Banksy - New York

Vom Unterschied von Wissen und Glauben

Während für seine Motive von Kunstliebhabern normalerweise Summen im sechsstelligen Bereich geboten werden, ließ der britische Street-Art-Künstler Banksy im New Yorker Central Park echte, signierte Werke für nur 60 Dollar das Stück verkaufen. Er zeigt damit deutlich: Der Rahmen definiert die Wahrnehmung.
Verkehrte Welt:Niemand bemerkt echte Banksys am Straßenrand

Für nur 60 Dollar bot Street-Art-Künstler Banksy seine Motive im Central Park zum Verkauf an

Die meisten Menschen erkennen flüchtige Bekannte, die sie an einem unerwarteten Ort sehen, nicht sofort. Aber wenn sie eine Chanel-Tasche oder eine Rolex-Uhr von einem Schwarzen oder einem Asiaten am Markusplatz oder auf der Canalstreet angeboten bekommen, dann wissen sie sofort, dass diese Fakes sind. In beiden Fällen bestimmen nicht die Objekte, sondern die Umstände unsere Urteilskraft. Der Rahmen definiert die Wahrnehmung. Und das gilt ganz besonders im Kunstmarkt, wo der größte Schwachsinn für extreme Summen verkauft werden kann, wenn der Verkäufer einen entsprechenden Rahmen schafft: Für Damien Hirsts "Polka Dots" etwa, die nach nicht viel mehr aussehen als eine Kinderzimmertapete, blättern Sammler den Preis einer ganzen Tapetenfabrik hin, weil die protzigen Umstände eines Kunstevents ihrer Eitelkeit schmeichelt.

Banksy, der britische Street-Art-Star, der gerade in New York sein Unwesen treibt, hat schon häufiger gespottet über diese Bereitschaft von aufgeplusterten Reichen, sich von Künstlern und Galeristen an der Nase durch die Verkaufsarena führen zu lassen. Unter anderem ließ er Hirsts Polka-Dots mal von einem aufgesprühten Hausmädchen anheben, um dahinter die nackte Mauer zu zeigen, oder malte eine Ratte, die mit dem Mob die bunten Punkte abschrubbte. "Keep it spotless", das House-Maid-Motiv, wurde 2008 übrigens für 1.8 Millionenen Dollar auf einer AIDS-Benefiz-Auktion von Bono versteigert, was nur zeigt, dass die Verarsche der Verarsche für die Verarschten manchmal noch teurer kommt.

Doch nun hat Banksy das Rahmenphänomen einmal erfolgreich umgedreht – wobei erfolgreich in diesem Fall ausnahmsweise nicht die Einnahmen meint. Am östlichen Eingang des Central Parks gegenüber dem Apple Cube an der Fifth Avenue ließ er einen alten Mann mit Klappstuhl, roter Jacke und weißer Baseball-Kappe an einem banalen Straßenstand echte, signierte Banksys für 60 Dollar das Stück verkaufen. Es gab den blumenwerfenden Autonomen (Auktionshöchstpreis: 241 000 Dollar), den traurigen Schimpansen mit der Schürze „Keep it real“ (sonst: 286 000 Dollar) und diverse weitere sehr populäre typische Banksy-Motive. Bei etwas Verhandlungsgeschick verkaufte der freundliche Opi auch zwei Bilder für den Preis von einem. Allerdings das erste Mal um halb vier Uhr nachmittags. Über vier Stunden nach Öffnung des Stands erstand eine Dame im selben Alter wie der Banksy-Händler zwei kleine Affenbilder für ihre Enkel. Am Ende dieses sonnigen Verkaufstages an einem der belebtesten Plätze der Welt – und nur einen Steinwurf entfernt vom Guggenheim-Museum – hatte der alte Mann lediglich acht Bilder an drei Menschen für zusammen 420 Dollar verkauft.

Nun mag man sowieso finden, dass Street Art ihren logischen Handelsplatz im Straßenverkauf haben sollte. Aber dieser vielleicht etwas moralische Einwand wird nicht diese Aktion inspiriert haben. Banksys Schelmenstreich zum Begriff des Originalen berührt vielmehr einen wunden Punkt unseres Authentizitätsglaubens, der großen Einfluss auf das Wirtschaftsgut Kunst besitzt. Selbst für den größten Kunst-Nerd dürfte die Einschätzung an diesem 13. Oktober absolut eindeutig gewesen sein: Diese seriellen Schablonenmotive auf weißen Leinwänden verkauft an Touristen und Passanten sind definitiv Produktpiraterie – und dafür sind 60 Dollar ganz schön viele Bucks. Bei Sotheby's ein paar Blocks weiter und mit drei Nullen hinten dran, wäre der Preis und der Rahmen ein Garant für die Eigenhändigkeit des Künstlers, selbst wenn ein Schüler-Praktikant in der Banksy-Fabrik die Schablonen ausgesprüht hätte.

Wer mal über 200 000 Dollar für Banksy-Originale mit diesen Motiven bezahlt hat, mag sich also nun aufs Klo verziehen und laut losheulen. Aber die Absicht dieser Aktion war sicherlich nicht, den Marktwert von Banksy-Kunst zu zerstören. Der immer noch anonym arbeitende Künstler aus Bristol hat ja nichts gegen Geldverdienen, schließlich sammelt er alte Sportwagen und unterhält einen ganzen Betrieb für seine Aktionen und ihre Promotion. Und auch als Rachefeldzug gegen jene Kriminellen und Unternehmen, die seine kostenlosen Sprühfresken im öffentlichen Raum von den Wänden stehlen und auf Auktionen für sechstellige Summen verhökern, dürfte der Discount Day am Central Park nicht gemeint sein. Sonst hätte Banksy aus dem Flohmarktstand eine Dauereinrichtung gemacht. Oder ein Filialnetz mit Franchise-Unternehmern in Shanghai, Dubai, Berlin und Tel Aviv eröffnet, die – wie es Keith Haring gemacht hat – noch Banksy-Bettwäsche und -Klodeckel verkaufen. Exit through the Gift Shop eben.

Banksys Sondertalent für pointierte politische Bilderfindungen wurde hier vielmehr in ein Konzeptkunstwerk übertragen, das über die Gewissheiten von Kunstverehrung, Markenware und Shoppingreflexen spottet. Und damit dringt er mit einem Scherz zu der philosophischen Frage vor, was der Unterschied von Wissen und Glauben ist. Denn dieses soziale Experiment hat umstandslos bewiesen, dass Menschen am sichersten wissen, was man ihnen glauben macht. Den Wert einer Sache bestimmen nicht vordringlich Form und Aussage, sondern der suggestive Rahmen. Und das gilt nicht nur in den Edelboutiquen auf der Fifth Avenue, sondern vielleicht noch mehr beim Preis-Bluff mit zeitgenössischer Kunst.

Nur bei den drei Käufern und den zwei Enkelkindern dürfte es einmal andersrum sein. Die Souvenirs aus New York werden vermutlich gerahmt mit IKEA-Ware. Der Inhalt aber ist diesmal echt was wert.

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