Pompeji - Kino

Pompeii live!

Bei Popcorn im Kinosessel live ins Britische Museum gucken – das ist der jüngste Versuch, Kunst den breiten Massen nahezubringen. London-Korrespondent Hans Pietsch berichtet über die innovative Vermittlungsstrategie.

Live-Übertragungen von Opern- und Theateraufführungen im Kino sind der große Erfolg der letzten Jahre.

Die New Yorker Metropolitan Opera machte es vor, andere Häuser wie Londons Royal Opera House und National Theatre zogen nach. Und das Publikum kommt in Strömen: Allein die Aufführungen des Nationaltheaters erreichten im vergangenen Jahr mehr als drei Millionen Zuschauer.

Dass die Begeisterung für Oper und Theater im Close-Up auf der Kinoleinwand auf andere Kunstformen überspringen würde, war nur eine Frage der Zeit. Vor zwei Jahren machte Londons National Gallery einen eher bescheidenen Anfang: Am Vorabend der Eröffnung von "Leonardo da Vinci am Mailänder Hof" ließ das Institut Kameras in die Ausstellungssäle. Fernsehzuschauer des Satellitensenders Sky Arts und Publikum in 40 ausverkauften Kinos wurden von zwei Moderatoren live durch die Schau geführt, ein paar Experten auf einer Couch beantworteten Fragen. "Eine unserer Aufgaben als mit öffentlichen Geldern gefördertes Museum ist es, unsere Ausstellungen einem möglichst breiten Publikum vorzustellen", sagt Pressesprecherin Jill Preston.

"pompeji live" des British Museum greift jetzt erheblich höher. Wieder dürfen Kameras in die Ausstellungssäle, wieder wird live moderiert und übertragen. Doch dazwischen werden vorher aufgenommene Szenen eingeblendet, sowohl Interviews als auch kurze Spielszenen, und vor allem digital hergestellte Rekonstruktionen eines römischen Hauses, die dem Zuschauer einen ganz realistischen Eindruck vermitteln.

Die Schau "Pompeji und Herculaneum: Leben und Tod" erzählt die Geschichte der beiden nach dem Ausbruch des Vesuv unter Staub und Lava begrabenen Städte, und zwar vom Gesichtspunkt der Bewohner aus. Der Besucher geht durch die einzelnen Räume eines typischen Bürgerhauses – Wohnräume, Schlafzimmer, Küche, Garten und Atrium – voller Alltagsgegenstände, die aus den Ruinen gerettet wurden. "Pompeji Live" nähert sich dem Thema etwas anders, sagt Kurator Paul Roberts. "Wir werden einen Tag im Leben einer Familie vorstellen, und zwar den Tag vor dem Vukanausbruch. Das gibt uns die Möglichkeit, eine spannende Geschichte zu erzählen und auch näher an die einzelnen Ausstellungsstücke heranzugehen."

Der Tag beginnt am Nachmittag, der Hausherr empfängt Gäste, das Abendessen wird vorbereitet, nach der Abendtoilette geht die Familie schlafen. Am nächsten Morgen machen sich alle fertig, nach dem Frühstück geht es in den Garten, bis dann gegen 14 Uhr das Drama des Untergangs der beiden Städte beginnt. Dem Kurator ist es überlassen, am Schluss der Übertragung die berühmtesten Ausstellungsstücke vorzustellen und zu erläutern: die Abgüsse von Leichen aus Herculaneum, die trotz ihrer Bekanntheit noch immer schockieren.

Neben Historikern und Kunsthistorikern, befragt von Fernsehmoderator Peter Snow, sind auch Restaurateur Giorgio Locatelli und Fernsehgärtnerin Rachel de Thame mit von der Partie. "Giorgio hat sogar ein römisches Brot gebacken, wie wir eines in unserer Ausstellung zeigen, das allerdings versteinert ist", sagt Paul Roberts und weist den Vorwurf, dass so etwas das Niveau des Unternehmens ungebührlich senke, energisch zurück. "Das sind ebenso Experten wie wir, und außerdem wollen wir ja auch unterhalten. Ein bisschen Glamour kann nicht schaden."

Einen anderen Weg geht der Dokumentarfilmer Phil Grabsky. Er hat, nachdem er für die Übertragung aus der National Gallery verantwortlich zeichnete, dem Live-Element zumindest vorläufig den Rücken gekehrt. Er dreht nun Dokumentarfilme über Ausstellungen, die in Kinos laufen. Er wandert nicht nur mit der Kamera durch die Ausstellungssäle und befragt Experten, er erzählt auch die Lebensgeschichte des jeweiligen Künstlers, mit Dreharbeiten vor Ort, und schaut hinter die Kulissen, wie eine Ausstellung entsteht. Sein erster Versuch, der in mehr als tausend Kinos in der ganzen Welt lief, galt der Porträtschau "Manet: Portraying Life" in der Royal Academy. Sein nächstes Opfer ist Edward Munch, dessen 150. Geburtstag in Oslos Nationalmuseum gefeiert wird. Und im Herbst wird er in die National Gallery zurückkehren und seine Kameras auf "Vermeer und die Musik" richten.

Der bisherige Erfolg der Unternehmen gibt den Museen recht, trotz der erheblichen Kosten, über die sich alle ausschweigen. "Wir decken unsere Kosten", sagt der beim BM zuständige Tim Plyming lediglich. Doch sind Kino und Fernsehen nicht Technologien des letzten Jahrhunbderts? Sollten im Zeitalter von iPad und Smartphone nicht diese zum Einsatz kommen? Für Tim Plyming ist das nur eine Frage der Zeit, "in zwei oder drei Jahren wird es soweit sein," sagt er.

Pompeii Live

In Großbritannien am 18. und 19. Juni, weltweit ab dem 29. August.

Die Liste der teilnehmenden Kinos finden Sie hier:
http://www.britishmuseum.org/whats_on/exhibitions/pompeii_and_herculaneum/pompeii_live.aspx

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