Hanne Darboven - Nachruf

Gesammelte Schreibzeit

Hanne Darboven, eine der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstlerinnen, ist 67-jährig in Hamburg-Rönneburg gestorben.
Grande Dame der Konzeptkunst ist tot:Nachruf auf Hanne Darboven

Hanne Darboven 2003 in Zürich

"Ich schreibe, aber ich beschreibe nichts", hat Hanne Darboven über ihr eigenes Werk gesagt. Zehntausende Schreibmaschinenpapierseiten hat die 1941 in München geborene Künstlerin im Laufe ihres Lebens mit ihrem "künstlerischen Schreibwerk" gefüllt: mit nimmer enden wollenden Schriftzeilen und Zahlenkolonnen, Kästchen und Linien. Abschrieben aus dem Brockhaus, "Spiegel"-Magazinen, Gedichten und Schriften von Lao Tse über Martin Luther zu Charles Baudelaire und Friedrich Hölderlin.

Von der Musik über die Kunst zur Literatur und zurück

Darbovens Aufschreibungen waren somit überwiegend Abschreibungen, in denen sich vor allem eines dokumentierte: das Vergehen von Zeit. "Schreibzeit" hieß denn auch ein 1975 begonnenes Großprojekt, in dem Notationen mit gesammelten Fotos und historischen Dokumenten zusammen kamen; "Kulturgeschichte" (1980-83) nannte die Konzeptkünstlerin ein anderes, das zeitgeschichtliches Bildmaterial kombinierte; mit "Bismarckzeit" (1978), "Evolution Leibniz" (1986) oder "Ein Jahrhundert - Johann Wolfgang von Goethe gewidmet" (1971-82) wurde großen historischen Leitfiguren eine Hommage erbracht.

"Mathematische Literatur" nannte Darboven ihre seriellen Notationen, in denen sie etwa Additionen oder Quersummen aus Kalenderdaten bildete. Ab den frühen achtziger Jahren werden ihre Zahlenreihen zu "mathematischer Musik" weitergeführt: Ziffern werden Noten zugeordnet, Zahlenfolgen in Partituren übersetzt. Ihre aus der Logik geborenen Streichquartette, Symphonien und ein Requiem lässt Darboven von professionellen Musikern auf klassischen Instrumenten einspielen, gelegentlich werden sie vielsagend neben Werken etwa von Johann Sebastian Bach aufgeführt.

Hanne Darboven, die in einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie im Hamburger Stadtteil Rönneburg aufwuchs, ist selbst über die Musik zur Kunst gekommen: Sie spielte Klavier und war kurze Zeit als Pianistin aufgetreten, bevor sie 1962 ein Malereistudium an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste aufnahm. Von 1966 an verbrachte sie zwei Jahre in New York, wo sie Sol LeWitt und Carl André kennen lernte. Von Konzeptualismus und Minimal Art gingen entscheidende Impulse für die eigene künstlerische Arbeit aus.

Konservierte Lebenszeit

Ihre erste Einzelausstellung zeigte 1967 Konrad Fischer in seiner Düsseldorfer Galerie. Der Westfälische Kunstverein in Münster widmete ihr bereits 1971 eine erste Retrospektive. 1982 stellte die "politisch stets hellwache" Künstlerin im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig unter dem Titel "Weltansichten" Fotokopien von 5300 ihrer "Schreibzeit"-Blätter aus. Allein vier Mal wurde die Künstlerin von Weltrang nach Kassel eingeladen, zuletzt 2002 zu einem monumentalen Auftritt bei der Documenta 11: Über drei Stockwerke des Fridericianums ließ man sie ihr "Kontrabasssolo, opus 45" (1998-2000) entfalten - 4004 mit Zahlenfolgen beschriebene Seiten, einzeln gerahmt und dicht an dicht an die Innenwände der Rotunde gehängt (hinzu kam ihr aus acht Aktenordnern und 215 lose Blättern und Konfirmationsglückwunschkarten bestehendes "Wunschkonzert", im Staatstheater wurde vom Ensemble Modern ihr "Sextett für Streicher, opus 44" aufgeführt).

Zu sehen waren auch Filme, die Einblick in Hanne Darbovens bemerkenswertes Zuhause gewährten: einen von gesammelten Kuriositäten, Büchern und Krimskrams überbordenden Atelierkomplex auf dem Grundstück der Eltern, in dem die Künstlerin seit ihrer Rückkehr aus New York in den sechziger Jahren nach strengen, selbst bestimmten Rhythmen gelebt und gearbeitet hat. Ein privates Archiv individuell verarbeiteter Zeitgeschichte, das Darboven ihren minimalistisch-konzeptuellen Zahlenreihen, ihren Auf- und Abschreibungen immer wieder demonstrativ zur Seite stellte: Beides Zeitspeicher, in denen die nimmermüde Aufzeichnungskünstlerin auch die eigene, unvermeidlich ablaufende Lebenszeit konservierte.

Wie am Donnerstagabend bekannt wurde, ist Hanne Darboven am Montag in Rönneburg 67-jährig an Lymphdrüsenkrebs gestorben.

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