Lagebericht - China

Wenn Ai sich geirrt hat, dann haben wir uns alle geirrt

art-Korrespondent Kito Nido untersucht die Stimmung in Peking. Ein Bericht über das "Zurück in die Zukunft"-Gefühl, die "Abwarten und Tee trinken"-Mentalität und worum sich die chinesische Regierung wirklich schert.
Aktuelles Stimmungsbild:Lagebericht aus China

Die Meinungen über den möglichen Verbleib Ai Weiweis gehen in der chinesischen Kunstszene weit auseinander. Hier ist der Künstler in seinem Studio in Peking zwei Monate vor seiner Verhaftung am 3. April 2011 zu sehen

Anfang Mai sah sich die chinesische Regierungsstelle für Radio, Film und Fernsehen (SARFT) zu einem merkwürdigen Dementi gezwungen: "Wir wollen", so Wang Weiping, stellvertretender Leiter der Fernsehabteilung, "die Ausstrahlung von Sendungen über Spione, Kriminalität und Zeitreisen nicht verbieten, sondern nur verzögern." Zuvor hatten chinesische Zeitungen über ein Sendeverbot für Krimis und Filme über Reisen in die Vergangenheit berichtet. So sollten die chinesischen Fernsehstationen ermuntert werden, "Dutzende von hervorragenden Programmen über Revolution und die Entwicklung der Kommunistischen Partei Chinas vor ihrem 90. Geburtstag" zu senden.
Mittels staatlich-programmatischem Eingriff hofft die kommunistische Regierung, die Nation feierlich auf die Partei-Festivitäten im Juli einzustimmen.

Doch für das "Zurück in die Zukunft"-Gefühl müssen manche Chinesen im Moment gar nicht den Fernseher einschalten. Und zum Feiern ist einigen auch nicht zumute. Die fortgesetzte Welle der Verhaftungen und Einschüchterung von kritischen Intellektuellen, die mit dem prominenten chinesischen Künstler Ai Weiwei Anfang April ihr prominentestes Opfer fand, löst in der Pekinger Kunstszene Staunen und Sarkasmus über die Rückkehr von Zuständen aus, die man längst für überwunden gehalten hatte. "Wenn Ai sich geirrt hat, dann haben wir uns alle
geirrt" versucht ein chinesischer Ausstellungsmacher den Grad der Irritation einer kleinen Gruppe von Leuten zu beschreiben. Verglichen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen genießen gerade die Künstler in China bislang relativ viele Freiheiten – was man auch auch als Zeichen ihrer geringen politisch-gesellschaftlichen Relevanz verstehen kann.

Gerüchte über die Hintergründe der aktuellen Verhärtung sehen in den Repressionen die politische Sprache einer anti-liberal eingestellten Regierungsfraktion: Demzufolge spricht man sich nicht öffentlich gegen die Lockerung von Bestimmungen aus, sondern lässt öffentlichkeitswirksam einen der Regierungskritiker und notorischen Verfechter von Redefreiheit verschwinden. So versucht sich – so lautet die Spekulation – eine Hardliner-Fraktion angesichts der anstehenden Generationswechsel in der politischen Führung im nächsten Jahr im Kampf um die Posten in eine günstige Ausgangslage zu manövrieren. Je näher diese These an der Wirklichkeit ist, desto weniger dürften tatsächlich kulturpolitische – oder wie im Fall von Ai, angebliche steuerpolizeiliche – Überlegungen zur jetzigen Situation geführt haben. Den Betroffenen nützten solche Gedankenspiele freilich wenig.

Viele Künstler in Peking ziehen angesichts der Geschehnisse um Ai und seinen Zirkel seither den Kopf ein. Sie verhalten sich still und warten lieber ab: Wer kann schon den Paranoia-Grad des Apparats wirklich bestimmen? "Es ist gefährlich, derzeit öffentlich seine Solidaritat zu bekunden", sagt einer von ihnen. Dass die Proteste im Ausland etwas bewirken könnten, daran glaubt man nicht. Die oberste Priorität der Regierung ist Stabilität, Ruhe und Ordnung im Inneren. Sie muss sich um rund 1,3 Milliarden Menschen und um Probleme wie etwa Korruptionsbekämpfung, sozialen Wohnungsbau, das Elend der Wanderarbeiter, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelsicherheit oder der Umgang mit ethnischen Minderheiten kümmern. Was soll sich die Regierung also um Kritik und Appelle jenseits der Grenzen scheren? Aber auch der kollektive Aufschrei von Ais chinesischen Künstler-Kollegen, waghalsige Proteste, wie man sie im Westen so gerne hören und sehen würde, wird es vermutlich nicht geben. Warum nicht?

"Bei den meisten Künstlern setzt die Verhaftung keinen Denkprozess in Bewegung", erklärt eine chinesische Kunstkritikerin, "denn das würde ja ein aktives politisches Denken voraussetzen." Dazu werde aber in China niemand angehalten. Der Mehrheit fiele es zudem schwer, den Kern von Ais Arbeit, sein Denken und seine soziale Praxis zu
verstehen. Er sei sicher auch ein Provokateur, wie nun viele Verteidiger der Regierungsaktion sagen, aber das sei nichts Spezifisches. Im Gegenteil: Das Spiel mit den Autoritäten sei unter vielen anderen chinesischen Künstlern längst eine eingeübte Selbstvermarktungs-Strategie, um Aufmerksamkeit im Westen herzustellen. Ais Ausnahmestellung rühre auch nur teilweise daher, der Sohn eines geachteten Dichters zu sein. Die, die ihn heute
respektieren, tun dies vor allem deshalb, weil er nach seiner Rückkehr nach China aus Amerika Anfang der Neunziger auch immer anschaulich vorgelebt hat, was das heißt: ein professioneller Künstler zu sein.

Innerhalb der großen schweigenden Künstlerschaft, so die Kunstkritikerin, könne man nun anhand der Reaktionen sogar drei Gruppen unterscheiden. Die eine Gruppe sei überhaupt nicht fähig, Ais Signifikanz für den Westen (und somit auch den dort herrschenden Aufruhr) zu verstehen. "Die haben keine Ahnung, was Documenta-Teilnahme oder eine Ausstellung in der Tate-Turbinenhalle bedeuten." Die zweite Gruppe wüsste um seine Popularität und seine Leistungen, verstünde aber seine Arbeit nicht. Zur dritten Gruppe gehörten diejenigen, die Signifikanz und Inhalt verstünden, jedoch aus Neid kein Wort zu Ai verlauten ließen. Wenig hilfreich seien auch diejenigen, die oberflächlich, irrational und viel zu emotional über den Fall sprächen. Als Zuhörer darf man dabei auch an die teilweise
ressentimentgeladene Diskussion im Westen denken, die Ai zur Heiligenfigur stilisiert.

Was mit Ai passiert ist oder noch passieren wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ein Kunstkritiker glaubt, dass der Künstler eines Tages einfach wieder auftauchen wird, genauso plötzlich, wie er verschwunden ist. Ein Pekinger Galerist will von einer möglichen Haftzeit zwischen sieben und zehn Jahren gehört haben. Andere wiederum spekulieren, dass hinter den Kulissen längst Verhandlungen über eine Abschiebung ins Ausland liefen. Er glaube nicht, dass Ai "innerhalb von Wochen oder Monaten freigelassen" würde, sagt Ais Schweizer Haupt-Galerist Urs Meile.

Welche Auswirkungen wird der ganze Vorgang haben? Erstmal passiere gar nichts, sagt ein Künstler – natürlich machten alle weiter wie bisher. Aber vielleicht verändere sich doch schleichend etwas. Gerade wenn sich der Druck erhöht und die Spannung bleibt, wachse die Selbstzensur. Hinzu käme eine langfristige, subtile Form der Kontrolle, die durch ihre tägliche Allgegenwärtigkeit vielen längst in Fleisch und Blut übergegangen sei. So käme es in letzter Zeit etwa zu einer verstärkten Präsenz von "Verkehrspolizei" an wichtigen Straßenkreuzungen. "Wenn aber wirklich mal ein Unfall passiert, dann helfen die gar nicht." Das muss objektiv gar nicht stimmen, es zeigt jedoch wie empfindlich man geworden ist. In diesem Klima erscheinen Geschehnisse wie kürzlich in der 35-Millionen Metropole Chongqing, wo
Tausende Menschen an zentraler Stelle mit roten Fähnchen und alten kommunistischen Hymnen der Partei huldigten, in einem anderen Licht. Es fällt schwer, sie als Nostalgiker abzutun.

Doch wie geht es weiter? Rollt jetzt die große Steuerprüfung auf die chinesische Kunstszene zu? Steuerhinterziehung ist auch in China ein weit verbreiteter Volkssport. Die rechtliche Grauzone, in der sich viele erfolgreiche Künstler auch in Steuerdingen in den vergangenen Jahren bewegten, nützt vor allem den Autoritäten, die nach Bedarf und
Belieben immer neu festlegen können, was vielleicht nicht erlaubt, aber geduldet ist und was kriminell. "Heute tut man die Leute nicht unbedingt ins Gefängnis. Oft genügt schon ein Anruf." Dennoch wünschen sich viele, dass die Verhaftung Ais soll die Kunstszene nicht in eine lange Depression stürzt. Besser ist es, wach und in Bewegung zu bleiben. "Ai hat uns Selbstbewusstsein und Selbstreflektion gezeigt," sagt ein Künstler.