Gallery Weekend 2013 - Berlin

Berliner Buletten

Wiedergefundene Puppen, Pauschaltouristen und untergetauchte Künstler – art-Autoren berichten vom Kunstwochenende in der Hauptstadt.
Berliner Buletten:Bericht vom Gallery Weekend

Blick in die leuchtende Ausstellung in der Galerie Sprueth-Magers

Donnerstag Abend, Mitte

Preview-Restpublikum bei Sprüth Magers. Wieder einmal wäre der zögerliche Sammler bereits zu spät dran, um eines von George Condos clownesk oder fratzenhaft verzerrten Figurenbildern zu erwerben.

Bereits bei der Vorbesichtigung waren seine "Drawing Paintings" alle verkauft oder mehrfach reserviert – ungeachtet ihres mittlerweile schwindelerregenden Preisniveaus von 275 000 bis 575 000 US-Dollar. Und selbst wenn man bislang kein so großer Condo-Fan war, in diese softeisfarbenen, mehr gezeichneten als gemalten Konfigurationen frei nach Picasso muss man sich einfach verlieben. Anders als sein spanischer Ahnherr fragmentiert und vereint der Amerikaner bei seinen Gesichtern nicht kubistisch mehrere Perspektiven, sondern verschiedene psychische Zustände bis hin zum Irrsinn. Wir feiern im Anschluss mit Joseph Kosuth in der Pauly Bar dessen gleichzeitigen retrospektiven Auftritt bei Sprüth Magers. Im Obergeschoss der Galerie heizen sich nämlich die dicht präsentierten Neonarbeiten, Leuchtschriften von Kosuth aus dem Jahre 1965 bis heute zu einem Sonnenstudio philosophischer Sprach-Akrobatik auf. Zeit, das Licht-Oeuvre des Konzeptualisten der ersten Stunde neu zu bewerten. BS

Freitag Mittag in der Friedrichstraße

Man macht die Prager Künstlerin gleich beim Betreten der Galerie aus: Eva Kótatková spricht mit ihrem ganzen Körper, gestikuliert dynamisch und steht in regem Augenkontakt mit einer wissbegierigen Besuchergruppe. Eigentlich ist sie selbst die beste Vermittlerin ihrer via Collage und Stellage ausgetragenen Körper-Psyche-Studien, obwohl sie bei ihren eigentlichen Performances immer andere Menschen agieren lässt. Und ein Hauch von pseudo-nostalgischer Reformpädagogik und reanimierter Pantomime liegt schließlich auch über der Ausstellung bei Meyer Riegger. In der eindrücklichen neuen Serie "Circus" zeichnete die 31-Jährige auf alten Schwarzweißfotografien von Akrobaten mit weißen Lineaturen die energetischen Schubkräfte, Spannungspole, aber auch unsichtbare Widerstände ein, unter denen die artistischen Verrenkungen zustande kommen. Stellen die Lineaturen eher eine Prothese oder ein Korsett vor? Bezeichnen sie Aktion oder Reaktion? Psychische oder physische Bewegung? Gesellschaftliche Zugehörigkeit oder Ausschluss? Das immer auch prekäre Verhältnis von Außen- und Innenwelt bringt Kótatková mit surrealen Mitteln zur Sprache. In klassischer "Black Theatre"-Technik ließ sie Performer durch einen schwarzen Mantel Partien ihres Körpers kaschieren und derart fragmentiert Seelenqualen wie etwa Isolation ausdrücken. Kótatková erklärt: "Die Akteure sollten sich als Art Phantome in ihrer ganz eigenen Art geben. Sie verkörpern im wahrsten Sinne des Wortes psychische Situationen." Eva Kótatková, die auch auf der Biennale in Venedig vertreten sein wird, ist mit ihren multimedial arrangierten Bühnensituationen unbestreitbar eine der Entdeckungen des Gallery Weekends. BS

Freitag Abend, St. Agnes

Schon vor dem Umbau ist Johann Königs neue Galerie, eine ehemalige Kirche im feinsten Betonbrutalismus-Stil der sechziger Jahre, zur Kult-Location der Berliner Szene geworden. Diesmal drängen sich hier die Massen um eine einsame Glühbirne, die in dem Sakralraum an einem extralangen Kabel knapp über dem Boden pendelt. Das wirkt leicht hypnotisierend, irgendwie bedeutungsvoll, aber auch ein bisschen nach Scharlatanerie. Laut Pressetext geht es bei der Arbeit von Alicia Kwade um das Foucault’sche Pendel und "ein multisensorisches Experiment". Vor allem aber zeigt sich, wie ein imposanter Rahmen ein einfältiges Ding mit Bedeutung aufladen kann. Man darf gespannt sein, wie andere Künstler der Galerie mit dieser Situation umgehen werden.

In seinen alten Räumen in der Dessauer Straße präsentiert Johann König derweil seinen prominentesten Neuzugang: Monica Bonvicini – allerdings nicht mit neuen Arbeiten, sondern einer Auswahl von älteren Zeichnungen, die im letzten Jahr bereits in der Sammlung Falckenberg in Hamburg zu sehen waren. Bonvicini wurde vorher von Max Hetzler vertreten und fiel bei früheren Gallery Weekends mit starken Installationen in dessen Räumen im Wedding auf – pikanterweise auch mit einer Suite von Zeichnungen aus ihrer Serie "Hurricanes and other Catastrophes" die jetzt bei König hängt. UT

Freitag Abend, Linienstraße

Manchmal fragt man sich ja schon, was aus bestimmten Kunstwerken eigentlich geworden ist. Wo ist heute Thomas Hirschhorns "Bataille-Monument", das 2002 die Besucher der documenta in eine Kasseler Sozialbau-Siedlung lockte? Wo liegt die Sammler-Figur eingelagert, die Elmgreen & Dragset auf der Venedig-Biennale 2009 tot im Pool treiben ließen? Und was ist aus den traurigen Kinderpuppen in den Gartenstühlen geworden, die Isa Genzken 2007 bei den Skulptur-Projekten in Münster zeigte? Zumindest auf diese letzte Frage bekamen die Besucher des Gallery Weekends eine Antwort. Eine der eindrucksvollsten Arbeiten der Künstlern tauchte plötzlich wieder auf, in der Galerie Neugerriemschneider. Ein bisschen ramponiert wirkten die Puppen, wie sie da auf den Stoffstühlen lagen, mehr erschlagen als geschützt von den schräg daran gelehnten eingeklappten Sonnenschirmen. Damals in Münster waren sie monatelang Winder und Wetter ausgesetzt gewesen. Es hatte keine Absperrung gegeben, als Besucher konnte man den Assemblagen ganz nahe kommen. Sie wirkten wie die tristen Überreste eines Gartenfestes, das in einer Katastrophe geendet hatte. Selten hatte die Kunst selbst sich so verletzbar gezeigt, und so war man irgendwie erleichtert, die Werkgruppe hier in der Galerie einigermaßen wohlbehalten wieder zu sehen. Kunsträume sind eben auch Rettungsstationen für Gegenstände, die anderswo gefährlich leben. RS

Freitag Abend, Auguststraße

Elektro-Kunst ist umso gelungener, je überflüssiger man sich als Mensch fühlt. Diese einfach mal so aufgestellte Behauptung ließ sich in der Galerie Eigen + Art wunderbar überprüfen. Der Künstler Carsten Nicolai, ein Meister verzwickter elektronischer Installationen, hatte für seine Arbeit "CRT/MGN" vier Neonröhren an der Wand angebracht. Deren Bild wurde auf zwei Bildschirme übertragen, die am Boden lagen. Knapp über den Monitoren schwangen zwei Pendel, an deren unteren Enden Magnete angebracht waren. Diese wiederum verzerrten das Bild der Neonröhren auf den Bildschirmen, außerdem wurde durch die Interaktion ein kurzen Knacken ausgelöst, das wiederum über eine Soundanlage verstärkt wurde. Einmal in Gang gesetzt, konnte dieser Mechanismus endlos weiterlaufen, elektronische Lakonie beherrschte den Raum, die Geräte beschäftigten sich miteinander, und wer als Zuschauer dazu kam, hatte das Gefühl, bei etwas ganz Intimem zu stören. RS

Samstag 11 Uhr, Hotel Adlon:

Dieses Gallery Weekend scheint zumindest partiell unter einem seltsamen Stern zu stehen. Die Hälfte der Zeit verbringen wir damit, in der Stadt anwesende, aber unsichtbar bleibende Künstler aufspüren. Weder Hans-Peter Feldmann noch Ugo Rondinone wollen sich ihren Ausstellungen blicken oder sprechen lassen. Scheu? Allüren? Stress? Feldmann gewährte uns schließlich Audienz in der Lobby des Hotels Adlon. Nicht, weil er mit seiner Unterkunft protzen will, sondern um vorzuführen, wieviele Pauschaltouristen mittlerweile am Wochenende das Luxushotel überschwemmen. Diese herrlich absurde Privatperformance des mittlerweile gefeierten Grandseigneurs des Lakonischen entspricht durchaus Feldmanns demokratischem Ansatz: "Die Kunst ist heute zu elitär und zu hoch angesiedelt", befindet er. "Ich möchte sie wieder dorthin zurückbringen, wo sie eigentlich herkommt: zu den normalen Leuten!" An drei Orten ist der Düsseldorfer Künstler beim Gallery Weekend vertreten: Geradezu museal präsentiert die Johnen Galerie humorvoll variierte Fundstücke der Malerei und unlimitierte Editionen wie die knallbunten "Zwei Schwestern von Schadow" zu allerdings stolzen, wenig demokratischen Preisen von 23 000 bis 155 000 Euro. Die progressivere Ausstellung sei bei Mehdi Chouakri, urteilt Feldmann selbst. Stimmt! Das schiere Nichts oder vielmehr der durch Lichtprojektionen und bloße Nägel markierte Schwund von Bildern wird dort unter dem Titel "Light Flecks" auf blauem und grünem Wandgrund ironisch glorifiziert. Und bei Wien Lukatsch sind die kompletten Künstlerbücher Feldmanns ausgebreitet: "Bücher bleiben, Ausstellungen haben ihr Ablaufdatum", kommentiert Feldmann. BS

Samstag Nachmittag am Schöneberger Ufer:

Vielleicht haben wir uns einfach zu viel erwartet. Vielleicht haben wir bei dem Hype um den jungen Oscar Murillo tatsächlich mehr den Ohren als den eigenen Augen getraut. In der Rubell Family Collection hatte der 26-jährige Shooting-Star parallel zur letzten Art Basel Miami eine gefeierte Ausstellung. Das Gerede von einem neuen Basquiat ist allerdings eher auf das ansehnliche Äußere und die offenherzige Art des aus Kolumbien stammenden Künstlers zurückzuführen, als auf das soziale Konzept seiner vom Staub und Trash des Ateliers getränkten Bilder. In der Galerie Bortolozzi sind die teils partizipativ entstandenen, aber abstrakt nichtssagenden Bilder dicht an dicht auf dem Boden und im Korridor ausgebreitet. Am souveränsten wirken noch Murillos wie kleine Bomben im Platzen begriffene Kugeln, die aus dem Ausschuss seiner Bildproduktion betoniert sind. Ja, und dann gibt es noch dieses durchaus hypnotische Video über eine kolumbianischen Süßwarenfabrik im ehemaligen Bunker in der Lützowstraße. Murillo hat es gedreht, weil viele seiner Familienmitglieder sich über die Fließbandarbeit in der Bonbonindustrie ihren Lebensunterhalt verdienen. Beim Hinausgehen dürfen sich Besucher aus einem Pappkarton mit in der Heimat produzierten Lollis bedienen. Ach herrje, braucht die Kunst wirklich wieder so markig vorgetragene Aussagen über das Kollektive in der Kunst? BS

Samstag Nachmittag, Galerie Aurel Scheibler:

Diese Schaukästen haben es in sich: Phallische Maiskolben attackieren schwarz bestrumpfte Frauenbeine, aus einem Schildkrötenpanzer starren einen glasige Augen an. Dazu abgedrehte Titel wie "Mensch sein müssen oder seltsame Tiere gibt es in China". Die Arbeiten des Filmemachers, Malers und Bildhauers Curt Stenvert sind die Entdeckung, oder besser gesagt Wiederentdeckung des Gallery Weekends. Mit seinen Vitrinenobjekten und Collagen steht der Wiener Künstler, der 1951 den ersten österreichischen Experimentalfilm drehte, 1966 auf der Venedig-Biennale ausstellte und 1992 in Köln starb, in bester Dada-Tradition. Die humorvollen, präzise ausgeführten Arbeiten erinnern aber auch an das Werk von Künstlern wie Joseph Cornell, Paul Thek oder Martin Kippenberger. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass die Alten die neuen Hipster sind. UT

Samstag Nachmittag bei Esther Schipper:

Ugo Rondinone ist offenbar ganz abgetaucht, nicht einmal zu dem Dinner ihm zu Ehren ist er am Abend zuvor erschienen. Und dann erwischen wir den erkälteten Künstlerstar doch in einem Hinterzimmer der Galerie. Der in New York lebende Schweizer ist eigentlich ganz 'down to earth' wie seine auf dem Boden mit Sand bestreuten und schwarzer Farbe entstandenen "Sternenbilder" auch. Mit Titeln wie "primitive", "primal" und "primorial" bemüht Rondinone das Ursprüngliche und Archaische in der Kunst. Bei Esther Schipper sind nun auf einem Holzboden 34 kleine Bronzepferde über die Räume wie in einer fantastischen Gulliver-Landschaft verteilt. Rondinone hat die mal grobschlächtigeren mal eleganteren Tonmodelle im Ein-Tage-Verfahren eigenhändig modelliert. Der Gruppeneffekt der montierten Pferde hat etwas Überirdisches an sich. Für Rondinones Arbeit hier wie auch im öffentlichen Raum gilt: "Ich möchte, dass sich das Publikum angesprochen fühlt oder einfach etwas Universelles entsteht." Das ist ihm mit der miniaturisierten Pferdekoppel bei Esther Schipper auf jeden Fall gelungen. Im Lager dürfen wir nicht installierte Bronzerösser genauer in Augenschein nehmen. Am Bauch tragen die tierischen Individuen handschriftlich fixierte Namen wie "the cosmos" oder "tsunami". BS

Samstag Nachmittag, Daniel Buchholz

Neue Bilder von Tomma Abts sind immer eine Senstation. Denn die Künstlerin arbeitet extrem langsam. An ihren präzisen grafischen Abstraktionen macht sich die Turner-Preisträgerin oft vier oder fünf Jahre lang zu schaffen. So entstehen Werke mit intensiver Schichtung. Sie haben immer dieselbe Größe, 48 x 38 cm, und bestechen durch ihre altmeisterliche kristalline Farbigkeit. Kein Wunder, dass die sechs kleinen Leinwände zum Preis von je 120 000 Euro sofort verkauft waren. Dazu gab es noch eine Handvoll früher Zeichnungen und Collagen – und bei näherem Hinsehen entpuppte sich eins der Bilder als massive Bronze – eine Art Gemälde-Mimikri. Insgesamt eine fein austarierte Schau, die zeigt, dass bigger nicht immer better ist. UT

Samstag Abend, KW

In Mitte hat sich in den letzten 15 Jahren viel verändert, aber eins bleibt gleich: Zur Vernissage sind die Kunst-Werke voll und im Hof vor dem Café Bravo trifft man ganz Berlin, biertrinkend. Bei der Eröffnung von "Relaunch", der ersten Ausstellung der neuen Chefkuratorin Ellen Bluumenstein lenkt auch keine Kunst vom Trubel ab – der bulgarische Künstler Nedko Solakov hat in den sonst leeren Räumen mit schwarzem Marker Ideen für kommende Ausstellungen von Ellen Blumenstein hinterlassen. Es sind kleine, hintersinnige Graffiti – nicht alle verstehen das. "Das soll jetzt der Witz sein?" fragt jemand laut im Geschiebe des Treppenhauses. Nedko Solakov erträgt derweil mit unglaublicher Gelassenheit, dass er immer wieder vor einem leeren Bildschirm sitzt. Er ist aus Sofia per Videochat zugeschaltet, man kann den Kopfhörer aufsetzen und mit ihm reden. Aber es gibt diese Momente der kollektiven Schüchternheit, in der zehn Menschen um den Bildschirm stehen und keiner den Kopfhörer nimmt. DB

Sonntag Vormittag, Haus der Kulturen der Welt

In aller Ruhe kann man durch eine der spannendsten Premieren des Wochenendes streifen: Die erste Ausstellung des neuen Kurators am Haus der Kulturen der Welt, Anselm Franke. Gemeinsam mit Diedrich Diederichsen zeigt er in "The Whole Earth" wie im Kalifornien der sechziger und siebziger Jahre die Wurzeln von Umweltbewegung und Interneteuphorie aus der irren Mischung von Gegenkultur und Rüstungsforschung entstehen. Ein Thema das leicht ausufern, theoretisch überfordern oder in Hippie-Nostalgie baden gehen könnte. Aber das Team Franke/Diederichsen hält die Spannung aus und führt mit großer Leichtigkeit durch die vielen Handlungsstränge. DB

Sonntag Nachmittag, Potsdamer Straße:

Gallery Weekend ist Volksfest, Bolle amüsiert sich: Im Hof des ehemaligen Tagesspiegel-Gebäudes ist eine mobile Espressobar im Vespa-Dreirad aufgebaut, Fiona Bennets Hutladen und das Kaufhaus von Murkudis haben geöffnet. Die Auszeichnung "fiesestes Kunstwerk des Wochenendes" erarbeitet sich eine Installation von Gabrielle Goliath in der Ausstellung "Between the Lines" kuratiert von Eva Scharrer. Goliath hat Drahtseile in 20 Zentimeter Höhe quer durch die Galerie gespannt: Stolperfallen. Ein Schild am Eingang und eine Aufsichtsdame warnen – doch wenn die Aufsicht sich umdreht, stolpern die Gäste. Und es sind Hunderte, die hier am Sonntag Nachmittag unterwegs sind. DB