Intendanz Humboldt-Forum - Berlin

Kandidatencheck fürs Bundessschloss

Das Kandidatenkarussell für die Intendanz des Humboldt-Forums nimmt Fahrt auf. Nun soll Angela Merkel dem Direktor des British Museum in London, Neil MacGregor, persönlich die Leitung des bisher seelenlosen Prestige-Projekts angedient haben. Ob er kommt bleibt fraglich. art hat deshalb alternative Kandidaten unter die Lupe genommen.
Kandidatencheck fürs "Bundessschloss":Wer wird das Humboldt-Forum leiten

Es kann nur einen Intendanten geben – wer wird am Ende ein Büro im Stadtschloss beziehen dürfen? Von links nach rechts: Michael Naumann, Hortensia Völckers, Okwui Enwezor, Chris Dercon, Martin Roth, Carolyn Christov-Bakargiev

Konkrete Gespräche mit Neil MacGregor wurden von Regierungsseite zwar nicht bestätigt, wohl aber, dass man aktiv nach einem geeigneten Kandidaten sucht. MacGregor als herausragender Kulturmanager und Ausstellungsmacher wäre sicherlich eine hervorragende Wahl.

10026
Strecken Teaser

Und auch wenn der Schotte zur geplanten Eröffnung des Stadtschlosses 2019 stolze 73 Jahre alt wäre – seine Verpflichtung käme einer Sensation gleich. Falls die allerdings ausbleibt, liebe Frau Merkel, ist hier unsere erweiterte, höchst inoffizielle Kandidatenliste:

Okwui Enwezor, Direktor Haus der Kunst, München

Was qualifiziert ihn? Als Direktor der Documenta 11 hat er hunderttausenden Bundesbürgern die Globalisierung nahe gebracht, jetzt zeigt er am Münchner Haus der Kunst wie gut und charmant er auch den Alltag einer Institution beherrscht.

Größte Hürde: Dass die Diskussion um den Posten zu früh eröffnet wird und sein Name dabei aus dem Rennen fliegt.

Position in der Kandidatenriege: Klarer Favorit.

X-Faktor: Wie sehr werden die bayerischen Kulturgranden für ihn kämpfen?

Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, Berlin

Was qualifiziert sie? Sie führt die spannendsten Institutionen in Berlin – erst das Ballhaus Naunynstraße mit Lowest-Budget, jetzt das Gorki-Theater. Sie bearbeitet dabei nicht nur das Thema Migration und multikulturelle Stadt, sondern macht auch in der Form innovatives Programm über die Grenzen von Performance, Theater, Hip Hop und Kunst.

Größte Hürde: Die Hybridinstitution Humboldt-Forum soll schon Museum, Bibliothek und Uni zusammenbringen – es wäre erstaunlich, wenn das ausgerechnet eine Theatermacherin durchziehen sollte.

Position in der Kandidatenriege: Joker.

X-Faktor: Sie würde genau den Elektroschock von zeitgenössischen Impulsen bringen, um das Humboldt-Forum endlich zum Leben zu erwecken.

Hortensia Völckers, Vorstand und Künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung

Was qualifiziert sie? Die Direktorin der Bundeskulturstiftung kann Kultur – sie hat Festivals geleitet, im Führungsteam der Catherine-David-documenta gearbeitet – und sie kann mit der Politik. Als Geldgeberin ist sie von allen heiß umworben und ihr Adressbuch dürfte exzellent sein.

Größte Hürde: Sie hat noch keine eigene Institution mit Publikumsverkehr auf Bundesliga-Niveau geführt

Position in der Kandidatenriege: Irgendwo im Peloton.

X-Faktor: Sie ist seit 2002 Chefin der Bundeskulturstiftung und steht damit einem der wichtigsten Geldtöpfe der Republik vor. Wie gut käme sie damit klar, auf einmal als Kandidatin nicht verteilen, sondern werben zu müssen?

Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der Documenta 13

Was qualifiziert sie? Sie hat die bislang bestbesuchte Documenta verantwortet, die vom Publikum und den Kritikern geliebt wurde. Was will man mehr?

Größte Hürde: Ihre eloquente Verweigerung von Pressearbeit ist vielen in Erinnerung geblieben – Stichwort "das Wahlrecht der Erdbeeren".

Position in der Kandidatenriege: Geheimfavoritin.

X-Faktor: Will sie überhaupt? Und könnte sie jemand aufhalten, wenn sie wollte? Opak bleiben ist ihre große Stärke, sie hat das beste Pokerface der Kunstwelt.

Michael Naumann, Kulturstaatsminister a. D. (SPD)

Was qualifiziert ihn? Der erste und glamouröseste Kulturstaatsminister ist Schlossunterstützer der ersten Stunde – er hatte sogar mal die Schlossfassade als Tapete in seinem Büro.

Größte Hürde: Als SPD-Mitglied ist er politisch ganz klar positioniert – würden ihn CDU und FDP unterstützen? Auch schon über 70 Jahre alt.

Position in der Kandidatenriege: Alternder Kronprinz.

X-Faktor: Wie sehr wird er von der Unterstützung der Schlosslobbyisten rund um Wilhelm von Boddien profitieren?

Bernd Scherer, Intendant Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Was qualifiziert ihn? Wenn jemand vom Protokoll und der fachlichen Qualifikation quasi vorbestimmt ist, dann Bernd Scherer. Als Intendant des Haus der Kulturen der Welt führt er eine der wenigen Bundeskulturinstitutionen und bearbeitet das Thema Deutschland und die Welt. Er macht also Postkolonialismus für die breite Öffentlichkeit. Die Presse mag ihn, und er ist ein guter Fundraiser.

Größte Hürde: Sein Gastgebercharme ist ausbaufähig – trotz schönster Location liegt das Café im HKW oft verwaist da. Dabei zeigen die Kunstwerke, Grill Royal und Jüdische Mädchenschule seit Jahren, wie wichtig die Verbindung von Kultur und Eventgastronomie ist.

Position in der Kandidatenriege: Mitten im Peloton.

X-Faktor: Wie tragfähig ist sein Berliner Netzwerk im Marathonwettbewerb um den Intendantenposten?

Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums bei den Staatlichen Museen Berlin

Was qualifiziert sie? Als Chefin des Museums, das eine der Etagen des Schlosses beziehen wird, hat sie einen Vorsprung im Rennen. Die Verbindung der Ethnologischen Sammlungen mit dem Erbe von Alexander von Humboldt ist ihre Chance, aus thematischer Kompetenz und dem Rückhalt der mächtigen Staatlichen Museen auch formal die Führung zu übernehmen.

Größte Hürde: Auf einen Besucher kommen im ethnologischen Museum bis jetzt gefühlt sechs Aufsichtskräfte – Publikumserfolg sieht anders aus.

Position in der Kandidatenriege: Ebenfalls im Peloton.

X-Faktor: Wie gut ist ihr Draht zu Kulturstaatsminister Bernd Neumann?

Chris Dercon, Direktor der Tate Modern, London

Was qualifiziert ihn? Der belgische Kurator hat als Direktor des Hauses der Kunst München jahrelang ein exzellentes Programm gemacht. Jetzt öffnet er die Tate Modern für Kunst aus aller Welt und kauft mit einem Schwerpunkt Kunst aus Afrika für die Sammlung. Das ist ganz pragmatischer Postkolonialismus auf höchstem Niveau – also genau die Art von Programm, die für das Humboldt-Forum gesucht wird.

Größte Hürde: Könnte gut sein, dass die Bayern schon für "Team Enwezor" spielen.

Position in der Kandidatenriege: Der jüngere Kronprinz.

X-Faktor: Er kennt Deutschland aus seiner Zeit in München gut und hat beste Verbindungen in der Kunstwelt.

Claire Tancons, Kuratorin der Göteborg-Biennale 2013

Was qualifiziert sie? Sie ist Biennalen-erprobt und gilt in Expertenkreisen als heißes Talent: Tancons hat die Gwangju Biennale in Südkorea 2008 geleitet und an Biennalen in New Orleans, Benin und Kapstadt mitgearbeitet. Als Forscherin zum Karneval, Protestbewegungen und Kunst mit einem Master in Kunst vom Louvre, die in Guadeloupe in der Karibik geboren wurde, würde sie dem Posten schon durch ihre Biografie eine inhaltliche Ausrichtung verleihen. Und mit Karneval der Kulturen und Begeisterung für Protest sich ganz schnell in die Berliner Szene einfügen.

Größte Hürde: Da müssten die Kulturpolitiker der CDU/CSU wohl mehr als einmal tief durchatmen.

Position in der Kandidatenriege: Außenseiterin.

X-Faktor: Könnte als Verlegenheitskandidatin auftrumpfen, wenn keiner der Kronprinzen sich durchsetzen kann und der Favorit andere Pläne hat. Es gibt schließlich auch schöne Museen in Paris, London, New York oder Qatar.

Martin Roth , Direktor Victoria & Albert, London

Was qualifiziert ihn? Er hat die Staatlichen Museen Dresden geleitet und gerade mit dem beeindruckenden Karrieresprung zum Chef des V&A sein internationales Profil messerscharf geschliffen.

Größte Hürde: Zu selten in Berlin, um für sich gute Stimmung zu machen.

Position in der Kandidatenriege: Kronprinz.

X-Faktor: Ist nicht der diplomatischste, was er mit seinen Äußerungen in der Diskussion um Ai Weiwei und die Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung" im Museen im Nationalmuseum von China krachend in allen Feuilletons vorführte.