Tinguely-Assistent Josef Imhof

Der Hüter der Tinguely-Maschinerie

Fröhlich blitzende Augen, blaue Latzhose – der gelernte Schweißer und Schlosser Josef Imhof aus Basel sieht aus wie ein drahtiger kleiner Bauarbeiter. 36 Jahre lang hat er die verrückten Maschinen von Jean Tinguely zusammengesetzt und dann wieder auseinandergenommen, um sie an einem anderen Ort, für eine andere Ausstellung, wieder aufzubauen. Auch nach dem Tod des eigenwilligen Künstlers 1991 war er der Hüter seines Erbes. Nächstes Jahr wird Imhof 65 Jahre alt. Im Frühling geht er in den Ruhestand.
Hüter der Tinguely- Maschinerie:Der Assistent von Tinguely geht in den Ruhestand

Josef Imhof bei der Arbeit an Tinguelys "Pit Stop", 2007

art: 36 Jahre lang haben Sie die Tinguely-Maschinen aufgebaut – ist Ihnen im Laufe der Jahre nie langweilig geworden?

Josef Imhof: Nein, es ist jedes Mal ein Erlebnis eine Maschine neu aufzubauen. Das ist immer was Neues, das ist immer toll – obwohl's immer die gleichen Maschinen sind. Aber es ist immer eine andere Umgebung. Und man ist weg von Zuhause – das ist natürlich immer schön!

Ihre Frau wird das weniger schön gefunden haben.

Ja, die freut sich schon, denn die hat unter meinem Zigeunerleben ab und zu schon etwas gelitten. Aber ich habe erst mit 50 geheiratet – meine wilden Jahre mit dem Jean brauchte sie also nicht mitzumachen! Außerdem: Welche Frau klagt nicht!

Kommt es beim Aufbauen denn nie zu Fehlern?

Die Skulptur "Rosenkavalier", die wurde mal verkehrt aufgehängt. Aber so was ist die Ausnahme. Ich kenne das Oeuvre wie meine Westentasche, ich war ja beim Entstehen der meisten Werke von Anfang an mit dabei!

Brauchen Sie keine schriftliche Anweisungen oder Notizen?

Auf Fotos gucke ich ab und zu schon mal. Aber zu 90 Prozent hat man alles im Kopf. Und der Kopf muss nicht so groß sein!

Wie hat die Zusammenarbeit denn begonnen?

Das war zufällig, über eine Zeitungsannonce. Darin suchte Tinguely einen Assistenten. Der sollte Autofahren und Kartenspielen können, schwindelfrei sein und ein Schweißer – ich erfüllte alle Voraussetzungen. Eigentlich war der Job nur für ein Jahr, aber aus einem Jahr wurde das ganze Leben.

Sie sprechen immer vom Jean. Sind Sie mehr als nur Kollegen gewesen?

Ich hätte den Jean auch um drei Uhr nachts aus dem Bett holen können – bei Problemen hat er mir immer geholfen. Reingeredet habe ich ihm allerdings nie. Ich blieb immer der Assistent. Wenn der Jean gesagt hat, das will ich so, dann habe ich das auch so gemacht. Da gab es nie Diskussionen.

Was war Tinguely denn für ein Mensch?

Er war ein richtig toller Künstler, auch wenn er ziemlich anstrengend sein konnte – ganz besonders, wenn er mit einer Skulptur anfangen wollte: Er wusste genau, was er wollte, und dann ging’s los. Auch abends um fünf, Feierabend war ein Fremdwort. Aber es war immer ein Happening – es war immer toll mit ihm zu arbeiten.

Mit dem Tod von Tinguely am 30. August 1991 fand diese Zusammenarbeit ein jähes Ende. Er starb im Alter von 66 Jahren an einem Hirnschlag.

Ja, 1985 hat er noch eine Bypassoperation gehabt. Dann hat das Herz zwar wieder voll funktioniert, so wie ein neuer Motor am Auto. Aber die Kupplung und die Bremsen waren halt nicht mehr so gut.

Sie haben sich ja so lange mit Schrauben, Rädchen und Maschinen auseinandergesetzt, dass Sie selbst den Tod von Tinguely mit den Augen eines Schlossers betrachten! Haben Sie denn keine Angst, dass Sie als Rentner Entzugserscheinungen bekommen?

Oh, nein – dafür hat der Jean selbst gesorgt! Er hat mir zu meinem 40. Geburtstag mal ein altes Auto geschenkt, ein Peugeot, Baujahr 1934. Das will ich jetzt reparieren, dazu bin ich in all den Jahren nicht gekommen. Also, vorläufig habe ich noch einiges zu tun!

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Zusammen mit Niki de Saint Phalle und zahlreichen anderen Künstlern realisierte Jean Tinguely eine gigantische, 300 Tonnen schwere Skuptur auf einer Lichtung