jungen Künstlern – oder solchen, die es werden wollen – hatten der frühere Werbeguru und seine vier Helfer sechs ausgewählt. Sie bekamen ein Atelier und mussten sich in der vierteiligen Reality-Serie der BBC mehreren Aufgaben unterziehen, beraten und kritisiert von Experten wie dem Turner-Preisträger Martin Creed und Ralph Rugoff, dem Direktor der Londoner Hayward Gallery. Im Seebad Hastings sollten sie eine Skulptur im öffentlichen Raum gestalten, in Schloss Sudeley Castle mit eigenen Arbeiten auf eine traditionelle Umgebung und die Kunst von Altmeistern reagieren.

Nach und nach schälten sich zwei Spitzenreiter heraus: Matt Clark mit seiner ansteckenden Ernsthaftigkeit und Eugenie Scrase, das Küken der Finalisten, mit ihrer jugendlichen Nonchalance. Die letzte zu bewältigende Aufgabe bestätigte den Trend. Die sechs mussten in Saatchis Londoner Privatmuseum eine Gruppenschau organisieren. Clarks Wohnwagen und Scrases aufgespießter Baumstamm ragten heraus, die anderen vier schmierten endgültig ab. Die glückliche Gewinnerin durfte ihren Zaun in Saatchis Schau mit junger britischer Kunst in der Ermitage in St. Petersburg zeigen und bekommt für drei Jahre mietfrei ein Atelier. Der Verlierer bekam als Trostpflaster den Auftrag, eine neue Arbeit zu zeigen, wenn die Schau im nächsten Jahr nach London kommt.

Was sagte uns die Serie über die zeitgenössische Kunst, über das Heranreifen von jungen Künstlern? Nicht viel. Vielleicht nur: Wer wagt, gewinnt. Den Juroren wollte allerdings eine Frage einfach nicht aus dem Kopf: Ist die junge Eugenie nun ein Genie oder ein Scharlatan? Bis zum Schluss blieben sie die Antwort schuldig. Saatchi schien keine Zweifel zu haben. Ob er sich der Ironie bewusst ist?

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