Kunstsalons - Berlin

Der dritte Raum

Die Berliner Kunstszene entdeckt den Charme der Salonkultur neu und lockt das Publikum mit Vernissagen im Flur, Diskussionen im Wohnzimmer und heißem Apfelsaft mit Zimt in der Küche. Doch jenseits des diskret dissidenten Charmes der bohemistischen Bourgeoisie lauern hinter manch bunter Tapete nüchterne wirtschaftliche Interessen.
Kunstdiskurs mit Apfelsaft:Kunstszene entdeckt den Charme der Salonkultur neu

Checkpoint Ilgen: Fre und Jaqueline Ilgen laden immer wieder erlesene Gesprächspartner, wie den amerikanischen Kunstkritiker Irving Sandler, in ihre Berliner Altbauwohnung ein

Judy war natürlich wieder ganz vorne dabei. Lange bevor alte und junge Salonlöwen im Nachwende-Berlin der frühen Neunziger Jahre ein glamourös-melancholisches Lebensgefühl kultivierten, hatte Galerist Gerd Harry Lybke im Leipzig der Achtziger Jahre in seiner Wohnung am Körnerplatz schon eingeführt, was jetzt als Präsentations- und Kommunikationsform wieder auflebt: jene Mischform aus privatem und öffentlichem Raum, die als Wohnungsgalerie, Kultursalon oder Diskussionsforum attraktive Atmosphären bietet. Was aber bewegt Berliner, ihre Rückzugsräume mit bisweilen wildfremden Menschen zu teilen?

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Strecken Teaser

Da ist einerseits die Lifestyle-Option "Bobo", allerdings nicht als "bohemian bourgeois", sondern als "bourgeois bohemian" gelesen: Fré Ilgen, international erfolgreicher Künstler mit Wohnsitz im rauen Teil Nord-Charlottenburgs, lädt beispielsweise regelmäßig zum "Checkpoint Ilgen" in die Bismarckstraße: Neben exquisiten Namen wie Rothko, Pollock und Newman an den Wänden seiner großzügigen Altbauwohnung kann er auch erlesene Gesprächspartner wie den amerikanischen Kunstkritiker Irving Sandler und Gäste wie die Sammler Heiner und Ulla Pietzsch vorweisen. Was im Gesamtbild die repräsentativen Züge eines souveränen Kunstbürgertums trägt, das sich die Insignien seiner eigenen Kundschaft einverleibt.

Das ist aber gar nicht so gemeint: Ihm gehe es in erster Linie darum, "aufs Neue Leute anzuregen, über Kunst zu reden, ohne dass es um den Markt geht", berichtet Fré Ilgen. Auch der auf dem Kunstmarkt zusehend gefragte junge Berliner Maler Christian Awe ist angetan von der Präsentation seiner Arbeit in diesem Kontext: "Hier geht es nicht nur um den Kunstmarkt, sondern um Inhaltlichkeit. In dieser Stadt gibt es 600 Galerien, aber nur wenig Auseinandersetzung. Dies ist eine gute Möglichkeit, jenseits des Marktes zu agieren."

Gutes Gespür für zeitgenössische Positionen – und Apfelsaft mit Zimt

Solchen Illusionen gibt sich Julie August nicht hin, die neben dem Galeristinnenjob in den eigenen vier Wänden auch noch die Herstellung im Wagenbach Verlag zu stemmen hat und sich mit einer in gleichen Teilen professionellen und persönlichen Arbeit für ihre "18m – Galerie für Zahlenwerte" einen festen Platz im Herzen der Hauptstadt erobert hat und sowohl unter Kuratoren, Künstlern und Galeristen als auch in ihrem Schöneberger Kiez als Garant für einen guten Abend gilt.

Das liegt einerseits an ihrem guten Gespür für zeitgenössische Positionen, andererseits an dem zur Winterzeit gereichten heißen Apfelsaft mit Zimt und vor allem aber an der spürbaren Begeisterung für ihre Künstler. Und obwohl sie die bereits den Mietvertrag für ihre Wilmersdorfer Wohnung mit dem 18 Meter langen Flur gekostet hat und auch schon Buchschwund zu beklagen war, beschreibt sie das Leben mit einem nur der Kunst gewidmeten Raum in der eigenen Wohnung schlicht als "großartig". Dass es bei ihr auch großartige Entdeckungen zu machen gibt, hat sich inzwischen auch außerhalb der Stadtgrenzen herumgesprochen: Von ihr geförderte Fotografen sind demnächst unter dem Titel "my space 02" in Tirana zu sehen.

Ähnlich leidenschaftlich, aber in einer anderen Liga, ist die Medienunternehmerin und Sammlerin Christiane zu Salm unterwegs, deren "About Change Collection" am Kupfergraben 10 über dem Bastian-Showroom und der CFA-Galerie residiert und Arbeiten von Künstlerinnen wie Birgit Brenner oder Ulla von Brandenburg zeigt. Auch hier ist in Zusammenarbeit mit einer Berliner Tageszeitung ein diskursives Moment integriert, das sich unter dem Label "Interzone" auf den amerikanischen Drogenliteraten William S. Burroughs bezieht.

"Kunst und Collage, MTV und VJing, About Change und Start Ups"

Gut postmodern warf zu Salm zur Eröffnung in den Mix, was zusammen gedacht werden kann, aber nicht zwingend zusammen gehört: "An den Schnittstellen zwischen den verschiedenen Welten entsteht Neues, entsteht Veränderung. Das ist es, was mich an Kunst interessiert: inwiefern sie Veränderungen auslösen kann, die über den eigenen Wahrnehmungsbereich hinausgehen. Die Collage ist eine solche fruchtbare Schnittstelle und beschäftigt mich seit Jahren. In der Arbeit von Kurt Schwitters ebenso wie in der von Ceal Floyer. Kunst und Collage, MTV und VJing, About Change und Start Ups in den Neuen Medien – was mich fasziniert, ist der Perspektivwechsel und die Chance, neue Zusammenhänge herzustellen." Im Klartext: Ein prima Projekt, an dem Puristen nur stören könnte, dass es einen gleichnamigen 100-Millionen-Euro-Fond gibt, der in Internet-TV-Projekte investiert und wohl nicht zu unrecht auf einen Image-Transfer von der angesagten Kunst auf die angesagten Investitionsformen spekuliert.

Jenseits davon ist auch in diesem Fall spürbar, wie eine neue Repräsentationskultur nach der Privatisierung öffentlicher Räume nun die Veröffentlichung privater Räume strategisch zur eigenen Positionierung im sozialen Gefüge der "Berliner Republik" nutzt: Am Rande einer Buchvorstellung bemerkte jüngst ein verirrter Abgesandter der bohemistischen Boheme, man hätte es hier mit dem Ausdruck eines "neofeudalen Kapitalismus" zu tun. Zu all dem würde sich der junggebliebene Pionier Judy Lybke inzwischen sicherlich schelmisch eins grinsen – und überläßt die anstrengende Arbeit zwischen Kunst und Küche der nächsten Generation: Sein ehemaliger Assistent und gelehrigster Schüler Christian Ehrentraut liegt nach dem Auszug aus der Brunnenstraße mit seiner Wohnungsgalerie am unteren Ende der Linienstraße ziemlich weit vorn in Berlin.